Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 5

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
31. Mai 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka), das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teile 1-12

11. Die Auflösung der BLPI

11.1. Mit dem Abflauen der revolutionären Bewegungen der Nachkriegszeit und der Entlassung der britischen Kolonien in Südasien in die Unabhängigkeit entstand ein enormer Druck auf die BLPI, sich den neuen nationalen Rahmenbedingungen und staatlichen Strukturen anzupassen. Für Teile der Mittelschicht bedeutete die „Unabhängigkeit“ Chancen in der politischen Sphäre des Parlaments und Karrieren in der wachsenden Staatsbürokratie und den staatlichen Unternehmen. Die Stabilisierung des Kapitalismus und der Nachkriegsboom führten zu steigenden Preisen für Exportgüter, wodurch die Bourgeoisie in der Lage war, begrenzte Zugeständnisse an die Arbeiterklasse zu machen. Das zeigte sich besonders in Sri Lanka, wo einer schwachen Kapitalistenklasse ein militantes Proletariat gegenüberstand, das teilweise unter dem Einfluss der revolutionären Führung der BLPI stand. Durch die vorübergehenden wirtschaftlichen Errungenschaften entstand die Illusion, eine sozialistische Revolution sei nicht notwendig und das Schicksal der Arbeiter ließe sich schrittweise durch eine Kombination aus parlamentarischen Manövern und Arbeitskämpfen verbessern.

11.2. Von zentraler Bedeutung für die Auflösung der BLPI zwischen 1948 und 1950 war ihr Rückfall in den Nationalismus. In ihrem „Programm für Ceylon von 1946 hatte die BLPI leidenschaftlich erklärt, dass die sozialistischen Revolutionen in Ceylon und Indien eng miteinander verbunden seien. „Selbst mit der größten Mobilisierung kann die revolutionäre Massenbewegung dieser Insel nicht ohne Hilfe von außen die Energien aufbringen, um die Kräfte zu besiegen, mit denen die Imperialisten ihre Macht in Ceylon verteidigen würden. Ceylon ist für sie nicht nur ein wirtschaftlich ausbeutbares Feld, sondern auch ein strategischer Außenposten zur Verteidigung des ganzen Empires… Andererseits wäre es undenkbar, dass Indien selbst unabhängig wird, während Ceylon eine Bastion der britischen Macht im Osten bleibt. Daher sagen wir, dass der revolutionäre Kampf in Ceylon auf jeder Stufe mit dem auf dem Kontinent verbunden ist und ein Aspekt in der gesamten indischen Revolution ist.“ Obwohl die BLPI die Teilung Indiens kritisierte, begann sie, sich von ihrer internationalistischen Perspektive zurückzuziehen und sich an die Rahmenbedingungen der neugegründeten Staaten anzupassen. Es war kein Prinzip, dass die BLPI Indiens und Sri Lankas vereint bleiben musste, aber die Gründung neuer Sektionen der Vierten Internationale hätte von intensiven Diskussionen begleitet werden müssen, wie für die revolutionäre Perspektive gekämpft werden solle; auch enge organisatorische Zusammenarbeit hätte beibehalten werden sollen. Stattdessen kam es de facto zu einer Teilung, da die meisten srilankischen Trotzkisten auf die Insel zurückkehrten. Sie wurde zum Fokus ihrer politischen Aktivitäten, zum Nachteil der Partei in Indien. Als sich die politischen Schwierigkeiten zeigten, die aus der Restabilisierung des Kapitalismus nach dem Krieg entstanden, löste sich die BLPI in kleinbürgerliche radikale Parteien auf, da sie fälschlich annahm, durch Entrismus und „linke Einheit“ schneller wachsen zu können.

11.3. Es waren die Opportunisten in der srilankischen LSSP, die den Eintritt der indischen BLPI in die Sozialistische Partei Indiens initiierten. Die Partei war 1948 von den Kongress Sozialisten nach ihrer Abspaltung von der Kongresspartei gegründet worden. Die Unterstützer der LSSP innerhalb der BLPI argumentierten, ihre Taktik des Entrismus entspräche dem, was Trotzki in den 1930ern empfohlen habe, um innerhalb der Socialist Party of America (SPA) und der französischen Sektion der Arbeiterinternationale (SFIO) wichtige Schichten für die junge Vierte Internationale zu gewinnen. In den 1930er Jahren waren diese sozialdemokratischen Organisationen durch das Auftauchen des Faschismus‘ und den Verrat des Stalinismus zu Anziehungspunkten für Arbeiter und Jugendliche geworden, die sich für revolutionäre Politik interessierten. Der Eintritt in sie stellte ein kurzfristiges taktisches Manöver dar. Die Trotzkisten bewahrten sich innerhalb dieser Parteien größtenteils die Freiheit, für ihre revolutionäre, internationalistische Perspektive zu kämpfen und konnten wichtige Schichten von Arbeitern und Jugendlichen für sich gewinnen. Keine dieser Bedingungen traf auf die Sozialistische Partei Indiens zu. Sie entwickelte sich nicht nach links, sondern steuerte auf einem rechten, nationalistischen Kurs auf den Parlamentarismus zu. Der Vorschlag, in die Kongress Sozialisten einzutreten wurde auf der Parteikonferenz der BLPI 1947 debattiert und noch abgelehnt. Anhänger der Taktik drängten dennoch auf einen langfristigen Eintritt in die Sozialistische Partei, in der Hoffnung, sie werde sich später einmal radikalisieren. Die BLPI ignorierte die Warnungen des Internationalen Sekretariats der Vierten Internationale vor unüberlegten Aktionen und stimmte auf einem Sonderparteitag im Oktober 1948 in Kalkutta für den Eintritt.

11.4. Der Eintritt in die Sozialistische Partei war von Anfang an ein Desaster. Die BLPI-Mitglieder mussten einzeln die Mitgliedschaft beantragen, konnten keine eigene parteiinterne Fraktion bilden und keine Diskussionsschriften verbreiten. Gleichzeitig nutzte die Sozialistische Partei die Talente und das Prestige ehemaliger BLPI-Mitglieder aus, um ihren Parteiapparat aufzubauen, vor allem in Städten wie Madras, wo zuvor keiner bestanden hatte. Als die Sozialistische Partei weiter nach rechts rückte, duldete sie immer weniger Kritik oder Debatten. 1952 traten die ehemaligen BLPI-Mitglieder schließlich aus der Sozialistischen Partei aus, nachdem diese in der Wahl schlecht abgeschnitten und sich mit der bürgerlichen Kisan Mazoor Praja Party vereinigt hatte. Inzwischen war jedoch in der Vierten Internationale eine opportunistische Strömung unter Führung von Michel Pablo und Ernest Mandel entstanden, die sich unter einem ähnlichen politischen Druck entwickelt hatte, wie der, dem sich die BLPI angepasst hatte. Der Pablismus zerstörte in kurzer Zeit, was von der indischen BLPI noch übrig war.

11.5. In Sri Lanka wuchs der Druck auf die BLPI, sich mit der LSSP zu vereinen, vor allem nach einer Nachwahl 1949, bei der die Spaltung der „linken Stimmen“ in BLPI und LSSP es der UNP ermöglichte, den Sitz zu gewinnen. Die Nachwahl führte zur Forderung nach Einigkeit, um die Partei im Parlament und in der Gewerkschaftsarbeit zu stärken. Die Vereinigung der BLPI mit der LSSP im Juni 1950 wird in den historischen Dokumenten der LSSP als Fusion zweier trotzkistischer Parteien dargestellt. In Wirklichkeit bedeutete sie die Verwandlung der BLPI in eine opportunistische Partei, die sich schnell an Parlamentarismus und Syndikalismus anpasste. Als Ergebnis der Spaltung wurde N.M. Perera als Führer der größten Oppositionsfraktion Oppositionschef im Parlament. Philip Gunawardena wollte sich nicht in die neue LSSP einfügen und rückte noch weiter nach rechts, brach mit der LSSP und gründete seine eigene Partei – die Viplavakari LSSP, kurz die VLSSP.

11.6. Das Programm der wiedervereinigten LSSP beschränkte sich auf Sri Lanka. Es war eine Ansammlung abstrakter Floskeln, die darauf ausgelegt waren, eine kritische Untersuchung der strategischen Erfahrungen der BLPI und der Vierten Internationale zu vermeiden. Die politischen Erfahrungen der Arbeiterklasse in Sri Lanka, ganz zu schweigen von denen in Asien oder gar dem Rest der Welt wurden nirgendwo erwähnt. Die chinesische Revolution, die sich nur ein Jahr davor abgespielt hatte, wurde nicht erwähnt. Auch die Theorie der Permanenten Revolution wurde nicht ausdrücklich erwähnt. Keine der politischen Streitfragen, die in den vergangenen fünf Jahren aufgekommen waren, wurde diskutiert. Das Programm erklärte, die Partei stehe „kompromisslos gegen alle Formen des Chauvinismus‘“, diskutierte aber nicht die Anpassung der LSSP an die kommunalistische Politik von S.W.R.D. Bandaranaike im Jahr 1947. Es sprach außerdem über das Bedürfnis nach „echter nationaler Unabhängigkeit“, beschäftigte sich aber nicht damit, dass sich die LSSP bei der Abstimmung über die Unabhängigkeit 1948 enthalten hatte. In Wirklichkeit bedeutete die „Fusion“ eine Rückkehr zum Samasamajismus, d.h. zur nationalen Tradition des srilankischen Radikalismus. Dass über diese Fragen nicht diskutiert wurde, zeigte die wahren Verhältnisse in der neuen Partei: Der rechte Flügel unter N.M. Perera war an der Macht, die ehemaligen BLPI-Führer gaben ihm „trotzkistische“ Legitimation. Statt zu intervenieren, eine politische Klarstellung zu fordern und die prinzipienlose Vereinigung zu verhindern, gab das Internationale Sekretariat unter Michel Pablo seinen Segen dazu und akzeptierte die LSSP als srilankische Sektion der Vierten Internationale.

12. Pablistischer Opportunismus

12.1. Der politische Druck, der durch die Restabilisierung des Kapitalismus in der Nachkriegszeit entstand und zur Auflösung der BLPI führte, fand seinen theoretischen Ausdruck in der Entstehung einer revisionistischen Strömung innerhalb der Vierten Internationale unter Michel Pablo und Ernest Mandel. Pablo verwarf zuerst Trotzkis Bewertung des konterrevolutionären Charakters des Stalinismus, später alle Grundlagen des Marxismus. Der Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse wurde ersetzt durch die Umwandlung ganzer Sektionen der Vierten Internationale in Agenturen der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegungen in diesen Ländern.

12.2. Erst nach ausführlicher Beratung charakterisierte die Vierte Internationale die stalinistischen Regimes in den sogenannten Pufferstaaten Osteuropas als „deformierte Arbeiterstaaten“, nachdem diese 1947-48 abrupt dazu übergegangen waren, ihre Industrie zu verstaatlichen und bürokratische staatliche Planung einzuführen. Während die Sowjetunion das Ergebnis einer proletarischen Revolution war, waren diese Staaten von Anfang an „deformiert.“ Die Veränderungen der Eigentumsverhältnisse wurden nicht durch Massenorgane der Arbeitermacht, die Sowjets, unter Führung einer mit den Bolschewiki vergleichbaren Partei vollbracht, sondern von oben von stalinistischen Parteien diktiert, die jede unabhängige Aktivität der Arbeiterklasse unterdrückten. Die Vierte Internationale erklärte außerdem: „Vom internationalen Standpunkt aus wiegen die Reformen der Sowjetbürokratie – die Angleichung der Pufferzone an die UdSSR – weit weniger schwer als die Schläge, die die Sowjetbürokratie gerade durch ihre Taten in der Pufferzone dem Bewusstsein des Weltproletariats versetzt hat“. [1]

12.3. Später wurde erklärt: „Der Begriff deformiert betont den wichtigen historischen Unterschied zwischen dem Sturz des kapitalistischen Staates im Oktober 1917 und den Umwälzungen, die in den späten vierziger Jahren in Osteuropa stattfanden, – das heißt, das Fehlen von Massenorganen der Arbeitermacht, Sowjets, unter Führung einer bolschewistischen Partei. Er bringt darüber hinaus zum Ausdruck, dass Staats- und Regierungsformen, deren Lebensfähigkeit historisch in Frage steht, und deren Taten in jedem Bereich – politisch wie ökonomisch – den Stempel ihrer verzerrten und abnormalen Herkunft tragen, nur ein vorübergehendes Dasein fristen können.

Weit davon entfernt, diesen Staatsformen neue historische Perspektiven einzuräumen, unterstreicht also die Bezeichnung deformiert den historischen Bankrott des Stalinismus und weist zwingend auf die Notwendigkeit hin, eine wirklich marxistische Führung aufzubauen, die Arbeiterklasse in einer politischen Revolution gegen die herrschende Bürokratie zu mobilisieren, wirkliche Organe der Arbeitermacht zu schaffen und die zahllosen Überbleibsel der alten kapitalistischen Verhältnisse im Staatsaufbau und in der Wirtschaft zu vernichten.“[2] Aber schon 1949 änderte Pablo die bisher provisorische Charakterisierung der Regimes mit Übergangscharakter in eine langfristige Perspektive um und ging vom jahrhundertelangen Bestehen „deformierter Arbeiterstaaten“ aus, womit er dem Stalinismus eine historisch progressive Rolle verlieh. In Anpassung an die Rahmenbedingungen des Kalten Krieges ersetzte Pablo den Kampf des internationalen Proletariats gegen den Kapitalismus durch eine neue „objektive Realität“, die „im Wesentlichen aus den kapitalistischen Regimes und der stalinistischen Welt besteht.“

12.4. Diese „neue Realität“ schloss jede unabhängige Rolle der Arbeiterklasse und der Vierten Internationale aus. Auf dem dritten Weltkongress 1951 erklärte Pablo die liquidatorischen Folgen seiner Theorien und sagte: „Was uns noch mehr von der Vergangenheit unterscheidet, und was die Qualität unserer Bewegung heute und die sicherste Garantie für unsere zukünftigen Siege darstellt, ist unsere wachsende Fähigkeit, die Massenbewegung so zu verstehen, so zu nehmen, wie sie ist – häufig verwirrt, häufig unter verräterischer, opportunistischer, zentristischer, bürokratischer und sogar bürgerlicher und kleinbürgerlicher Führung – und unsere Bestrebungen, unsern Platz in dieser Bewegung einzunehmen, um sie von ihrer jetzigen auf höhere Ebenen zu heben.“[3]

12.5. In Lateinamerika forderte Pablo die Auflösung der trotzkistischen Bewegung in die antiimperialistischen und antikapitalistischen Massenbewegungen, ohne Rücksicht auf den Klassencharakter ihrer Führungen. Er erklärte: „Diese Bewegungen von vorneherein abzulehnen, sie als reaktionär, faschistisch oder für uns bedeutungslos zu bezeichnen, wäre ein Ausdruck der alten, ‚trotzkistischen‘ Unreife und der dogmatischen, abstrakten und im negativen Sinne intellektuellen Beurteilung der Massenbewegung. (…) Anderswo, in Südafrika, Ägypten, den nordafrikanischen Kolonien und im Nahen Osten schätzen wir es so ein, dass der Weg, letztlich eine revolutionäre Partei zu bilden, im Augenblick über die bedingungslose Unterstützung für die nationale, antiimperialistische Massenbewegung und die Integration in diese Bewegung führt.“[4] Diese Orientierung stellte eine völlige Zurückweisung der Theorie der Permanenten Revolution und des Kampfes für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von bürgerlichen und halbbürgerlichen Führungen in den rückständigen kapitalistischen Ländern dar. Die Folgen des Programms zeigten sich bereits in Sri Lanka, wo Philip Gunawardena und N.M. Perera ähnliche Argumente gegen den alten Trotzkismus der „dogmatischen, abstrakten, intellektualistischen“ BLPI vorgebracht hatten, um ihre Anpassung an Bandaranaike zu rechtfertigen.

12.6. 1948 warnte Pablo die BLPI noch vor dem Eintritt in die Sozialistische Partei Indiens. Im Februar 1952 forderte er jedoch selbst Entrismus sui generis (eine besondere Art von Entrismus) auf der ganzen Welt. Wie in Indien war der Entrismus jetzt kein kurzfristiges taktisches Manöver, sondern eine langfristige Perspektive. Als Rechtfertigung dafür diente die Annahme, eine weitere Radikalisierung werde es nur in den bestehenden Arbeiterorganisationen geben. In Indien hatte der Entrismus sui generis bereits zur Demoralisierung und Desorientierung ehemaliger BLPI-Kader geführt, die in einer Organisation gefangen waren, die jeden Kampf für ein trotzkistisches Programm blockierte. Die Anwendung dieser opportunistischen Taktik führte zur Zerstörung weiterer Sektionen der Vierten Internationale.

12.7. Die theoretische Grundlage des pablistischen Opportunismus ist die Methode des Objektivismus. Später wurde dazu erklärt: „Der Standpunkt des Objektivismus besteht darin, zu betrachten anstatt praktisch revolutionär zu handeln, zu beobachten anstatt zu kämpfen, zu rechtfertigen, was geschieht, anstatt zu erklären, was getan werden muss. Diese Methode lieferte die theoretische Untermauerung für eine Perspektive, in der der Trotzkismus nicht mehr als die Lehre zur Anleitung der praktischen Tätigkeit der Partei gesehen wurde, die entschlossen ist, die Macht zu erobern und den Verlauf der Geschichte zu ändern, sondern als eine allgemeine Interpretation eines historischen Prozesses, in dessen Verlauf der Sozialismus letztlich unter der Führung nichtproletarischer Kräfte errichtet wird, die der Vierten Internationale feindselig gegenüberstehen. Insofern dem Trotzkismus überhaupt eine direkte Rolle im Gang der Ereignisse zugeschrieben wurde, bestand sie lediglich in einer Art unterbewusstem geistigen Prozess, der unbewusst die Aktivitäten der Stalinisten, Neostalinisten, Halbstalinisten und natürlich der kleinbürgerlichen Nationalisten dieser oder jener Prägung anleitete.“[5]

12.8. Die objektivistische Methode verwandelte die Theorie der Permanenten Revolution aus einem revolutionären Leitfaden für das Vorgehen der Sektionen der Vierten Internationale in eine äußere Beschreibung eines unaufhaltbaren historischen Prozesses, der sich durch andere Parteien und Führungen von selbst entwickelt. Statt den Aufbau trotzkistischer Parteien in der Arbeiterklasse anzuleiten, wurde die Theorie der Permanenten Revolution von den Pablisten in eine Methode umgewandelt, Bewegungen zu glorifizieren, die von bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien geführt wurden.

12.9. Der politische Kampf gegen den Pablismus fand seinen Höhepunkt in der Veröffentlichung eines offenen Briefes vom James P. Cannon, dem Führer der Socialist Workers Party (SWP), an die trotzkistische Weltbewegung am 16. November 1953. Der offene Brief war ein Signal für die orthodoxen Trotzkisten und führte mit Unterstützung der britischen und französischen Sektionen zur Gründung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI). Der Brief fasste folgende Grundprinzipien des Trotzkismus zusammen:

1. Der Todeskampf des kapitalistischen Systems droht, die Zivilisation durch immer schlimmere Depressionen, Weltkriege und barbarische Erscheinungen wie den Faschismus zu zerstören. Die Entwicklung von Atomwaffen unterstreicht heute diese Gefahr auf das Ernsteste und Nachdrücklichste.

2. Der Sturz in den Abgrund kann nur verhindert werden, indem der Kapitalismus weltweit durch eine sozialistische Planwirtschaft ersetzt und so die Spirale des Fortschritts, die der Kapitalismus in seiner Frühzeit in Gang gesetzt hat, wieder aufgenommen wird.

3. Dies kann nur unter der Führung der Arbeiterklasse geschehen, da sie die einzige wahrhaft revolutionäre Klasse in der Gesellschaft ist. Doch die Arbeiterklasse selbst ist mit einer Krise der Führung konfrontiert, obwohl die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse auf Weltebene noch nie so günstig wie heute dafür waren, dass die Arbeiter den Weg der Machteroberung beschreiten können.

4. Um sich für die Durchsetzung dieses welthistorischen Zieles zu organisieren, muss die Arbeiterklasse in jedem Land eine revolutionäre Partei nach dem Muster, wie sie Lenin entwickelt hat, aufbauen; d.h. eine Kampfpartei, die in der Lage ist, Demokratie und Zentralismus dialektisch zu vereinen, – Demokratie in der Entscheidungsfindung, Zentralismus bei der Durchführung dieser Beschlüsse; mit einer Führung, die von den einfachen Mitgliedern kontrolliert wird, Mitgliedern, die fähig sind, diszipliniert vorzugehen, auch wenn sie unter Feuer stehen.

5. Das Haupthindernis hierfür ist der Stalinismus, der dadurch, dass er das Ansehen der Oktoberrevolution von 1917 in Russland ausnutzt, Arbeiter anzieht, nur um dann später ihr Vertrauen zu missbrauchen, um sie entweder in die Arme der Sozialdemokratie, in Apathie oder zurück zu Illusionen in den Kapitalismus zu treiben. Den Preis für diese Verrätereien hat dann die arbeitende Bevölkerung zu zahlen, in Form einer Stärkung faschistischer oder monarchistischer Kräfte und durch neue Kriege, die der Kapitalismus hervorbringt und vorbereitet. Seit ihrer Gründung stellte sich die Vierte Internationale als eine ihrer Hauptaufgaben den Sturz des Stalinismus innerhalb und außerhalb der UdSSR.

6. Viele Sektionen der Vierten Internationale sowie Parteien und Gruppen, die mit ihrem Programm sympathisieren, stehen vor der Notwendigkeit einer flexiblen Taktik. Es ist daher umso dringender, dass sie wissen, wie man den Imperialismus und alle seine kleinbürgerlichen Agenturen (wie zum Beispiel nationalistische Organisationen und Gewerkschaftsbürokratien) bekämpft, ohne vor dem Stalinismus zu kapitulieren; dass sie umgekehrt wissen, wie man gegen den Stalinismus kämpft (der letzten Endes eine kleinbürgerliche Agentur des Imperialismus ist), ohne vor dem Imperialismus zu kapitulieren.[6]

12.10. Der offene Brief enthüllte Pablos Rolle in der Streikbewegung in der DDR von 1953 und im französischen Generalstreik: er hatte dem Stalinismus politisch Deckung gegeben. Über den Umgang Pablos mit den chinesischen Trotzkisten erklärte der offene Brief: „Besonders empörend ist die verleumderische Falschdarstellung, die Pablo über die politische Position der chinesischen Sektion der Vierten Internationale verbreitet. Die Pablo-Fraktion stellt sie als ‚Sektierer‘ und ‚Flüchtlinge vor der Revolution‘ hin. (…) Doch Pablos versöhnlerische Linie gegenüber dem Stalinismus führt ihn unweigerlich dazu, das Mao-Regime schönzufärben und die prinzipielle Haltung unserer chinesischen Genossen mit Schmutz zu bewerfen.“[7]

12.11 Nach reiflichen Überlegungen über die Entwicklung des maoistischen Regimes bezeichneten die Socialist Workers Party in den USA und das IKVI China als deformierten Arbeiterstaat. 1955 lieferte die SWP in einer Resolution ihres Parteitags eine detaillierte Analyse der chinesischen Revolution, ihrer Auswirkungen auf die Weltpolitik und der Wandlung der Klassenbeziehungen in China, sowie der stalinistischen KPCh und ihrer Politik. Zusammenfassend kam das Dokument zu folgender Einschätzung über die Revolution von 1949: „Die objektive Dynamik und die innere Logik des Kampfes gegen imperialistische Intervention zwang die Bürokratie, mit dem Kapitalismus zu brechen, die Produktionsmittel zu verstaatlichen, ein Monopol auf den Außenhandel zu errichten, einheitlich zu planen und somit die Bedingungen für die Einführung von Produktionsverhältnissen und Institutionen zu schaffen, die als Grundlagen eines Arbeiterstaates gelten. Heute ist China zumindest die stalinistische Karikatur eines Arbeiterstaates, ein deformierter Arbeiterstaat, hervorgegangen aus der stalinistisch deformierten dritten chinesischen Revolution.“[8]

12.12. In den 1980er Jahren stellte das chinesische Regime die kapitalistischen Besitzverhältnisse wieder her und verwandelte das Land in das größte Billiglohnland der Welt. Damit hat sich die prinzipielle Position des Internationalen Komitees vollständig bewahrheitet. Im Gegensatz zu den Pablisten betonte das IKVI, sofern das Regime der KPCh nicht von einer politischen Revolution der Arbeiterklasse gestürzt werde, würden die Maoisten aufgrund der nationalistischen Perspektive des „Sozialismus in einem Land“ unweigerlich den Kapitalismus wieder einführen, wie es Trotzki in der Verratenen Revolution vorhergesagt hatte. Gleichzeitig lehnte das IKVI die diversen „staatskapitalistischen“ Tendenzen ab, die die enormen Auswirkungen der chinesischen Revolution, die Verstaatlichung der Privatwirtschaft und die vereinheitlicht e Wirtschaftsplanung ignorierten und sich offen oder stillschweigend auf die Seite des Imperialismus gegen den deformierten Arbeiterstaat gestellt hatten.

Wird fortgesetzt

Fußnoten

1. David North, Das Erbe, das wir verteidigen, S.162

2. ebenda, S.181

3. ebenda, S.196

4. ebenda, S.196

5. ebenda, S.190

6. ebenda, S.231-232

7. ebenda, S.2397

8. ebenda, S.240