Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 4

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
30. Mai 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka), das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teile 1-12

9. Die Teilung Indiens

9.1 In Indien spielte die Kongresspartei die Hauptrolle dabei, die antiimperialistische Massenbewegung abzuwürgen, die unmittelbar nach dem Krieg entstand, und in ganz Südasien die Herrschaft des Kapitalismus wieder zu festigen. Die stalinistische KPI unterstützte sie dabei. Die Kongress-Führung fürchtete, eine neue Quit-India-Bewegung nicht kontrollieren zu können. Sie wurde von einer wachsenden Welle von Arbeiter- und Bauernkämpfen und zunehmender Unruhe in den Fürstenstaaten verunsichert. Daher beeilte sie sich, eine Einigung mit Großbritannien zu erzielen. Die Briten hatten ihrerseits bereits erkannt, dass es sich nicht mehr lohnen würde, die Kontrolle über Indien aufrechtzuerhalten. Der Kongress ließ damit nicht nur wichtige Teile seines eigenen Programms fallen und strebte nicht nur mit Großbritannien ein Abkommen an, sondern auch mit den kommunalistischen Parteien, der Muslim League und der Hindu Mahasabha, sowie mit den Zamindari-Großgrundbesitzern und den Fürsten, die die konservative Basis des Kolonialstaates bildeten.

9.2. Die Muslim League, die die Interessen der muslimischen Grundbesitzer und Kapitalisten in Indien vertrat, forderte 1940 die Abtrennung eines Staates Pakistan, bestehend aus den mehrheitlich muslimischen Provinzen. Die muslimischen Eliten waren von den Briten unter Zuhilfenahme kommunaler Kategorien als separate politische Kraft organisiert und kultiviert worden, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Sie fürchteten, angesichts der wachsenden sozialen Unruhe in einem vereinigten indischen Staat an den Rand gedrängt zu werden. Durch die Forderung nach einem eigenen Staat wollte die muslimische Elite bei der erwarteten Neuorganisation Südasiens nach dem Krieg Anspruch auf einen beträchtlichen Teil an der politischen Macht erheben und den Kommunalismus schüren, um die immer unruhigeren Massen abzulenken und zu spalten. Hindu Mahasabha, deren Basis die Hindufürsten, Grundbesitzer und Geschäftsleute waren, rechtfertigte ihre Kollaboration mit den Briten mit kommunalistischen Phrasen als Widerstand gegen die „Dominanz“ der Muslime. Die Anhänger von Hindu Mahasabha kritisierten den Kongress, weil er den Muslimen „zu sehr entgegenkomme“ und bezeichnete diese als Fremde in der „Hindu-Nation“, denen die Staatsbürgerrechte verweigert werden sollten. Der einzige Weg, gegen den Kommunalismus zu kämpfen, war es, die Arbeiter und die bäuerlichen Massen für ihre gemeinsamen sozialen Interessen zu mobilisieren. Der Kongress stand einer derartigen Strategie grundlegend feindselig gegenüber, da sie eine Bedrohung für die Grundinteressen der indischen Bourgeoisie darstellte. Daher passte er sich immer mehr an den Kommunalismus an und unterdrückte soziale Kämpfe, mit denen die Massen implizit auch gegen die kommunalistische Spaltung protestierten. Bei den Wahlen von 1945-46 erwog der Kongress, in Bengalen und anderen Landesteilen ein Wahlbündnis mit Hindu Mahasabha einzugehen, und nahm ihre Mitglieder in seinen Reihen auf.

9.3. Nach dem Krieg äußerte sich die zunehmende antiimperialistische Stimmung zuerst in Widerstand gegen die brutale Unterdrückung der Quit-India-Bewegung und die Prozesse gegen Führer der Indian National Army (INA). INA-Führer Subhas Chandra Bose, ein militantes Führungsmitglied der Kongresspartei, war zwar ein Gegner Gandhis, aber wollte die britische Herrschaft nicht mithilfe der Arbeiterklasse bekämpfen, sondern mit Unterstützung einer anderen imperialistischen Macht. Er erklärte sich bereit, die INA anzuführen, die aus indischen Soldaten bestand, die von der japanischen Armee gefangengenommen worden waren und unter deren Führung gegen die Briten kämpften. Trotz ihrer fehlgeleiteten Ziele wurden die INA-Führer allgemein als Helden und Patrioten gesehen und in ganz Indien wurde ihre Begnadigung gefordert. Dabei entstand Einigkeit zwischen Muslims, Hindus und Sikhs. Im November 1945 und Februar 1946 führte die BLPI zusammen mit Studentenorganisationen Massendemonstrationen in Kalkutta gegen die INA-Prozesse an. Diese Proteste wurden von Polizei und Militär brutal unterdrückt, wobei die KPI und der Kongress zusammen gegen die Menschenmassen vorgingen, angeblich um Disziplinlosigkeit und Unruhen zu bekämpfen.

9.4. Im Februar 1946 meuterten Teile der indischen Marine in Bombay und Karachi gegen schlechte Bezahlung und ihre soziale Lage. Dabei erhoben sie eine Reihe radikaler Forderungen, darunter die Freilassung aller politischen Gefangenen, den Abzug der britisch-indischen Truppen aus Indonesien und die Unabhängigkeit Indiens. Ihre Aktionen führten zu Solidaritätsbekundungen und Meutereien in anderen Teilen des indischen Militärs und letzten Endes zu Massenprotesten und Straßenschlachten der Arbeiter in Bombay. Die Briten schlugen die Rebellion gewaltsam nieder. Vom Kongress und der Muslim League wurde dies unterstützt. Gandhi ging mit den Meuterern der indischen Marine und der überkommunalen Einigkeit, die während des Kampfes geherrscht hatte, besonders hart ins Gericht: Er sagte, er würde „lieber in den Flammen umkommen,“ als den Triumph des „Pöbels“ miterleben zu müssen, und bezeichnete ein „Bündnis aus Hindus und Moslems, um zusammen Gewalt zu verüben“, als „unheilig.“ Während die BLPI die Forderung nach Protesten und einem Generalstreik erhob, verurteilte die stalinistische KPI die „Massenhysterie“ und versuchte, die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Meuterei zu untergraben. Wie immer, wenn der Kongress eine Massenbewegung zurückschlug, kam es auch nach der Niederlage der Meuterei zu verschärften kommunalistischen Stimmungen. Als die Muslim League im August 1946 zu „direkten Aktionen“ für ihre Forderung nach einem Staat Pakistan aufforderte, kam es in Kalkutta zu brutalen Zusammenstößen mit Hindus. Die Folge waren 6.000 Tote und Vergeltungsaktionen hinduistischer Kommunalisten.

9.5. Die Unruhen nach dem Krieg führten auch zu einer Streikwelle, an der sich die BLPI massiv beteiligte und dabei wichtige Fortschritte erzielte. Sie gewann die Mehrheit in der Gewerkschaft Madras Labour Union (MLU) und leitete im Juni 1946, und von März bis Juni 1947 große Streiks in den Textilwerken Buckingham and Carnatic Mills, einer der größten Fabriken in Indien. Der Streik von 1947 war ein erbitterter dreimonatiger Kampf, während dem es zu Massenveranstaltungen und Proteststreiks von mehr als 100.000 Arbeitern und Kleinunternehmern kam. Im Juni wurde die Gewerkschaft für illegal erklärt, ihre Gelder wurden beschlagnahmt und ihre Führer verhaftet, aber die Versuche der Regierung, die B & C Mills wieder zu öffnen, scheiterten. Die MLU brach den Streik schließlich ab, zwang die Geschäftsleitung jedoch zu bedeutenden Zugeständnissen.

9.6. Die BLPI trat entschlossen gegen Kommunalismus und die Forderung nach einem eigenständigen muslimischen Pakistan auf. Eine Resolution der BLPI-Konferenz von 1944 erklärte: „Die Forderung [nach einem Staat Pakistan] ist politisch reaktionär und theoretisch falsch. Sie ist politisch reaktionär, da sie einen Versuch darstellt, durch Spielen mit kommunalistischen Gefühle die Unzufriedenheit der muslimischen Massen vom wahren Feind, dem britischen Imperialismus und seinen Verbündeten in der einheimischen Bevölkerung, auf die Hindus zu lenken. Sie ist theoretisch falsch, da sie sich aus der haltlosen Behauptung ergibt, die indischen Muslime seien eine eigenständige Nation, die in einer hinduistischen Nation unterdrückt werde, was ebenso wenig der Realität entspricht. Es gibt für eine eigenständige muslimische Nationalität keine Grundlage, weder eine gemeinsame historische Tradition, Sprache, Kultur oder Rasse, noch geografische und wirtschaftliche Faktoren. Die einzigen gemeinsamen Merkmale sind die Religion und die damit einhergehenden kulturellen Gemeinsamkeiten. Die Erfahrungen der Geschichte zeigen, dass dies nicht ausreicht, um die Geisteshaltung hervorzubringen, aus der ein Nationalbewusstsein hervorgehen kann.“[1]

9.7. Der Kongress war jedoch damit beschäftigt, sich schnell mit Großbritannien und seinen Verbündeten unter den Fürsten und Grundbesitzern einig zu werden. Die Kongress-Führung nutzte zwar ihre Verbindung zur Quit-India-Bewegung, um Unterstützung zu bekommen, aber durch den radikalen Kurswechsel, den die Bewegung nach der Verhaftung von Gandhi und dem Rest der Führung vollzogen hatte, und wegen der zunehmenden sozialen Kämpfe der Nachkriegszeit begann sie sich davor zu fürchten, eine Bewegung anzuführen, die die britische Herrschaft infrage stellte. Stattdessen wollte sie die Macht in dem kolonialen Staat übernehmen, um die bürgerliche Herrschaft so schnell wie möglich zu festigen. Daher ließ die Kongress-Führung die Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung und allgemeinem Wahlrecht fallen und akzeptierte den Status als Dominion, um weiterhin Verbindung mit Großbritannien zu haben; sie versuchte gleichzeitig, eine radikale Bewegung gegen die Herrschaft der Fürsten und Grundbesitzer zu verhindern. Vor allem ließ sie die Forderung nach einem vereinigten, säkularen Indien fallen, akzeptierte die kommunalistische Teilung des Subkontinents und setzte sie um. Die Muslim League forderte, dass Bengalen und der Pundschab zu Pakistan gehören sollten, aber der Kongress bevorzugte stattdessen die kommunale Teilung der beiden Provinzen und hatte dabei keine Skrupel, mit militanten Kommunalisten zusammenzuarbeiten, unter anderem mit S.P. Mookerjee, einem ehemaligen Präsidenten von Hindu Mahasabha, der später die Partei Jana Sangh gründete (die noch später in Bharatiya Janata [BJP] umbenannt wurde). Die Kampagne des Kongress, Hindus und Sikhs im Pundschab und in Bengalen vor der „Unterdrückung“ durch Moslems zu „bewahren“, war der maßgebliche Anlass für die kommunalen Ausschreitungen während der Teilung von 1947, bei der fast zwei Millionen Menschen umkamen und zwölf bis vierzehn Millionen zu Flüchtlingen wurden.

9.8. Die stalinistische KPI unterstützte diesen Verrat, indem sie die antikoloniale Bewegung der indischen Bourgeoisie unterordnete – zuerst dem Kongress, dann, nachdem sie sich in den letzten Jahren der britischen Herrschaft an den Kommunalismus angepasst hatte, auch an die Muslim League. Die KPI verlieh der Forderung nach einem eigenständigen Pakistan politische Glaubwürdigkeit und nannte sie einen legitimen Ausdruck muslimischer Selbstbestimmung. Sie schickte Mitglieder in die Muslim League, um eine soziale Basis unter den muslimischen Massen aufzubauen. Von 1945 bis 1947, als der Kongress und die Muslim League den Kommunalismus schürten, veröffentlichte die KPI vergeblich Aufrufe an die rivalisierenden bürgerlichen Parteien, zusammenzukommen und die nationale Revolution zu führen.

9.9. Die Teilung definierte und definiert „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“ im bürgerlichen Indien und Pakistan. Die kommunalen Pogrome während der Schaffung der beiden Staaten waren nur die blutigste und offensichtlichste Folge der abgebrochenen demokratischen Revolution. Der neue Staat verteidigte den Reichtum und das Eigentum der Zamindare, Fürsten und Großunternehmer und behielt die wichtigsten Institutionen und Gesetze des britischen Kolonialstaates bei. Er führte nur ein paar kleine, kraftlose Reformen durch, um die kapitalistische Entwicklung zu erleichtern. Sechzig Jahre später ist keines der drängenden demokratischen und sozialen Probleme der Massen gelöst, im Gegenteil: Sie sind noch drängender geworden. Die Herrschaft der Grundbesitzer, Unterdrückung auf Grundlage der Kastenzugehörigkeit und andere feudale Überbleibsel haben sich immer enger mit der kapitalistischen Ausbeutung verbunden.

9.10. Die Teilung hat das „kommunale Problem“ nicht gelöst, sondern es vergrößert, indem sie kommunale Spaltungen in der südasiatischen Staatsstruktur verankert hat. Nachdem Gandhi im Januar 1948 von einem Anhänger des Hindutva-Ideologen V.D. Savarkar ermordet worden war, erklärte BLPI-Chef Colvin R. de Silva: „Die Tragödie der Teilung hat ihre Ursprünge besonders in den erklärten Zielen ihrer Architekten. Die grauenhafte Zerteilung einerseits des lebendigen Körpers des indischen Staates und andererseits von zwei ‚Nationalitäten‘ (die Pundschabis und die Bengalen) wurde als Lösung des kommunalen Problems und als Weg zur Freiheit dargestellt. Beide Versprechen wurden nicht eingehalten… Durch die Teilung wurden zum Einen neue Ketten für die imperialistische Versklavung der Massen geschmiedet… zum Anderen konnten dadurch zwei Staaten dazu gebracht werden, den Krieg gegeneinander als einzige Möglichkeit zu sehen, innere kommunale Stimmungen aufzufangen, damit sie sich nicht in Unruhen äußern. Der Krieg wird noch kommen (wenn er in Kashmir und Junagadh nicht schon da ist). Aber katastrophale Unruhen sind bereits da.“

9.11. De Silvas Warnungen erwiesen sich als zutreffend. Nach der Teilung begann ein reaktionärer geopolitischer Kampf zwischen Indien und Pakistan. Die beiden Staaten führten drei Kriege gegeneinander, erlebten zahlreiche Krisen, die zum Krieg hätten führen können, verschwendeten wertvolle Ressourcen und können heute einen Atomkrieg in Südasien entfesseln. Der erste Krieg zwischen Indien und Pakistan von 1947-48 endete mit der Teilung von Kaschmir, durch welche die Bevölkerung von Kaschmir brutal auseinandergerissen und ein Problem geschaffen wurde, das im Rahmen des kommunal geteilten Subkontinents nicht gelöst werden kann. Da die herrschenden Eliten beider Länder nicht in der Lage sind, die zahlreichen sozialen Probleme zu lösen, haben sie immer wieder mittels kommunaler Demagogie den Widerstand in ihren Ländern abgelenkt. Die Teilung erleichtert es den Imperialisten, Südasien zu dominieren, da eine vernünftige wirtschaftliche Entwicklung, darunter die Nutzung von Wasservorkommen, verhindert wird. Es wird den USA und anderen Großmächten ermöglicht, Staaten und herrschende Eliten gegeneinander auszuspielen. Heute ist Südasien die wirtschaftlich am wenigsten integrierte Region der Welt mit der größten Konzentration von Armen.

10. Die formelle Unabhängigkeit Sri Lankas

10.1. Die Entscheidung Großbritanniens, Sri Lanka in die Selbstverwaltung zu entlassen, war nicht das Ergebnis eines Kampfs des Ceylon National Congress (CNC). Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Insel aufgrund ihrer strategisch wichtigen Position im Indischen Ozean als Hauptquartier des alliierten South East Asian Command genutzt. D.S. Senanayake nutzte die uneingeschränkte Unterstützung des CNC für den Krieg, um die Entlassung in die Selbstverwaltung nach dem Krieg hinter verschlossenen Türen auszuhandeln. Senanayake und seine Kollegen hatten sich nie ein höheres Ziel gesetzt, als den Status eines Dominion zu erlangen, d.h. eines Juniorpartners des britischen Imperialismus, dem London weiterhin die Außen- und Verteidigungspolitik diktieren konnte. Senanayakes oberstes Ziel bei den Verhandlungen war es, die politische Vorherrschaft der singhalesischen Eliten in jeder Vereinbarung zu bewahren. Er protestierte nicht dagegen, dass Großbritannien die Kontrolle über die Außenpolitik behielt, bestand aber darauf, dass Sri Lanka die Verhandlungen mit Indien über das Schicksal der tamilischsprachigen Plantagenarbeiter selbst führen durfte. Als London 1944 die Soulbury-Kommission ins Leben rief, um eine neue Verfassung zu entwerfen, sprach sich Senanayake dagegen aus, dass deren Mitglieder Gespräche mit Vertretern der Tamilen und der Muslime führten. Als die Soulbury-Kommission eine begrenzte Selbstverwaltung empfahl, aber sogar die Verleihung des Status eines Dominion verschob, entschieden sich Senanayake und die CNC-Führung im September 1945, die Empfehlungen des Berichts zu akzeptieren.

10.2. Als die BLPI-Führer in Sri Lanka aus dem Gefängnis kamen, hatten sie ein beträchtliches Prestige, denn sie waren die einzigen politischen Persönlichkeiten gewesen, die gegen den Krieg und für die Unabhängigkeit gekämpft hatten. Aber die opportunistische Orientierung, die Philip Gunawardena und N.M. Perera während des Krieges entwickelt hatten, manifestierte sich schnell in einer offenen Spaltung der Partei. Gunawardena und Perera weigerten sich, die Autorität des Regionalkomitees der BLPI in Sri Lanka anzuerkennen und gründeten unter dem Vorkriegsnamen LSSP eine neue Partei. Diese kehrte zum Programm von 1941 zurück und verwarf alle Dokumente und Entscheidungen, die die BLPI seit ihrer Gründung verfasst und getroffen hatte. Gunawardena und Perera öffneten die Türen der LSSP für Ex-Mitglieder und Abweichler und suchten Bündnisse mit verschiedenen bürgerlichen Vereinigungen. Die LSSP bezeichnete sich selbst als Befürworter der Vierten Internationale, aber machte keine Anstalten, aufgenommen zu werden. Die nationalistische Orientierung der LSSP stellte einen grundlegenden Bruch mit dem Trotzkismus und eine Rückkehr zum kleinbürgerlichen Radikalismus des Samasamajismus der Vorkriegszeit dar. In einem Statement von 1947 mit dem Titel: „The Bolshevik-Leninist Party of India: A Sectarian Dead-end“ (Die Bolschewistisch-Leninistische Partei Indiens: Eine sektiererische Sackgasse) erklärte Gunawardena, er sehe das ganze Projekt BLPI und den Trotzkismus als gescheitertes romantisches Abenteuer an.

10.3. Das Zentralkomitee der BLPI in Indien erklärte in einer Resolution zum Ausschluss von Gunawardena und Perera: „Die Spaltung ist kein Zufall; in ihr zeigt sich eine nichtproletarische Tendenz, die sich unter dem Druck kleinbürgerlicher Kräfte entwickelt hat… Die Differenzen, die heute auf organisatorischer Ebene sichtbar sind, werden sich zwangsläufig auch auf politischer Ebene zeigen.“ Der grundlegende Charakter der politischen Differenzen zeigte sich in der kurzzeitigen Wiedervereinigung 1946, die nach kurzer Zeit scheiterte.

10.4. Die ceylonesische Sektion der BLPI und die LSSP übernahmen die Hauptrolle in den militanten Streikbewegungen nach dem Krieg, wodurch sie den Einfluss der KP untergruben, die ihre Position als Streikbrecher für die Briten während des Krieges dazu benutzt hatte, einen Gewerkschaftsapparat aufzubauen. Im August 1946 kam es zu einem Generalstreik, der mit der Arbeitsniederlegung von Bankangestellten begann, sich innerhalb von zwei Monaten auf andere Teile der Arbeiterklasse ausbreitete und den britischen Gouverneur zwang, auf einige der wirtschaftlichen Forderungen der Arbeiter einzugehen. Die Streikenden forderten außerdem die Unabhängigkeit von Großbritannien. Die CNC-Minister, die alle Zugeständnisse an die Arbeiterklasse ablehnten, verletzten das Abkommen von 1946; damit provozierten sie einen zweiten Generalstreik von Mai bis Juni 1947, der gewaltsam niedergeschlagen wurde. Tausende von Angestellten im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft wurden bestraft und verloren ihre Stellen. In den letzten Tagen des Streiks setzte die Regierung noch ein Gesetz durch, das der Polizei umfassende Befugnisse verlieh.

10.5. Kurz nach dem Streik kündigte die britische Regierung im Juni 1947 an, die Insel werde zusammen mit Indien und Burma den Status eines Dominion erhalten. Ein Historiker erklärte dazu: „Den Herren in Whitehall war klar, dass Senanayake und die Gemäßigten im CNC unter zunehmendem Druck von linken Kräften standen und dass die sofortige Gewährung des Dominion-Status jetzt dringend nötig war, um ihr politisches Überleben zu gewährleisten.“[2] Bei den Wahlen zum Staatsrat Ende 1947 erlangte die neugegründete United National Party (UNP), die von Senanayake aus dem CNC und anderen bürgerlichen Organisationen gegründet worden war, die Mehrheit und bildete eine Koalitionsregierung. Die LSSP und die BLPI gewannen beide einen bedeutenden Stimmanteil.

10.6. Die opportunistische Anpassung der LSSP an die singhalesische Bourgeoisie zeigte sich sofort in ihren Manövern zur Bildung einer Koalition unter Führung des UNP-Politikers S.W.R.D. Bandaranaike. Bandaranaike war zuvor Parteichef der Sinhala Maha Sabha gewesen. Diese Partei war 1919 gegründet worden, um die singhalesische Mehrheit auf ausdrücklich rassistischer und religiöser Grundlage zu vereinigen. 1939 warnte Colvin R. de Silva vor Sinhala Maha Sabha und nannte sie eine „gefährliche reaktionäre Vereinigung“, die das Potenzial habe, zu einer „lokalen Variante des braunen Faschismus‘“ zu werden. [3] Die Versuche der LSSP, eine Regierungskoalition unter Bandaranaike zu unterstützen, war der Beginn eines gefährlichen Trends, singhalesischen Populismus als progressive Alternative zur UNP darzustellen. Die Manöver der LSSP scheiterten, da die BLPI sich weigerte, bei dieser reaktionären Scharade mitzumachen.

10.7. Die grundlegenden Unterschiede in der Klassenorientierung der BLPI und der LSSP zeigten sich noch stärker in der Frage der „Unabhängigkeit“, als die Briten das Land am 4. Februar 1948 in die Unabhängigkeit entließen. In einer bedeutsamen Stellungnahme, die am selben Tag unter dem Titel „Independence Real or Fake“ (Ist die Unabhängigkeit echt oder falsch?) erschien, erklärte BLPI-Führer Colvin R. de Silva den ceylonesischen Massen, dass es an der Unabhängigkeit eigentlich nichts zu feiern gebe. „Unser neuer Status ist nicht die Unabhängigkeit, es werden nur die Ketten neu geschmiedet, mit denen der britische Imperialismus Ceylon versklavt hat. Die Methode, mit der der britische Imperialismus seine Herrschaft ausübt, wird fortgesetzt… Nur Narren würden behaupten, es gäbe keine Veränderung in Ceylons ‚Status‘. Es gibt eine Veränderung. Aber diese Veränderung besteht nicht darin, dass Ceylon keine Kolonie mehr ist, sondern unabhängig wäre; sondern darin, dass der britische Imperialismus Ceylon nicht mehr direkt, sondern indirekt regiert.“[4] Die BLPI stimmte nicht nur gegen die Resolution der Regierung im Parlament zur Unabhängigkeit; sie organisierte auch eine Massenveranstaltung auf dem Galle Face Green im Stadtzentrum von Colombo, an der 50.000 Menschen teilnahmen, um gegen die offiziellen Zeremonien zu protestieren. Im Gegensatz dazu erklärte die LSSP die „Unabhängigkeit“ zu einem begrenzten Schritt nach vorne, enthielt sich bei der Abstimmung im Parlament, weigerte sich, an der Kundgebung der BLPI teilzunehmen, und bezeichnete sie als „exhibitionistisch, ultralinks,“ und als ein „Abenteuer von Salon-Bolschewisten“.

10.8. Der undemokratische Charakter der Unabhängigkeitsvereinbarung zwischen dem britischen Imperialismus und der srilankischen Bourgeoisie zeigte sich bereits in einer der ersten Aktionen der UNP-Regierung: Sie erließ Gesetze, die der großen Mehrheit der tamilischsprachigen Plantagenarbeiter die grundlegenden Staatsbürgerrechte aberkannte. Die BLPI stellte sich unmissverständlich gegen die undemokratischen Gesetze. In einer Rede im August 1948 erklärte Colvin R. de Silva, die Vorstellung, „der Staat müsse sich mit der Nation, und die Nation mit der Volkszugehörigkeit decken“, sei „eine veraltete Vorstellung und eine geplatzte Philosophie.“ Weiter erklärte er: „Im Faschismus ist es so, dass die Nation sich mit der Volkszugehörigkeit deckt und die Volkszugehörigkeit zum beherrschenden Faktor bei der Zusammensetzung des Staates wurde… Wenn die Regierung diese Frage vom Standpunkt der Kapitalistenklasse angeht, wird unsere Partei – wir von der Vierten Internationale – die Frage vom Standpunkt des Proletariats angehen. Das heißt, wir gehen sie von einem Standpunkt an, der unabhängig von der Volkszugehörigkeit ist und über ihr steht. Wir sind nicht bereit, die arbeitende Bevölkerung dieses Landes auf der Grundlage ihrer Abstammung zu unterscheiden. Wir sagen, ein Arbeiter ist zuallererst ein Arbeiter.“ Bezeichnenderweise demonstrierte die tamilische Elite aus dem Norden und Osten der Insel, die vom All Ceylon Tamil Congress (ACTC) repräsentiert wurde, ihren Klassenstandpunkt, indem sie sich gegen die Rechte der tamilischsprachigen Plantagenarbeiter aussprach. Sie stimmte für den Gesetzesentwurf. Eine Minderheit des ACTC war dagegen, trat aus und gründete die Federal Party (Föderative Partei).

10.9. Die weitsichtige Analyse des Charakters der Unabhängigkeit nach dem Krieg basierte auf Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution und erwies sich als richtig. Zwar lösten die Vereinigten Staaten Großbritannien als vorherrschende imperialistische Macht ab und die Existenz der stalinistischen Regimes in der Sowjetunion, Osteuropa und China ließ einen gewissen Spielraum für Manöver, aber die neuen „unabhängigen“ Staaten in Asien und Afrika blieben dem Imperialismus und dem wirtschaftlichen Rahmen untergeordnet, der in der Nachkriegszeit von den USA errichtet wurde. Dass sich Staatschefs wie Nehru in Indien, Sukarno in Indonesien, Nasser in Ägypten und Nyerere in Tansania als „Antiimperialisten“ oder „Sozialisten“ inszenieren konnten, lag zum einen an der unkritischen Unterstützung, die sie von den sowjetischen oder chinesischen Nationalisten erhielten, zum anderen an ihrer Politik nationaler Regulierung – an Importsubstitution, begrenzten Verstaatlichungen und einer gelenkten Wirtschaft. Wie illusorisch diese Unabhängigkeit letztlich war, zeigte sich mit dem Ende des Booms der Nachkriegszeit und dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, das die Grundlage für nationale Reformpolitik gewesen war. Wie in anderen Ländern, zeigte sich auch in Indien und Sri Lanka, dass die nationale Bourgeoisie unfähig war, ihre demokratischen Aufgaben zu erfüllen. Die Grenzen sind noch die gleichen wie unter den ehemaligen Kolonialherren, deren Wirtschaftsinteressen weiterhin geschützt wurden. Sie zerschneiden bestehende sprachliche und kulturelle Verbindungen. Innerhalb der neuen Staaten haben sich die herrschenden Cliquen stets auf die undemokratische Herrschaft einer Ethnie, eines Stammes oder einer Religion über die anderen gestützt.

Wird fortgesetzt

Fußnoten:

1. Bolshevik-Leninist Party of India, “Resolution on Pakistan,” in New International, Volume 12, No. 10, Dezember 1946, S. 300-301, http://www.marxists.org/history/etol/newspape/ni/vol12/no10/blpi.htm.

2. K.M. de Silva, A History of Sri Lanka (Delhi: Oxford University Press, 1981) S. 460.

3. Britain, World War 2 and the Sama Samajists (Colombo: Young Socialist Publication, 1996) S. 63.

4. Blows against the Empire, S. 127.