Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)

Teil 3

Von der Socialist Equality Party (Sri Lanka)
29. Mai 2012

Die World Socialist Web Site veröffentlicht einen weiteren Teil des Dokumentes Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka), das auf dem Gründungskongress in Colombo vom 27. bis 29. Mai 2011 einstimmig angenommen wurde. Es wird in zwölf Teilen veröffentlicht.

Teile 1-12

6. Die Quit India-Bewegung

6.1. Die Vorhersage der BLPI, es werde zu politischen Unruhen in Indien kommen, stellte sich als richtig heraus. Nur wenige Monate nach ihrer Gründung brach im August 1942 die Quit India-Bewegung aus. Die Kongresspartei hatte sich formell gegen den Krieg ausgesprochen und ihre Minister waren im Herbst zurückgetreten, aber der Widerstand hatte sich auf symbolischen zivilen Ungehorsam beschränkt. Nach Ausbruch des Pazifikkrieges dachten Gandhi und die Führer der Kongresspartei, dass ihnen die drohende Gefahr einer japanischen Invasion Indiens eine bessere Verhandlungsposition mit den Briten verschaffen würde. Angesichts wachsender sozioökonomischer Verwerfungen infolge der Unterordnung Indiens unter die britischen Kriegsanstrengungen wollte der Kongress Massenunruhen verhindern. Am 7. August diskutierte das Congress Working Committee vor einer großen Menschenmenge auf dem Gowalia Tank Maidan Platz, einem großen Versammlungsort in Bombay, über eine Resolution, die zu massenhaften gewaltlosen Protesten für einen „geordneten britischen Rückzug“ aufrief. Die stalinistischen Mitglieder des Working Committee stimmten offen gegen die Resolution – das erwies sich als ein schwerer politischer Schlag für die KPI.

6.2. Auf einer Versammlung in Bombay verteilte die BLPI Flugblätter, in denen sie jeden antiimperialistischen Kampf unterstützte, der vom Kongress ausging, und einen „politischen Generalstreik der Massen gegen den britischen Imperialismus“ forderte, sowie Kampagnen gegen Steuern und Pachtzahlungen der Landbevölkerung. Dies sollte zur Beschlagnahme von Land durch Bauernkomitees führen. Damit folgte die BLPI dem Rat in Trotzkis Brief an die indischen Arbeiter: "Wenn sich die indische Bourgeoisie je gezwungen sieht, auch nur den winzigsten Schritt zum Kampf gegen Englands Willkürherrschaft zu tun, wird das Proletariat natürlich einen solchen Schritt unterstützen. Aber es wird ihn mit seinen eigenen Methoden unterstützen: mit Massenversammlungen, kühnen Parolen, Streiks, Demonstrationen und noch entscheidenderen Kampfmaßnahmen, je nach dem Kräfteverhältnis und den Umständen. Um das zu tun, muss das Proletariat die Hände frei haben. Eine völlige Unabhängigkeit von der Bourgeoisie ist für das Proletariat unerlässlich, vor allem, um Einfluss auf die Bauernschaft, die Hauptmasse der indischen Bevölkerung, auszuüben." [1]

6.3. Gandhi erwartete trotz seiner aufwieglerischen „Do or Die!“-Rede am 8. August, dass die Resolution den Vizekönig zu offenen Gesprächen zwingen würde, aber die Briten verhafteten als Reaktion darauf die gesamte Kongress-Führung. Dies führte in vielen Teilen des Landes zu wütenden Protesten und Streiks. Die Muslim League und die Hindu Mahasabha beteiligten sich zusammen mit der KPI an der Niederschlagung der Proteste. Da die Kongress-Führung, inklusive Gandhi, im Gefängnis saß, übernahm die Fraktion der Congress Socialists die Führung der Bewegung, hatte jedoch keine Perspektive für die Machtübernahme. Sie wandte sich nicht an die Arbeiterklasse, stattdessen verlegte sie sich auf sinnlose Sabotageakte und bäuerliche Guerillaaktivitäten. Die BLPI beteiligte sich mit vollem Einsatz an den Protestaktionen. Sie wandte sich an Arbeiter und Studenten und organisierte oder beteiligte sich an Demonstrationen in Bombay, Kalkutta, Madras und anderen Städten. Sie bezahlte teuer dafür. Mithilfe der KPI, die die BLPI als „Kriminelle und Gangster“ brandmarkte, die „den Faschisten helfen“, verhaftete die Polizei viele Mitglieder und hohe Führungskräfte der BLPI. Die Quit-India-Bewegung umfasste Millionen von Menschen und setzte ihre Aktivitäten trotz brutaler Unterdrückung durch die Polizei noch mehrere Monate lang fort. Laut offiziellen Zahlen wurden von August 1942 bis März 1943 mehr als eintausend Menschen getötet und 60.000 eingesperrt. Nachdem die Bewegung abgeebbt war und die Briten die japanische Armee zurückgeschlagen hatten, stellte der Kongress die Quit-India-Bewegung für die Restdauer des Krieges ein.

6.4. Der entschlossene Kampf der BLPI stärkte das Ansehen des Trotzkismus in der ganzen Region. Unter den widrigen Bedingungen der Illegalität, der Verfolgung durch die Polizei und der kriegsbedingten Isolation von der Vierten Internationale orientierte sie sich auf die Quit-India-Bewegung und vor allem auf die Arbeiterklasse, ohne auch nur die kleinsten politischen Zugeständnisse an die Kongresspartei oder die Congress Socialists zu machen. Aber als die revolutionäre Welle abebbte, traten scharfe politische Differenzen innerhalb der BLPI auf. Der Ursprung dieser Differenzen lag in der Verwandlung der LSSP in die BLPI – eine Veränderung, bei der es zu einer grundlegenden Wende zu einer proletarisch-internationalistischen Achse kam, was unweigerlich zu inneren Spannungen führte. Bei den ursprünglichen Streitigkeiten ging es um Philip Gunawardenas Kampf gegen die Versuche von Doric de Souza, die BLPI in Sri Lanka in eine leninistische Partei umzuwandeln. Aus Bombay kritisierte Gunawardena die „kleinbürgerlichen Intellektuellen“ in Colombo, die die Partei zu einer „engstirnigen, verschworenen Sekte gemacht haben, die völlig von den Massen abgeschnitten ist.“ Im Jahr 1942 gründeten er und N.M. Perera eine Fraktion namens Workers Opposition und scharten eine Schicht von Gewerkschaftern um sich. De Souza, der während des Krieges die Untergrundarbeit der BLPI in Sri Lanka leitete, reagierte darauf mit der Bildung einer bolschewistisch-leninistischen Fraktion.

6.5. Der In halt dieser Fraktionsstreitigkeiten blieb zunächst unklar, aber nach dem Ende der Quit-India-Bewegung traten grundlegendere Streitigkeiten zutage. Aus Unzufriedenheit mit der Größe und der Entwicklung der BLPI veröffentlichten Philip Gunawardena und N.M. Perera 1943 aus dem Gefängnis ein Dokument mit dem Titel „Der Kampf in Indien – die nächste Phase“, in dem eine prinzipienlose Fusion mit verschiedenen kleinbürgerlichen Gruppierungen, darunter der Congress Socialist Party, zu einer wenig definierten „Revolutionären Einheitsfront“ gefordert wurde. Dieser Plan war ein deutlicher Schritt zurück zur samasamajistischen Tradition, mit der die BLPI gebrochen hatte. 1944 lehnte die BLPI das Dokument von Gunawardena und Perera ausdrücklich ab. Die Resolution, die angenommen wurde, erklärte: „Wir glauben, dass dieser Vorschlag, wenn er realisiert würde, kein anderes Ergebnis haben könnte, als die Auflösung der einzigen bestehenden Partei in Indien mit klarem revolutionären Programm (egal wie klein sie sein mag), und ihre Verwandlung in eine weitgehend zentristische Partei.“ [2] Der Konflikt blieb jedoch ungelöst und war der Vorbote der politischen Streitigkeiten, die nach dem Krieg in vollem Ausmaß zutage traten.

6.6. Die Hauptresolution des BLPI-Kongresses bestand aus einer detaillierten Analyse der Hauptgründe für die Niederlage der Quit-India-Bewegung. Dazu hieß es: „Der Hauptgrund, warum die Augustbewegung nicht die Grenzen bürgerlicher Perspektiven überschritten hat, war, dass die Arbeiterklasse nicht in ausreichendem Ausmaß militante Klassenaktionen aufgenommen hat.“ Die Arbeiter hatten den Protesten zwar mit Sympathie gegenüber gestanden und sich sporadisch an Streiks beteiligt, waren aber von der KPI durch deren Kontrolle des Gewerkschaftsapparates, und von den an der Bauernschaft orientierten Congress Socialists zurückgehalten worden. Diese Resolution war die Grundlage für ein stärkeres Eingreifen der Partei in der Arbeiterklasse, besonders nach dem Krieg.

7. Der Stalinismus verrät die revolutionären Erhebungen der Nachkriegszeit

7.1. Trotzkis Prognose, die blutigen Schrecken und das Elend des Krieges würden nach seinem Ende für einen neuen revolutionären Aufschwung sorgen, wurde in ganz Asien bestätigt. Die Massaker des japanischen Imperialismus in China, Korea und anderen Ländern unter japanischer Herrschaft fanden ihre Parallele in der kriminellen Art und Weise, in der der US-Imperialismus den Krieg beendete. Die heftigen amerikanischen Luftangriffe auf japanische Städte, bei denen auch massiv Brandbomben zum Einsatz kamen, die darauf ausgelegt waren, möglichst viele zivile Opfer zu fordern, fanden ihren Höhepunkt in den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Das Hauptziel dieser beiden letzten Gräueltaten war es, der Sowjetunion die verheerende Kraft der neuen Waffe zu zeigen und angesichts des schnellen Vorstoßes der sowjetischen Armeen in China und Korea den Pazifikkrieg schnell zu beenden. Nach dem Elend der Großen Depression, gefolgt von sechs Jahren imperialistischer Barbarei, war der Kapitalismus vor den Augen der Menschheit bloßgestellt. Die Versuche der diskreditierten herrschenden Klassen, die Kontrolle zurückzugewinnen, stießen auf entschlossenen Widerstand der Arbeiterklasse und führten weltweit zu revolutionären Erhebungen.

7.2. Wie das Übergangsprogramm erklärte, war die zentrale Frage die der revolutionären Führung. Zwar hatten die Trotzkisten mutig dafür gekämpft, die Arbeiterklasse gegen den Krieg zu mobilisieren und zu vereinigen, aber die Vierte Internationale war durch das schiere Ausmaß der Repression gegen ihre Sektionen – durch die „demokratischen“ Mächte, die Faschisten und die Stalinisten – stark geschwächt worden. Ferner ging die Sowjetbürokratie durch die Siege gegen die Nazi-Armeen mit großem Prestige aus dem Krieg hervor. Stalin jedoch fürchtete, dass durch erfolgreiche Revolutionen im Westen in der sowjetischen Arbeiterklasse eine Bewegung gegen sein Regime erwachsen könnte. Er schloss auf den Konferenzen von Teheran (1943), Jalta (Februar 1945) und Potsdam (Juli 1945) eine Reihe von Abkommen mit Roosevelt und Churchill. Im Austausch gegen eine begrenzte sowjetische Einflusssphäre in Osteuropa half er, den Kapitalismus zu bewahren. In Frankreich und Italien, wo die bürgerlichen Parteien durch ihre heimliche oder offene Zusammenarbeit mit den Faschisten vollkommen diskreditiert waren, entwaffneten die Kommunistischen Parteien auf Geheiß Moskaus die Widerstandskämpfer, beteiligten sich als Minister an kapitalistischen Regierungen und unterdrückten alle unabhängigen Aktivitäten der Arbeiterklasse. Als Teil der kapitalistischen Regierung in Frankreich unterstützte die KP Frankreichs die Bestrebungen des französischen Imperialismus‘, die Kolonien, darunter Algerien und Indochina, zurückzuerobern. In Japan spielte die Kommunistische Partei eine genauso verräterische Rolle, indem sie dabei half, einen großen Aufstand der Arbeiterklasse einzudämmen. Sie erklärte in einer bizarren Auslegung der stalinistischen Zwei-Stufen-Theorie, die amerikanischen Besatzungstruppen würden die „demokratische Revolution“ durchführen und ordneten die Streikbewegung der Arbeiterklasse den Diktaten von General Douglas MacArthur unter. So wurde die Herrschaft des Kapitalismus in Japan gerettet und das Land in einen wichtigen Verbündeten des US-Imperialismus in Asien verwandelt.

7.3. Die Rolle des Stalinismus beim Verrat der antikolonialen Bewegungen in Asien war ebenfalls ein wichtiger Beitrag für die weltweite Stabilisierung des Kapitalismus. Nach Kriegsende entstanden in der ganzen Region antiimperialistische Massenbewegungen, beispiellos in ihrem Ausmaß und ihrer Stärke. Dass die Japaner die alten europäischen Mächte während des Krieges so vernichtend geschlagen hatten, hatte die Grundlage ihrer asiatischen Reiche erschüttert. In allen Fällen, egal ob es die Franzosen in Indochina waren, die Niederländer in Indonesien oder die Briten in Malaysia und auf dem indischen Subkontinent: Die Versuche der ehemaligen Kolonialmächte, ihre Besitzungen zurückzuerobern, stießen auf den Widerstand der Massen. In China und Korea führte der Zusammenbruch der japanischen Herrschaft zu Massenbewegungen gegen die diktatorischen Regimes, die der US-Imperialismus dort einsetzen wollte.

7.4. In Der Krieg und die Vierte Internationale von 1934 befasste sich Trotzki besonders mit den kolonialen und halbkolonialen Ländern in Ostasien und erklärte: „Ihr Kampf ist ein zweifach progressiver: Er entreißt die rückständigen Völker der asiatischen Barbarei, dem Partikularismus und der Fremdherrschaft, und er versetzt den imperialistischen Staaten mächtige Schläge. Doch muss man sich von vornherein darüber im Klaren sein, dass die verspäteten Revolutionen in Asien oder in Afrika keine neue Blütezeit des Nationalstaats eröffnen. Die Befreiung der Kolonien wird nur eine grandiose Episode der sozialistischen Weltrevolution sein, wie der verspätete demokratische Umsturz im halbkolonialen Russland nur das Vorspiel zur sozialistischen Revolution war.“[3] Die demokratischen Aufgaben der antikolonialen Kämpfe der Nachkriegszeit konnten also nur unter Führung der Arbeiterklasse im Rahmen eines allgemeinen Kampfes für den weltweiten Sozialismus verwirklicht werden, aber dieser Weg wurde vom Stalinismus blockiert.

7.5. In ganz Südostasien waren die stalinistischen Parteien federführend daran beteiligt, die antikolonialen Kämpfe der Nachkriegszeit zu sabotieren, was weitreichende Auswirkungen für die Arbeiterklasse und die unterdrückten Massen hatte, unter denen sie heute noch leiden. Keiner der Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Region entstanden sind, konnte die Forderungen der arbeitenden Bevölkerung nach demokratischen Rechten und angemessenem Lebensstandard erfüllen. In Indonesien ordnete die Kommunistische Partei (PKI) die Arbeiterklasse Sukarnos nationalistischer Bewegung auch dann noch unter, als er zuerst mit den Niederlanden und dann mit den USA manövrierte. Als Gegenleistung für Washingtons Unterstützung im Kampf für die Unabhängigkeit ging Sukarno 1948 brutal gegen die PKI vor. Tausende ihrer Mitglieder wurden getötet. Dennoch erneuerte die PKI ihr Bündnis mit Sukarno. Von 1965-66 unterstützte die CIA einen Militärputsch, in dessen Verlauf mehr als 500.000 PKI-Mitglieder, Arbeiter und Bauern umkamen und drei Jahrzehnte lang eine Diktatur an die Macht kam. In Malaysia begrüßten die Kommunistische Partei und ihre Antijapanische Malayische Volksarmee offen die Rückkehr der britischen Truppen und unterstützten die britische Regierung bei ihren Versuchen, ihre Herrschaft wieder zu festigen. Nachdem Großbritannien seine Herrschaft 1948 gefestigt hatte, ging es die nächsten zehn Jahre über brutal gegen die KPM und ihre Guerillatruppen vor, bevor es die Macht an die konservative Einheitspartei United Malays National Organization abgab, die Malaysia seither beherrscht. Die Unterstützung der KPM für Lee Kuan Yew und seine People’s Action Party war die Grundlage für den Einparteien-Polizeistaat, der heute in Singapur an der Macht ist.

7.6. Die Kommunistische Partei Indochinas (KPIN) unter Führung von Ho Chi Minh spielte eine besonders kriminelle Rolle dabei, Frankreich bei der Wiedererlangung seiner Kontrolle über ihre Kolonien zu unterstützen. Nachdem sich die Japaner im August 1945 ergeben hatten, bildeten die Stalinisten eine Übergangsregierung mit bürgerlichen Parteien und versuchten, mit den Briten und Franzosen zu verhandeln, als deren Truppen eintrafen. Die Trotzkisten aus der Gruppe La Lutte (frz. der Kampf) und die League of International Communists kämpften in der wachsenden Bewegung für die nationale Unabhängigkeit für die unabhängige Mobilisierung der Arbeiterklasse und der städtischen und ländlichen Armen. In Saigon kam es zu Massendemonstrationen, Volkskomitees begannen aus dem Boden zu schießen und ein provisorisches Zentralkomitee wurde gegründet. Als sich die Spannungen im September 1945 zuspitzten, entwaffneten die Stalinisten die Volkskomitees, unterdrückten das provisorische Zentralkomitee und ermordeten zahlreiche Trotzkisten, darunter auch Ta Thu Thau, den Führer von La Lutte. Die Kollaboration der KPIN mit den Franzosen sicherte nicht etwa die Unabhängigkeit Indochinas, sondern half Frankreich, die Kolonialherrschaft wiederherzustellen. Die vietnamesische Bevölkerung zahlte einen schrecklichen Preis für den Verrat der revolutionären Erhebungen der Nachkriegszeit und die Manöver der Stalinisten mit dem französischen, und später dem amerikanischen Imperialismus. Nach dreißig Jahren Krieg war das Land verwüstet, Millionen waren tot.

7.7. Die Vereinigten Staaten, waren als dominierende imperialistische Macht aus dem Krieg hervorgegangen und konnten durch die stalinistischen Verrätereien in Europa und Asien eine Reihe von Initiativen durchsetzen, durch die die kapitalistische Weltwirtschaft stabilisiert wurde. Das Bretton Woods-Abkommen etablierte den US-Dollar als stabile weltweite Währung, indem es ihn zu einem Festpreis an Gold band; das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen sollte den Handel stimulieren und eine Rückkehr der katastrophalen Politik des Protektionismus der 1930er Jahre verhindern; und die USA unterstützten den Wiederaufbau der zerstörten Wirtschaften in Westeuropa und Japan mit beträchtlichen Geldsummen. Nachdem der Kapitalismus wieder einigermaßen stabilisiert war, begann der US-Imperialismus den „Kalten Krieg", die Gegenoffensive gegen „den Kommunismus“. Er begann damit, dass die USA rechte Regimes in Griechenland und der Türkei unterstützten und den Marshall-Plan einführten, durch den Westeuropa in einen antisowjetischen Block verwandelt wurde. Bald wurde daraus eine weltweite Konfrontation. Auf die Revolution in China 1949 reagierten die USA mit einer massiven Militärintervention in Korea, um das rechte, diktatorische Marionettenregime in Seoul zu unterstützen. Der Koreakrieg von 1950-53 forderte Millionen Tote, die Halbinsel ist bis heute geteilt und vom Krieg gezeichnet.

8. Die chinesische Revolution

8.1. In China zeigten sich die politischen Schwierigkeiten, denen die Arbeiterklasse in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegenüberstand, besonders deutlich. Nach der gescheiterten Revolution von 1925-27 hatte sich die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) ins Hinterland zurückgezogen und orientierte sich an der Bauernschaft. Die KPCh hielt zwar ihre Verbindungen zur Dritten Internationale und der stalinistischen Bürokratie aufrecht, aber durch ihre Umorientierung auf die Bauernschaft verschob sich ihre Klassenachse vom Proletariat weg. Die stalinistische Ideologie der KPCh war beeinflusst von der Zwei-Stufen-Theorie, der Klassenzusammenarbeit mit der nationalen Bourgeoisie, bäuerlichem Populismus und Guerillataktiken. Mao Zedong, der immer dem rechten Flügel der Partei angehört hatte, übernahm 1935 die Führung der KPCh und verstärkte ihre Orientierung auf die Bauernschaft. Die chinesische Linke Opposition, die sich nach 1927 gebildet hatte, blieb in den städtischen Gebieten aktiv und orientierte sich trotz der Unterdrückung durch die Kuomintang, an der sich die Stalinisten beteiligten, weiterhin an der Arbeiterklasse.

8.2. 1932 warnte Trotzki seine Anhänger in China in einem weitsichtigen Brief vor den Gefahren, die der Arbeiterklasse durch Maos Bauernarmeen drohen könnten. Über die grundlegend unterschiedliche Klassenorientierung von Arbeiterklasse und Bauernschaft schrieb Trotzki: "Die Bauernbewegung ist ein mächtiger revolutionärer Faktor, sofern sie sich gegen die Großgrundbesitzer, Militärmachthaber, Feudalherren und Wucherer richtet. Aber in der Bauernbewegung selbst gibt es sehr starke eigentumsfixierte und reaktionäre Tendenzen, die sich in einem gewissen Stadium feindlich – sogar mit Waffengewalt – gegen die Arbeiter richten können. Wer die Doppelnatur der Bauernschaft vergisst, ist kein Marxist. Man muss die fortschrittlichen Arbeiter lehren, hinter den ‘kommunistischen’ Aushängeschildern und Bannern die wirklichen gesellschaftlichen Prozesse zu erkennen.“[4]

8.3. Trotzki erklärte weiter: „Die wirkliche kommunistische Partei ist die Organisation der proletarischen Avantgarde. Doch die Arbeiterklasse in China befand sich im Laufe der letzten vier Jahre im Zustand der Unterdrückung und Zersplitterung und zeigt erst jetzt Anzeichen einer Wiederbelebung. Es ist eine Sache, wenn eine Kommunistische Partei, die sich fest auf die Blüte des städtischen Proletariats stützt, versucht, den Bauernkrieg mit Hilfe von Arbeitern zu führen. Eine ganz andere Sache ist es aber, wenn einige Tausend, oder sogar Zehntausend Revolutionäre, die den Bauernkrieg führen, Kommunisten sind oder sich so nennen, ohne im Proletariat einen wirklichen Rückhalt zu haben. Und gerade das ist in China der Fall. Das vergrößert das Risiko von Konflikten zwischen Arbeitern und bewaffneten Bauern außerordentlich."[5]

8.4. Auf Anweisung aus Moskau schloss sich die KPCh zuerst mit Tschiang Kai-Scheks Regime zu einer Volksfront gegen die japanische Armee zusammen, die 1937 in China eingefallen war. Trotzki betonte, der Krieg der unterdrückten Nation China gegen den japanischen Imperialismus habe etwas Progressives und wandte sich gegen sektiererische Tendenzen, die seine Position als „Sozialpatriotismus“ und „Kapitulation vor Tschiang Kai-Schek“ bezeichneten. Er betonte jedoch auch, die Arbeiterklasse müsse bei ihrer Unterstützung des Krieges ihre politische Unabhängigkeit wahren. Stattdessen ging die KPCh ein Bündnis mit der Kuomintang ein und ordnete die Interessen der Massen denen der Bourgeoisie unter. Sie nahm ihre eigene Forderung nach einer Landreform zurück und verwarf ausdrücklich die Interessen der Arbeiter, um die Grundbesitzer und Kapitalisten in der KMT nicht zu verärgern. Nach dem Sieg über die Japaner versuchte die KPCh, im Einklang mit Stalins Politik der Kollaboration mit bürgerlichen Parteien und Regierungen in Europa und Asien, ihr Bündnis mit der KMT aufrechtzuerhalten.

8.5. Obwohl es deutliche Anzeichen dafür gab, dass Tschiang Kai-Schek mit Hilfe der USA einen Krieg gegen die KPCh vorbereitete, forderte Mao erst im Oktober 1947, zu Beginn des Kalten Krieges, den Sturz der Kuomintang. Angesichts der Gefahr, von der Kuomintang durch eine Offensive in der Mandschurei vernichtend geschlagen zu werden, stellte die KPCh erneut die Forderung nach einer Landreform auf, um die weitverbreitete Unzufriedenheit unter den Bauern auszunutzen. Tschiang Kai-Scheks Niederlage hatte weniger mit Maos angeblichem strategischem Genie zu tun als mit der inhärenten Schwäche des völlig korrupten und repressiven Regimes der KMT, das keinerlei größere politische Basis hatte und mit einer Finanzkrise und immensen revolutionären Unruhen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft konfrontiert war. Maos Armeen besiegten die Truppen KMT in der Mandschurei mithilfe erbeuteter japanischer Waffen, die sie von der Roten Armee bekommen hatten und konnten ohne nennenswerten militärischen Widerstand nach Süden vorstoßen. Die Volksrepublik China wurde im Oktober 1949 ausgerufen.

8.6. Die KPCh gestaltete ihr neues Regime als „Block der vier Klassen“, zu dem auch Elemente der Bourgeoisie gehörten, die nicht nach Taiwan geflohen waren. Anfangs begrenzten sie die Landreform und die Verstaatlichungen der Industrie. Aber das Ausmaß der revolutionären Bewegung und die Erwartungen an die KPCh, die viele – zu Unrecht – als Erbe der Russischen Revolution ansahen, waren so groß, dass die Stalinisten gezwungen waren, weiter zu gehen als sie wollten. Angesichts der drohenden imperialistischen Intervention nach dem Koreakrieg war das Regime gezwungen, Zugeständnisse an die Arbeiter und Bauern zu machen, da sie die Bevölkerung für den Krieg mobilisieren mussten. In ländlichen Gebieten wurde die Enteignung der Großgrundbesitzer abgeschlossen. Im Rahmen ihrer „Drei Anti“- und „Fünf Anti“-Kampagnen 1951-52 nahm die KPCh Industrielle und Händler wegen ihres „korrumpierenden Einflusses“ auf Partei und Staat ins Visier. 1953 wurde der erste Fünfjahresplan aufgelegt und dem entsprechend wurden die meisten noch existierenden Privatunternehmen verstaatlicht. Jedoch konnte auf Grundlage der reaktionären stalinistischen Theorie des „Sozialismus in einem Land“ keines der komplexen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme gelöst werden, vor denen die Regierung stand. Als die KPCh von einer pragmatischen, nationalistischen Linie zur nächsten wechselte, löste sie eine Reihe von Katastrophen aus – darunter Ende der fünfziger Jahre eine Hungersnot durch den „Großen Sprung nach vorn“.

8.7. Das bürokratische Regime der KPCh agierte zu jeder Zeit als Bremse für die revolutionären Bewegungen der Massen, vor allem der Arbeiterklasse. Als Maos Truppen 1949 in die Städte und Dörfer einmarschierten, verhängte die KPCh schwere Beschränkungen für alle Aktivitäten der Arbeiter. Streiks wurden gewaltsam unterdrückt, teilweise wurden Arbeiter erschossen oder verhaftet und hingerichtet. Die Feindschaft der KPCh gegenüber der unabhängigen politischen Mobilisierung des Proletariats zeigte sich am deutlichsten in der brutalen Verfolgung der chinesischen Trotzkisten. Sie begann 1949 und ging weiter bis zu den Massenverhaftungen im Jahr 1952.

8.8. In der internationalen Arena setzte die KPCh ihr Bündnis mit der Sowjetunion fort In den fünfziger Jahren war sie stark von sowjetischen Experten abhängig, um ihre Wirtschaft und vor allem die Schwerindustrie auszubauen. Die wirtschaftliche Verwaltung der verstaatlichten Industrie durch die KPCh orientierte sich eng an der bürokratischen Planung der Stalinisten in der Sowjetunion. In dem chinesisch-sowjetischen Zerwürfnis von 1962 zeigten sich die konkurrierenden nationalen Interessen der beiden stalinistischen Bürokratien. 1962 unterstützte die Sowjetunion Indien im chinesisch-indischen Grenzkonflikt. Die KPCh kritisierte Chruschtschow dafür, in seiner Geheimrede von 1956 Stalins Verbrechen enthüllt zu haben. Sie selbst brach nie mit den grundlegenden Konzepten des Stalinismus und verteidigte weiterhin alle seine Verrätereien. Dass die KPCh die Zwei-Stufen-Theorie verteidigte und Bündnisse mit den Bourgeoisien rückständiger Länder einging, führte die Massen Asiens in zahlreiche Katastrophen, darunter den brutalen Militärputsch in Indonesien 1965-66.

Wird fortgesetzt

Fußnoten

1. Leo Trotzki: Die nationale Frage und nationale Minderheiten, S. 11 http://www.internationalesozialisten.de/Buecher/Klassiker/Trotzki/Nationale Frage und nationale Minderheiten.pdf 

2. Zitiert in Tomorrow is Ours, S. 171

3. Der Krieg und die IV. Internationale, in: Leo Trotzki: Schriften, Bd. 3.3, Köln,2001, S. 557

4. Der Bauernkrieg in China und das Proletariat: in: Leo Trotzki: Schriften, Bd. 2.2, S. 766

5. ebd., S. 763