Die ungarische Revolution von 1956

Teil 2

Von Sybille Fuchs
18. Oktober 2006

Die folgende, dreiteilige Artikelserie erschien erstmals im Dezember 1996 in der Zeitung Neue Arbeiterpresse. Wir geben sie hier mit kleineren redaktionellen Änderungen wieder.

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In den frühen Morgenstunden des 24. Oktober rollten sowjetische Panzer über die Straßen Budapests. Die Arbeiter begriffen sehr rasch, dass es in dieser militärischen Konfrontation um die Frage der politischen Macht ging. Überall im Land bildeten sie revolutionäre Komitees oder wählten Räte. Wie selbstverständlich griffen sie auf die Organe der Arbeitermacht von 1905 und 1917 zurück.

Bereits am 25. Oktober bildeten die Arbeiter in Pécs ein Revolutionskomitee. Im Kombinat Miskolc wurde ein Arbeiterrat gebildet. Noch am gleichen Nachmittag formulierten die Arbeiter ihre Forderungen und überreichten sie der Regierung. Gefangene aus Zuchthäusern und Arbeitslagern wurden befreit.

Am 26. Oktober begann ein landesweiter Streik. Die Kämpfe dehnten sich rasch auch auf die Provinz aus. Überall entstanden Revolutionskomitees und Arbeiterräte, die sofort darangingen, das politische und gesellschaftliche Leben unabhängig von Partei und Regierung neu zu organisieren. Es entstand eine Situation der Doppelherrschaft wie 1917 in Russland.

Die Parteiführung und die Regierung agierten relativ hilflos und isoliert von den Massen. Das ZK der MDP, der kommunistischen Partei Ungarns, versprach schließlich eine neue, nationale Regierung, Unabhängigkeit und gleichberechtigte Verhandlungen mit der Sowjetregierung zu führen, wenn die bewaffneten Kämpfe eingestellt würden.

In die neue Regierung wurden auch zwei Vertreter der Kleinbauernpartei aufgenommen. Imre Nagy gelang es zwar, den Militärausschuss von der Sprengung der Corvin-Passage, einem Zentrum des Widerstands, abzuhalten. Aber Teile der Bürokratie setzen weiterhin auf die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands. Immer noch kam es im ganzen Land zu blutigen Kämpfen mit zahlreichen Toten.

Die "Reformer" unter den Stalinisten zeigen ihr wahres Gesicht

Am 28. Oktober verhandelten Regierungschef Nagy und der sowjetische Botschafter Juri Andropow im Beisein eines Vertreters der Kremlbürokratie (Mikojan). Die am meisten diskreditierten ungarischen Parteiführer, darunter Gerö, setzten sich sicherheitshalber in die Sowjetunion ab. Es bildete sich ein neuer sechsköpfiger Parteivorstand, der statt des geschrumpften Zentralkomitees die politische Führung übernahm. Ihm gehörten u.a. János Kádár und Imre Nagy an.

Es schien, als habe die neue Regierung grünes Licht von Moskau erhalten und könne jetzt freier und unabhängiger handeln. Nagy erkannte daraufhin die Räte als rechtmäßige politische Organe der Arbeiter an und versprach sogar den Aufbau einer Räterepublik. Er ordnete die sofortige Feuereinstellung an und verkündete in einer Rundfunkansprache den unverzüglichen Abzug der sowjetischen Truppen und die Liquidierung der politischen Polizei AVH.

Gleichzeitig arbeitete jedoch der Militärausschuss Pläne für eine Militärdiktatur aus und traf konkrete Vorbereitungen dafür.

Am 29. Oktober begann tatsächlich der Abzug der Sowjettruppen. Nur vereinzelt kam es noch zu bewaffneten Zusammenstößen. Die Mehrheit der Ungarn glaubte zu diesem Zeitpunkt an einen Sieg ihrer Revolution über die Kremlbürokratie.

Während der bewaffneten Kämpfe war es zu einigen Zwischenfällen gekommen, bei denen AVH-Leute oder verhasste Parteifunktionäre auf der Stelle von der Menge umgebracht wurden. Die meisten jedoch wurden von den Revolutionskomitees verhaftet, um sie später vor Gericht zu stellen.

Gleichzeitig formierten sich reaktionäre Strömungen, die versuchten, die Lage auszunützen, um der Revolution eine andere Richtung zu geben. Vereinzelt tauchten antisemitische Parolen und Inschriften an den Wänden auf. Der katholische Kardinal Mindszenty wurde aus seinem Arrest befreit und vor allem von westlichen Zeitungen und Rundfunksendern als der wahre Held des Widerstands gefeiert. Diese Ereignisse wurden später von der Kremlbürokratie benutzt, um ihre Behauptungen zu stützen, bei dem Ungarnaufstand habe es sich um eine faschistische Konterrevolution gehandelt.

Am 31. Oktober hielt Nagy auf dem Kossuth-Platz eine Rede, in der er den Beginn der Verhandlungen mit der Sowjetunion und den Austritt aus dem Warschauer Pakt verkündete. Er versprach, dass der 23. Oktober zum neuen Nationalfeiertag erhoben werde.

Am gleichen Tag, als die meisten Ungarn noch den Sieg ihrer Revolution feierten, fiel im Kreml nach heftigen Fraktionskämpfen — dies geht aus erst in den letzten Jahren bekannt gewordenen Dokumenten hervor — die endgültige Entscheidung, keinerlei politische Experimente oder Reformen in Ungarn mehr zu dulden und mit Gewalt die alte Ordnung wiederherzustellen. Die Moskauer Bürokratie hatte allen Grund, einen Flächenbrand zu fürchten, der auch ihre eigene Herrschaft bedroht hätte.

Die Mitglieder des Parteivorstands Ferenc Münnich und Kadar begaben sich am 1. November in das Gebäude der sowjetischen Botschaft. Zwei Tage lang gelang es niemandem vom übrigen Parteivorstand, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Da diese beiden später eine wichtige Rolle bei der Niederschlagung der Arbeiterräte spielten, ist zu vermuten, dass sie dort die entscheidenden Instruktionen dazu erhielten.

In der Zwischenzeit hatte sich die Sowjetführung unter Chruschtschow auch mit der chinesischen Parteiführung besprochen und deren Einverständnis zu einem militärischen Eingreifen in Ungarn erhalten. Tschou En Lai war nach Budapest gereist, um die Zustimmung seiner Regierung zu überbringen. Aus den entferntesten Gebieten der Sowjetunion wurden frische Truppen in Richtung Ungarn in Bewegung gesetzt. Um zu verhindern, dass sich die Soldaten erneut mit den ungarischen Arbeitern verbrüdern, hatte die Bürokratie Truppen ausgewählt, die kaum der russischen Sprache mächtig waren.

Auch die jugoslawische Regierung unter Tito, die zunächst den Eindruck vermittelt hatte, sie würde den antistalinistischen Aufstand der Ungarn unterstützen, hatte inzwischen signalisiert, dass ihr "Anti-Stalinismus" nicht als Unterstützung für die Machtergreifung wirklicher Arbeiterräte missverstanden werden dürfe. Dazu war sie viel zu sehr an der Sicherung ihrer eigenen bürokratischen Herrschaft interessiert. Tito erklärte den Abgesandten Moskaus sogar, sie sollten "die Sache rasch und gründlich erledigen".

Die Westmächte geben Moskau grünes Licht

Die USA und ihre westlichen Verbündeten nahmen den Ungarnaufstand zum Anlass, um eine gewaltige Propagandaschlacht gegen den "Kommunismus" zu entfesseln. Dazu wurde von Flugblättern über den Radiosender Freies Europa bis zu Geheimagenten alles eingesetzt, um den Eindruck zu erwecken, sie würden den Ungarn im Fall eines sowjetischen Angriffs helfen. In Wirklichkeit hatte sich die US-Regierung mit der Moskauer Bürokratie auf dem Wege der Geheimdiplomatie längst darüber verständigt, dass Ungarn sowjetisches Einflussgebiet sei und bleiben solle. Dem Kreml wurde signalisiert, dass er seinem Gutdünken nach damit verfahren könne.

Am Abend des sowjetischen Einmarschs nach Ungarn hatte der amerikanische Außenminister John Foster Dulles erklärt, das Vorgehen der sowjetischen Truppen unter dem Warschauer Pakt sei vollkommen legal. "Vom Standpunkt internationalen Rechts und der Verletzung etwaiger Verträge her gesehen", sagte er, "glaube ich nicht, dass man behaupten kann, es handle sich um eine Vertragsverletzung." Die US-Regierung verstand sehr wohl, dass durch einen Sieg der ungarischen Arbeiter sehr rasch der Funken auf die übrige osteuropäische und schließlich auch die westliche Arbeiterklasse hätte überspringen können. Ihr war klar, dass die Unterdrückung der Arbeiter durch die Stalinisten eine wesentliche Stütze ihrer eigenen Herrschaft und ein Garant gegen revolutionäre Erhebungen war.

Die übrigen Westmächte hatten der Einigung Washingtons mit Moskau umso lieber zugestimmt, als England und Frankreich gerade dabei waren, in einem anderen Teil der Welt ein militärisches Abenteuer zu bestehen. Ägypten hatte den Suezkanal verstaatlicht und damit die bisherigen britischen und französischen Eigentümer enteignet. Israel, Großbritannien und Frankreich griffen am 29. bzw. am 31. Oktober Ägypten an. Die Sowjetunion signalisierte, dass sie nicht eingreifen werde, um Ägypten zu unterstützen. Unter dem Druck der UNO wurden daraufhin ein Waffenstillstand und der Rückzug der britischen, französischen und israelischen Truppen vereinbart. Ägypten behielt zwar den Kanal, aber ein großer Teil seines Territoriums wurde von den Israelis besetzt.

Angesichts der Zusammenarbeit des Kremls sahen die Westmächte keinerlei Veranlassung, die Abmachungen von Potsdam und Jalta aufzukündigen; auch nicht, als die Regierung Nagy am 1. November ihren Austritt aus dem sowjetischen Militärbündnis, dem Warschauer Pakt, die Neutralität Ungarns und den Wunsch verkündete, künftig unter dem Schutz aller vier Großmächte stehen zu wollen. Die Westmächte setzten weiterhin auf die Kremlbürokratie und ihren Gewaltapparat. Es erschien ihnen zweifelhaft, dass die Regierung Nagy allein auf sich gestellt die Arbeiter unter Kontrolle halten und ein Ausbreiten der Revolution verhindern könne.

Dennoch glaubten Nagy und seine Berater noch immer nicht an ein bevorstehendes militärisches Eingreifen der Kremlbürokratie und seine Billigung durch die westlichen Regierungen.

Am 3. November bildete Nagy erneut eine neue Regierung, in der neben der Kleinbauernpartei auch die Sozialdemokraten vertreten waren. Am gleichen Tag begab sich eine ungarische Verhandlungsdelegation unter Führung von Maléter ins sowjetische Hauptquartier nach Tököl, um über den endgültigen Abzug der russischen Truppen zu verhandeln. General Serow, der Leiter des KGB ließ sie umgehend verhaften.

Am nächsten Tag begann die Invasion der Sowjetarmee. Nagy wurde gewarnt und konnte sich mit 43 Mitarbeitern in die jugoslawische Botschaft retten, wo ihm großzügig Asyl gewährt wurde. Später stellte sich heraus, dass dies ein abgekartetes Spiel zwischen Tito und Chruschtschow war. Als sie die Botschaft unter Zusicherung der Freiheit wieder verließen, wurden sie verhaftet. Nagy und einige seiner engsten Mitarbeiter wurden 1958 gehenkt.

Der Sender der ungarischen Stadt Szolnok gab die Bildung eine neuen Regierung unter Kádár bekannt. Diese ersuchte den UN-Generalsekretär, die Behandlung der ungarischen Frage von der Tagesordnung des Sicherheitsrats abzusetzen.

Die ungarischen Arbeiter nahmen nun erneut den militärischen Kampf für ihre Freiheit und eine wahrhaft sozialistische Gesellschaft auf. An mehreren Orten entwickelte sich sofort bewaffneter Widerstand gegen die Sowjettruppen. Bei den Kämpfen in Budapest wurden allein am 6. November mehr als 160 Menschen getötet. Einige hundert Ungarn wurden verhaftet und in sowjetische Gulags deportiert. Die Revolution wurde im Blut erstickt.

Aber die Arbeiter gaben nicht auf. Mit aller Macht versuchten sie, mit den ihnen zur Verfügung stehenden leichten Waffen und Molotowcocktails immer wieder gegen die sowjetischen Panzertruppen vorzugehen und ihre Betriebe und Wohnviertel zu verteidigen.

Wird fortgesetzt