Die ungarische Revolution von 1956

Teil 1

Von Sybille Fuchs
17. Oktober 2006

Die folgende, dreiteilige Artikelserie erschien erstmals im Dezember 1996 in der Zeitung Neue Arbeiterpresse. Wir geben sie hier mit kleineren redaktionellen Änderungen wieder.

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Die ungarische Revolution vom Herbst 1956 ist heute, nach fünfzig Jahren, noch immer ein historisches Ereignis, über das widersprüchliche Versionen und zahlreiche Lügen verbreitet werden. Ihre damaligen stalinistischen Henker und die rechten Parteien im heutigen Ungarn stimmen dabei paradoxerweise in einer Frage überein: Beide stellen den Aufstand als antikommunistische Konterrevolution dar, als Erhebung für bürgerliche Verhältnisse und kapitalistische Marktwirtschaft. Die Stalinisten haben damit ihre blutige Niederschlagung des Aufstandes gerechtfertigt, die ungarische Rechte versucht sich als Erbe der heroischen Kämpfer von 1956 darzustellen.

Beide haben Unrecht, das zeigt eine genaue Untersuchung der historischen Ereignisse vom Herbst 1956. Was damals geschah, war der tragisch gescheiterte Versuch der ungarischen Arbeiterklasse, die herrschende stalinistische Bürokratie, ein durch und durch reaktionäres Regime, zu stürzen, Organe wirklicher Arbeitermacht zu errichten und dadurch den Weg zu einer gerechten, sozialistischen Gesellschaft frei zu machen.

Obwohl Ungarn in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch ein wirtschaftlich zurückgebliebenes, überwiegend agrarisches Land war, verfügte die kleine, auf wenige Regionen konzentrierte Arbeiterklasse bereits über starke revolutionäre Traditionen. Unter Führung des Kommunisten Bela Kun hatte sie 1918/19 versucht, nach dem Vorbild der Russischen Oktoberrevolution eine Räterepublik zu schaffen. Doch das Unternehmen wurde - nicht zuletzt wegen der schweren Fehler, die Bela Kun machte - durch einen rechten Putsch blutig beendet. Das Regime von Miklos Horthy, das danach an die Macht kam, stützte sich auf die faschistischen Banden von Ferenc Szalasi. Später wurde es einer der treuesten Verbündeten der Nazis. Tausende von Widerstandskämpfern vor allem aus der Arbeiterbewegung wurden in den dreißiger Jahren deportiert oder ermordet.

Viele Kader der Kommunistischen Partei Ungarns, die den Gefängnissen und Hinrichtungskommandos des Horthy-Regimes in die Sowjetunion, ins Pariser Exil oder nach Spanien entkommen waren, fielen den stalinistischen Säuberungswellen zum Opfer. Wer nach 1945 nach Ungarn zurückkehren und in Führungspositionen aufsteigen konnte, hatte sich in der Regel als getreuer Anhänger der stalinistischen Bürokratie bewährt.

Die Lage in Ungarn nach dem Krieg

Nach 1945 brannten die ungarischen Arbeiter darauf, mit den Faschisten und ihren Hintermännern unter den Feudalherren und in der Bourgeoisie gründlich abzurechnen. Sie hofften, die Anwesenheit der Roten Armee in Ungarn würde dies erleichtern. Aber von einer Entmachtung der Bourgeoisie konnte in Ungarn wie in ganz Osteuropa vor 1948 keine Rede sein. In den Abkommen zwischen Stalin und den Imperialisten wurde Ungarn als besiegtes Land eingestuft, das Reparationen zu zahlen hatte. Für diese Reparationszahlungen sollten wiederum die ungarischen Arbeiter aufkommen, die von der Regierung dementsprechend unterdrückt und ausgepresst wurden.

Auch nach Einführung der Planwirtschaft Ende der 40er Jahre sorgten diese Reparationszahlungen für ein Andauern der Wirtschaftskrise. Hinzu kam, dass die Zwangskollektivierung der Bauern zur Stillegung von rund 10 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche führte. Aufgrund des Kalten Krieges flossen enorme Investitionen in den militärischen Komplex der Industrie und in den Aufbau der ungarischen Volksarmee. Gleichzeitig musste Ungarn vier sowjetische Divisionen unterhalten und versorgen. Die Versorgungslage der Bevölkerung hingegen war schlecht und wurde Anfang der 50er Jahre immer schlechter. Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen von Seiten der Bürokratie sank der Lebensstandard weit unter das Vorkriegsniveau, während den Arbeitern die Normen ständig heraufgesetzt und immer mehr unbezahlte Sonderschichten verordnet wurden.

Unter diesen Bedingungen konnte die bürgerliche Koalitionsregierung, die 1945 auf Anweisung Moskaus von der Kommunistischen Partei gebildet worden war, nicht lange an der Macht gehalten werden. Die aus Moskau zurückgekehrten stalintreuen KP-Funktionäre übernahmen 1947 die gesamte Macht und bemächtigten sich vor allem des Unterdrückungsapparates. Überwiegend aus Elementen des Horthy-Regimes wurde eine allgegenwärtige politische Polizei aufgebaut, die AVH oder AVO.

Die AVH zeichnete sich vor allem durch ihre Jagd auf alte Widerstandskämpfer und Kommunisten aus, die, wie der langjährige KP-Vorsitzende Laszlo Rajk, nicht im Moskauer Exil ausgewählt und trainiert worden, sondern im Ungarn geblieben waren und im Untergrund gekämpft hatten. Mehrere Säuberungswellen erstickten jede Art politischer Opposition gegen das Parteiregime des stalintreuen Matyas Rakosi. Zahlreiche politische Schauprozesse, Machtkämpfe innerhalb der Bürokratie, Nacht-und-Nebel-Aktionen der Geheimpolizei, Folterungen und Hinrichtungen prägten das innenpolitische Klima.

Parteisäuberungen und Deportationen nahmen zu, nachdem die Kommunistische Partei Jugoslawiens unter Tito sich von Stalin losgesagt hatte und zum Anziehungspunkt für oppositionelle Elemente innerhalb und außerhalb der kommunistischen Parteien geworden war. Viele sahen in Tito eine Alternative zur Kremlbürokratie. Allein zwischen 1952 und 1956 wurde 1.136.434 Menschen der Prozess gemacht, mehr als die Hälfte davon wurde zu Haftstrafen verurteilt. Etwa ein Viertel der Bevölkerung war staatlicher Verfolgung oder Polizeischikanen ausgesetzt.

Vor dem Aufstand

Nach Stalins Tod und vor allem nachdem Chruschtschow auf dem zwanzigsten Parteitag im Frühjahr 1956 einige Verbrechen Stalins aufgedeckt hatte, begannen Arbeiter in Ungarn wie in allen osteuropäischen Staaten Hoffnung zu schöpfen. Ihre Entschlossenheit wuchs, sich gegen die Bürokratie und ihren verhassten Apparat zur Wehr zu setzen. Bereits kurz nach dem Arbeiteraufstand in der DDR 1953 traten in Ungarn 20.000 Arbeiter des Matyas-Rakosi-Stahlwerks im Budapester Industriegebiet Csepel in den Streik. Der Ausstand breitete sich rasch auf andere Städte aus.

Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, den Arbeitern erhebliche Zugeständnisse zu machen. Aus Angst, die Bürokratie insgesamt könne die Kontrolle verlieren, intervenierte Stalins Nachfolger Chruschtschow in Ungarn. Er ersetzte den verhassten Rakosi durch den in der Bevölkerung beliebten Imre Nagy, der nach 1945 als Landwirtschaftsminister eine Landreform durchgeführt hatte. Nagy versprach einen "neuen Kurs", d. h. vor allem die Bereitstellung von mehr Konsumgütern und die Anhebung des Lebensstandards. Dieses Manöver war jedoch nur von kurzer Dauer. Nach 18 Monaten wurde Rakosi wieder in seine Ämter eingesetzt. Aber dies rief nun auch innerhalb der ungarischen KP erhebliche Unruhe hervor, die bis ins Jahr 1956 hinein anhielt.

Auch im Nachbarland Polen gärte es. Am 30. Juni 1956 brach in der Messestadt Posen eine Rebellion unter Arbeitern und Studenten aus. Volksarmee und Staatssicherheit töteten 41 Menschen. Im Oktober desselben Jahres spitzte sich die Krise dermaßen zu, dass bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen und eine Spaltung der Partei drohten. Während die Sowjetarmee in Richtung Warschau in Bewegung gesetzt wurde, reiste der sowjetische Staats- und Parteichef Chruschtschow selbst in die polnische Hauptstadt und versuchte, durch Zugeständnisse die Situation zu entschärfen. Ein oppositioneller Bürokrat, der "Reformer" Gomulka, wurde aus dem Gefängnis entlassen und zum Parteichef gemacht. Gleichzeitig wurden die sowjetischen Befehlshaber der polnischen Armee "verabschiedet" und durch polnische Offiziere ersetzt. Auf diese Weise gelang es der Bürokratie, ihre Herrschaft in Polen vorübergehend zu stabilisieren.

Doch nun brach der Brand in Ungarn aus.

Schon im Frühjahr 1956, unmittelbar nach Chruschtschows Rede, war es dort zunächst vor allem unter Intellektuellen, Schriftstellern und Studenten zu heftigen Protesten gegen das Rakosi-Regime gekommen. Der Kommunistische Jugendverband hatte als eine Art Sicherheitsventil ein Diskussionsforum eingerichtet, das nach dem ungarischen Nationaldichter Petöfi genannt wurde. Dieser Petöfi-Kreis wandelte sich immer mehr zu einem Forum der gesamten politischen Opposition gegen das herrschende Regime. Die Jugendlichen und Intellektuellen forderten die Absetzung Rakosis und die sofortige "Entstalinisierung" Ungarns.

Der sowjetische Botschafter in Ungarn Juri Andropow - späterer Chef des Geheimdiensts KGB und Nachfolger Leonid Breschnews im Amt des Parteichefs - unterrichtete die Sowjetführung recht genau über diese Vorgänge. Diese griff ein, um die Lage zu entschärfen. Rakosi wurde erneut abgesetzt und sicherheitshalber nach Moskau geschickt, wo er bis zu seinem Tod 1971 blieb.

An die Stelle Rakosis trat jedoch nicht wie 1953 der populäre Imre Nagy, sondern der bisherige, in der Bevölkerung ebenso verhasste stellvertretende Parteichef Ernö Gerö. Gerö hatte sich als stalinistischer Henker und Folterknecht während des Bürgerkriegs in Spanien einen Namen gemacht und vor 1945 die Exilpartei in Paris auf einen 200prozentig moskautreuen Kurs getrimmt.

Gerö versprach zwar eine Reformpolitik, ließ einige hundert politische Gefangene frei und organisierte demonstrativ eine Versöhnung mit Tito, der sich inzwischen aus Angst vor den um sich greifenden Arbeiterunruhen seinerseits mit Moskau ausgesöhnt hatte. Aber Gerö war nicht in der Lage, seiner Politik in den Augen der Massen auch nur einen Schimmer von Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Unruhe vor allem in der Jugend nahm täglich zu.

Gerö sah sich schließlich gezwungen, den 1949 nach einem Schauprozess als "Titoist" hingerichteten ehemaligen Führer der ungarischen KP Laszlo Rajk und seine Anhänger zu rehabilitieren. Dies war eine der Hauptforderungen des Petöfi-Kreises gewesen, nachdem Rajks Witwe öffentlich seine Rehabilitation und die Bestrafung seiner Mörder gefordert hatte. Am 6. Oktober wurde für Rajk und drei seiner Mitarbeiter ein großes Staatsbegräbnis veranstaltet. Dieselben Machthaber, die 1949 die Verurteilung und Hinrichtung Rajks organisiert hatten, hielten nun die Trauerreden. Aber zu ihrer Überraschung und ihrem Entsetzen waren zu diesem Ereignis rund 200.000 Menschen gekommen, um ihre Opposition auszudrücken.

Nicht nur die alten Betonköpfe unter den Stalinisten, auch die sogenannten "Reformer" waren durch diese Mobilisierung der Massen zu Tode erschrocken. Sicherheitshalber ließ Gerö als Sündenböcke einige Staatssicherheitsoffiziere verhaften, die für den Tod von Rajk verantwortlich gemacht wurden. All diese Maßnahmen aber hatten den gegenteiligen Effekt. Das Misstrauen in die stalinistische Bürokratie wurde umso tiefer, und das Selbstbewusstsein der Massen wuchs. Überall wurden kleine "Petöfi-Kreise" ins Leben gerufen. Dort konnte die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der wirtschaftlichen und politischen Situation artikuliert werden, und alle möglichen Verbrechen der Bürokratie wurden aufgedeckt. Treibende Kraft in diesen Zirkeln waren zunächst Intellektuelle und Studenten, vor allem die der technischen Fakultäten, von denen viele aus Arbeiterfamilien stammten.

Aber auch in den Betrieben wurden die Diskussionen immer häufiger, länger und heftiger.

Der Aufstand beginnt

Am 15. Oktober traten Studenten aus Szged in Südungarn aus dem stalinistisch kontrollierten Verband der Werktätigen Jugend aus und gründeten ihren eigenen Studentenverband. Am 22. Oktober folgten ihnen die Studenten in Budapest und formulierten Forderungen an Partei und Regierung. Diese Forderungen waren ein buntes Gemisch wirtschaftlicher und politischer Fragen, geprägt von einigen Illusionen in die bürgerliche Demokratie. Sie enthielten auch einige nationalistische Töne.

Die Studenten forderten unter anderem Meinungs- und Pressefreiheit, freie und geheime Wahlen und die Zulassung mehrerer Parteien, das Streikrecht für Arbeiter, die Überprüfung der Arbeitsnormen und die Neuordnung des Wirtschaftslebens.

An erster Stelle standen jedoch drei Forderungen:

Außerdem wurden öffentliche Gerichtsverhandlungen gefordert, in denen die Spitzen der stalinistischen Bürokratie und der Staatsicherheit für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden sollten.

Zentral war auch die Forderung nach "Überprüfung und Neuordnung der ungarisch-sowjetischen und ungarisch-jugoslawischen Beziehungen in politischer, wirtschaftlicher und geistig-kultureller Hinsicht. Herstellung der völligen Gleichrangigkeit in den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen auf der Grundlage der gegenseitigen Nichteinmischung in innere Angelegenheiten."

Außerdem sollte das Symbol der stalinistischen Tyrannei und Unterdrückung, das Stalin-Denkmal, schnellstens abgetragen und an seiner Stelle ein Denkmal für die Helden des ungarischen Freiheitskampfes von 1848/49 errichtet werden.

Die Mobilisierung der Studenten breitet sich nun immer weiter aus. Die Universitäten sind besetzt. Eine politische Versammlung folgt der anderen. Die Studenten wenden sich den Arbeitern zu, halten spontane Versammlungen an den Fabriktoren ab und werden dort mit großer Begeisterung empfangen.

Am 23. Oktober untersagt die Regierung eine Solidaritätskundgebung für den Aufstand in Polen. Das Verbot wird aber angesichts der drohenden Mobilisierung der Jugend kurz nach seiner Verkündung wieder aufgehoben.

Um 15 Uhr findet eine Kundgebung von 10.000 Menschen vor dem Petöfi-Denkmal in Budapest statt. Dort verliest ein Student unter lautem Jubel die Forderungen an die Regierung. Am Nachmittag ziehen bereits 200.000 Menschen zum Denkmal des Freiheitskämpfers von 1848, General Bem, wo der Schriftsteller Peter Veres einen Aufruf der Schriftsteller verliest und ein polnischer Schriftsteller die Demonstranten begrüßt. Die Studenten hatten Arbeiter, Offiziersschüler und Soldaten zu der Kundgebung eingeladen, die auch zahlreich erschienen. Unter den Demonstranten marschiert auch eine Gruppe aus der parteieigenen Hochschule, dem Lenininstitut, unter roten Fahnen und mit einem großen Leninporträt. Die Menge singt abwechselnd die ungarische Nationalhymne, die Marseillaise und die Internationale.

Am späten Nachmittag zieht die inzwischen auf 300.000 angewachsene Menge vor das Parlament, um eine Rede von Imre Nagy zu hören. Die Studenten sind längst eine kleine Minderheit der Versammelten. Nagy erscheint erst, als es bereits dunkel wird, und hält eine verwirrte kurze Ansprache. Er verspricht, für die Forderungen im Politbüro ein gutes Wort einzulegen, und ruft zu Ruhe und Ordnung auf. Die Menge ist sichtlich enttäuscht. Der Ruf der Demonstranten: "Wir werden nicht auf halbem Weg stehen bleiben, der Stalinismus muss zerstört werden!" wird begeistert von immer größeren Massen aufgegriffen.

Mit Traktoren und jeder Art vor Werkzeug bewaffnet, gehen die Arbeiter daran, das Stalindenkmal zu stürzen. Als es ihnen nicht gelingen will, es umzustoßen, sägen sie die Statue mit einem Schweißgerät einfach oberhalb der Füße ab. Der Koloss fällt, nur ein riesiges Paar leere Schuhe bleibt auf dem Sockel stehen. Die Statue wird im Triumph hinter einem Schlepper durch die Straßen zum Nationaltheater geschleift, wo sie von den Demonstranten bespuckt wird.

Ein anderer Teil der Demonstranten hat sich derweil vor dem Rundfunkgebäude versammelt. Die Studenten fordern die Verlesung ihrer Forderungen im Radio. Als die Menge versucht, sich ihren Weg in das Gebäude zu bahnen, beginnen die zu seinem Schutz abkommandierten AVH-Leute zu schießen. Die Menge skandiert: "Die AVHler sind Mörder! Tod der AVH!" Als die zur Verstärkung herbeigerufenen Soldaten die Situation erkennen, schließen sie sich den Demonstranten an, liefern ihre Waffen aus oder beteiligen sich an der Erstürmung des Radiosenders. Ein ganzes Panzerregiment, das den Befehl hatte, die Demonstration gewaltsam aufzulösen, weigert sich anzugreifen, und die Soldaten vereinigen sich mit der Menge.

Um Mitternacht kommen immer mehr Lastwagen voller Arbeiter aus den Fabriken der Vorstädte Csepel und Ujest an. Sie bringen Munition und Waffen aus den Fabrikdepots mit. Andere Arbeiter fahren zu den Armeekasernen und Arsenalen, um weitere Waffen zu holen, die ihnen meist von den Soldaten freiwillig ausgehändigt werden.

Die Kämpfe setzen sich die ganze Nacht über fort. Die Regierung ruft sowjetische Truppen und Panzereinheiten zu Hilfe, um den Aufstand niederzuschlagen. In den frühen Morgenstunden des 24. Oktober rollen die sowjetischen Panzer über die Straßen der Hauptstadt. Spontan bilden sich überall in den Arbeitervierteln der Stadt Kampfgruppen. Barrikaden werden errichtet. Oft stehen militante kommunistische Arbeiter an ihrer Spitze.

Eine dieser Gruppen, die in der Gegend des Baross-Platzes kämpfte, stand unter der Führung des 32-jährigen jüdischen Fabrikarbeiters Laszlo Nickelsburg. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei. Seine gesamte Familie war von den Nazis im Konzentrationslager ermordet worden.

Die größte und wichtigste Kampfgruppe bildete sich in der Corvin Allee, unmittelbar gegenüber den Kiliankasernen. Die Kämpfe hier brachen aus, als Offiziere aus der Kaserne versucht hatten, einige der Demonstranten zu verhaften. Dorthin schickte das Verteidigungsministerium Oberst Pal Maléter mit fünf Panzern, um die Kasernen von ihrer Belagerung zu befreien. Er ließ die Gefangenen frei und handelte einen Waffenstillstand aus. Maléter hatte zunächst versucht, eine Politik der Neutralität zu verfolgen. Als sich jedoch die sowjetischen Panzer näherten, verteidigte er die Kasernen und ihre Umgebung gegen sie, bis am 28. Oktober ein Waffenstillstand verkündet wurde.

Der damals 39-jährige Maléter hatte als Partisanenkämpfer in Transsylvanien gegen die Nazis gekämpft, war 1945 in die Kommunistische Partei eingetreten und dann mit der Reorganisation des ungarischen Militärs betraut worden. Während der gesamten Revolution trug er den roten Stern der Partisanen und betonte immer wieder, dass er nichts sei als ein Kommunist. In einem Interview mit westlichen Journalisten erklärte er: "Wenn wir die Russen los sind, dann glaubt ja nicht, dass wir dann zu den alten Zeiten zurückkehren. Und wenn einige Leute dies wollen, dann werden wir sehen, was wir mit ihnen machen werden!" Während dieser Bemerkung streifte er über seinen Revolver und fügte hinzu: "Wir wollen nicht zurück zum Kapitalismus. Wir wollen Sozialismus in Ungarn."

Maléter, der in der kurzlebigen Regierung Nagy als Verteidigungsminister amtierte, wurde während einer Verhandlung mit Vertretern der Roten Armee unter Führung des KGB-Chefs Serow verhaftet und später zusammen mit Nagy hingerichtet.

Soldaten der Roten Armee solidarisieren sich

Nach vier Tagen erbitterter Kämpfe stimmt die Moskauer Bürokratie einem Waffenstillstand zu und verspricht, ihre Truppen zurückzuziehen. Dieser Entschluss resultierte aber nicht nur aus dem unerwartet hartnäckigen Widerstand der Ungarn, sondern auch aus der Angst heraus, die Soldaten der Roten Armee würden sich ebenfalls dem Aufstand anschließen und könnten vom Geist der Revolution angesteckt werden und ihn auf die sowjetische Arbeiterklasse übertragen.

Wohin die russischen Panzerkolonnen auch kamen, sofort waren sie von Arbeitern und Studenten umringt, die unaufhörlich versuchten, ihnen klarzumachen, dass sie ein Recht hätten, sich gegen die stalinistische Bürokratie zu erheben, und entschlossen seien, den Sozialismus zu verteidigen. In einigen Fällen hielten Kommandeure von Panzern Reden, in denen sie erklärten, ihnen sei gesagt worden, sie würden in Ungarn gegen Faschisten kämpfen, jetzt aber sähen sie nur Arbeiter auf den Straßen.

Die Aufständischen verteilten Flugblätter in russischer Sprache an die Soldaten. In einem von ihnen hieß es: "Freunde, schießt nicht auf uns! Weigert Euch, die Rolle von Henkern zu übernehmen! Ihr habt uns geholfen, die faschistische Diktatur zu stürzen, aber jetzt helft Ihr selbst einer Diktatur! Freunde, ihr dient dem roten Imperialismus, keineswegs der Sache des Sozialismus!"

Die Verbrüderungsszenen auf den sowjetischen Panzern, auf die ungarische Arbeiter und Studenten hinaufkletterten und sie mit ungarischen Fahnen schmückten, ließen viele Budapester glauben, die Rote Arme habe sich der Revolution angeschlossen. Allein die Vorstellung von solch einer Entwicklung ließ den Herren im Kreml das Blut in den Adern erstarren.

Als jedoch eine Menschenmenge unter Rufen "Wir sind Arbeiter, keine Faschisten" zum Parlament marschierte und von einem Dach aus mit Maschinengewehren beschossen wurde, waren die Demonstranten ebenso verwirrt wie die sowjetischen Soldaten, die sich auf dem Platz befanden, weil sie nicht begriffen, wer eigentlich geschossen hatte. Sie feuerten aus ihren Panzern auf das Dach, aber zu diesem Zeitpunkt waren bereits fast hundert Demonstranten getötet worden.

Es wurde angenommen, dass die verhasste AVH das Massaker verübt hatte. Aber westliche Sender, vor allem Radio Liberty, der amerikanische Propagandasender, verbreiteten hartnäckig, dass es die Rote Armee gewesen sei, die in einem Massaker über hundert Menschen getötet habe.

Dies war der Auslöser für weitere heftige Kämpfe bis zum 28. Oktober.

Wird fortgesetzt