Eine neue Sicht auf Mozart

Buchbesprechung: Helmut Perl, Der Fall Mozart. Aussagen über ein missverstandenes Genie, Zürich Mainz 2005

Von Verena Nees
5. Mai 2006

Der 250. Geburtstag von Mozart in diesem Jahr hat frischen Wind in die Mozart-Forschung, in die Konzertsäle, Opernhäuser und Rundfunkstationen gebracht. Die Zeit, in der Mozarts Musik verniedlicht und zu Kuschel-Klassik, seine Opern zu märchenhaften, schönen, aber nicht sehr tiefsinnigen Singspielen degradiert wurden, scheint vorbei zu sein, auch wenn manche Neuinszenierungen eher vordergründiger Effekthascherei als einem besseren Verständnis von Mozarts Musik verpflichtet sind.

Immerhin diskutiert man wieder über Mozart, versucht zu verstehen, weshalb seine Kompositionen bis heute die Menschen faszinieren. Veranstaltungen und Ausstellungen zum Mozart-Jahr stoßen auf lebhaftes Interesse.

Viele Jahre haben Mozart-Biographen die Auffassung vertreten, Mozart sei im Unterschied beispielsweise zu Beethoven ein unpolitisches Genie gewesen und habe kein Interesse an den revolutionären Umbrüchen seiner Zeit gezeigt. Seine Zugehörigkeit zu Freimaurerlogen in Wien, die natürlich lange bekannt ist, sei aus rein beruflichen Gründen erfolgt, habe keinen politischen Hintergrund und auch keine besondere Bedeutung für sein Werk und seinen Lebensweg gehabt.

Auch zum Mozartjahr erschienen zahlreiche Artikel und Bücher, die sich mit psychologischen Fragen der Vater-Sohn-Beziehung, neuen Spekulationen über seinen Tod und anderen Teilaspekten befassen. Doch gibt es auch Publikationen, die erstmals den politischen Mozart thematisieren und den Versuch unternehmen, seine Musik als Widerspiegelung der revolutionären Strömungen seiner Zeit zu verstehen.

In Italien wurde ein Buch zum Publikumsrenner, das die italienische Musikwissenschaftlerin Lidia Bramani unter dem Titel Mozart massone e rivoluzionorio (Mozart: Freimaurer und Revolutionär) verfasst hat. In wenigen Wochen war es vergriffen.

In Deutschland erschien ein bisher noch zu wenig beachtetes Buch des 2004 verstorbenen Orgelrevisors und Musikwissenschaftlers Helmut Perl, Der Fall Mozart - Aussagen über ein missverstandenes Genie, das Mozarts Jahre in Wien dokumentiert und ebenfalls mit dem Klischee des "unpolitischen" Mozart aufräumt.

In einem Dossier der Wochenzeitung Die Zeit Mitte Dezember 2005 wurden gleich mehrere Artikel und Interviews abgedruckt, die den revolutionären Mozart hervorheben: Helmut Reinalters "Die Jakobiner von Wien", Volker Braunbehrens’ "Ein Kaiserreich für das Genie", ein Interview mit Peter Sellars, der das Mozart-Festival in Wien im Herbst ausrichtet, und eines mit dem Pianisten Maurizio Pollini unter anderem.

Die Hauptausstellung des Mozart-Jahrs in der Albertina in Wien, die noch bis zum 20. September zu sehen ist, hat zum Thema "Mozart. Experiment Aufklärung", mit einer Vielzahl von Dokumenten und Objekten, die Mozarts enge Beziehung zu den Freimaurern und Illuminaten in Wien und deren Widerspiegelung in seinen Werken dokumentieren, insbesondere in der Zauberflöte.

Auch die 2004 verfasste spannende Dokumentation von Helmut Perl, die jetzt zum Auftakt des Mozart-Jahres erschienen ist, konzentriert sich auf diese Frage. Die "Zauberflöte" analysiert Perl auf dem Hintergrund der französischen Revolution als gesellschaftspolitische, aufklärerische Parabel.

In einer Zeit des Postmodernismus, in der es verpönt ist, Kunstwerke in ihrer Beziehung zur Geschichte und zur Entwicklung der Gesellschaft zu analysieren, ist die historische Herangehensweise von Helmut Perl erfrischend.

Helmut Perl sagt im Vorwort selbst dazu: "Mozart erlebte in unmittelbarer Nähe die radikale Spätaufklärung: die Auseinandersetzung der modernen Philosophie mit dem Klerus als Verwalter tradierter Werte und Strukturen.... Die vorliegende Publikation ist ein Versuch, Mozarts geistige Umwelt dieser Jahre zu beleuchten und seine Person und seine Werke in diesem Zusammenhang zu verstehen." (Helmut Perl, Der Fall Mozart. Aussagen über ein missverstandenes Genie, Zürich Mainz 2005, S. 7)

Mozarts letzte Jahre zählten "zu den aufregendsten der europäischen Geschichte. Wien war mehr als jede andere europäische Metropole ein Brennpunkt, in dem die exponiertesten Positionen der rivalisierenden Mächte und ihre Protagonisten direkt aufeinander trafen. Nachdem in Paris zum ersten Male in der Geschichte der unmündige Bürger, die breite Masse, der ‚Pöbel’, eine entscheidende Rolle zu spielen begonnen hatte, ging es auch in Wien in diesen Auseinandersetzungen um die öffentliche Meinung. Das Volk begann zu begreifen, was Meinungsfreiheit ist und wie sie sich auswirken konnte. Die Vertreter des ancien régime erkannten die Gefahr. Der Bürger versuchte, sich als politische Kraft zu verstehen und zu äußern." (ebd. S. 12)

Mozarts kurzes Leben von 35 Jahren spannte sich vom Siebenjährigen Krieg über den Amerikanischen Unabhängigkeitskampf bis zur französischen Revolution. Auch wenn keine direkten Äußerungen zur französischen Revolution überliefert sind - ein Teil seiner Korrespondenz ist verschollen oder wurde nachträglich von seiner Witwe Constanze wegen der Zensur geschwärzt -, verraten sein Verhalten in der Freimaurerszene, die Wahl und Behandlung seiner Opernstoffe, seine Bibliothek, die neben schöngeistigen Werken ein weites Spektrum an historischen, philosophischen, pädagogischen, mathematischen und naturkundlichen Werken enthielt, und nicht zuletzt seine Musik einen vielseitig interessierten, hellwachen Künstler, der entschieden auf der Seite der Aufklärer, der Opposition gegen Adel und Klerus stand, und der die revolutionären Strömungen Europas musikalisch verarbeitet hat.

Schon sein persönlicher Werdegang zeigt den Rebellen: Im Juni 1781 kündigte er den Dienst als Hoforganist des Salzburger Fürsterzbischofes Hieronymus Colloredo auf und ging nach Wien. Colloredo war zwar Reformkatholik und Sympathisant der Aufklärung, benahm sich aber wie ein Despot. Mozart wurde wie ein Diener behandelt und musste mit den anderen Dienern unter den Treppen essen. Als er kündigte, verpasste ihm Graf Arco, um seinem Herrn Loyalität zu demonstrieren, einen Tritt in den Hintern - eine Erfahrung, die sicherlich in Mozarts herrliche Arie in Hochzeit des Figaro eingeflossen ist: "Will einst das Gräflein ein Tänzchen wagen, mag er’s nur sagen, ich spiel’ ihm auf." Mozart wurde nach seinem Weggang aus Salzburg einer der ersten freischaffenden Musiker.

Vom ersten Tage seines Wiener Aufenthalts an pflegte Mozart engen Kontakt zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Wiener Aufklärung. Die Fürstin Thun-Hohenstein, Baron Gottfried van Swieten, Sales von Greiner, Fürst Kaunitz-Rietberg und andere gehörten zu seinem privaten Zirkel. 1784 trat er in die Freimaurerloge "Zur Wohltätigkeit" ein, die mit der Loge "Zur wahren Eintracht" verbunden war, wurde bald Geselle und ein Jahr später bereits Meister. Die Freimaurerlogen Wiens bildeten den geistigen Mittelpunkt der wissenschaftlichen, philosophischen und politischen Auseinandersetzungen. Hier wurden die Aufklärungsschriften von Immanuel Kant, Christoph Martin Wieland und anderen herumgereicht und die politischen Ereignisse in Europa diskutiert.

Zu Mozarts Umfeld gehörten Ignaz von Born, Otto von Gemmingen, Joseph Franz Ratschky, Aloys Blumauer, Josef von Sonnenfels, Johann Baptist von Alxinger, Martin Joseph Prandstetter, Johann Pezzl, Georg Forster und viele mehr. Dazu zählten auch wichtige Wissenschaftler wie der berühmte Botaniker Nikolaus Joseph Baron von Jacquin, Professor für Chemie an der Universität in Wien. Dessen drei Kinder waren eng mit Constanze und Wolfgang Mozart befreundet, und in seinem Hause traf man sich regelmäßig mittwochs zum Hauskonzert. Gleichzeitig versammelten sich in den Logen viele Künstler und Musiker, so außer Mozart auch Joseph Haydn, Paul Wranitzki, der bekannte Klarinettist Anton Stadler unter anderem.

Helmut Perl betont, dass Mozart in diesen Logen sehr engagiert war und nicht nur Mitglied wurde, um mehr Aufträge zu erhalten. Er komponierte zahlreiche Freimaurermusiken, die er oftmals selbst am Klavier spielte oder dirigierte. Die beiden Logen, in denen er verkehrte, galten als die Wiener Elitelogen, die den Illuminaten nahe standen.

Die Freimaurerbewegung entstand Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts aus den Maurerzünften, verbreitete sich in England, dann auch auf dem europäischen Festland und war eng mit der beginnenden Aufklärung verbunden. Die Illuminaten waren eine besondere Spielart der Freimaurer. Gegründet als studentischer Geheimbund 1775 durch den Philosophen und Theologen Adam Weishaupt in Ingolstadt, breiteten sie sich ab 1780 unter der Führung von Adolph von Knigge aus. Im Unterschied zur allgemeinen Freimaurerbewegung, die religiöse und politische Diskussionen zu vermeiden suchte, traten die Illuminaten auch für politische und gesellschaftliche Veränderungen ein. Die Vorstellungen reichten dabei von der Schaffung einer konstitutionellen Monarchie und dem Versuch, durch gezielte Anwerbung von Staatsbeamten oder Übernahme von Staatsämtern den Einfluss des Klerus zu schwächen, bis hin zu offen demokratischen Positionen, die mit der französischen revolutionären Bewegung sympathisierten.

Während in Bayern ab 1784 die Illuminaten verboten und verfolgt wurden und Weishaupt nach Weimar fliehen musste, hatten die Aufklärer in Wien noch bis Ende der 1780er Jahre relativ günstige Bedingungen. Kaiser Joseph II. hatte zunächst, wie Friedrich II. in Preußen, die Reformbewegung gefördert. 1781 hob er die Leibeigenschaft auf. Er schaffte die Todesstrafe und die Zensur ab, führte selbst Bildungs- und Rechtsreformen durch, ließ die Schriften der Aufklärer verbreiten und beschränkte den Einfluss des Klerus auf politische Entscheidungen.

Zahlreiche Mitglieder von Mozarts Logen besetzten Posten im Staatsapparat. Gottfried Freiherr van Swieten, ein Freund und Förderer der Familie Mozart, leitete die oberste Zensurkommission. Joseph von Sonnenfels, Professor der Staatswissenschaft und Begründer der Illuminaten in Wien, war schon unter Maria Theresia Justizreformer und gilt als Architekt der Abschaffung der Todesstrafe und der Folter. Ignaz von Born, der Meister vom Stuhl an der Loge "Zur wahren Eintracht", war Bergwerksingenieur sowie einer der ersten Mineralogen und leitete das Hof-Naturalienkabinett. Baron Andreas Riedel, der dem Kreis von Mozarts Lieblingsschriftsteller Aloys Blumauer angehörte und später mit Martin Joseph Prandstätter die Verfassung der französischen Revolutionsregierung übersetzte, war Erzieher der Söhne des Bruders von Kaiser Joseph, dem späteren Kaiser Leopold II. Dies sind nur einige Beispiele.

1786 ging die liberale Phase der josephinischen Reformen zu Ende, und noch unter Kaiser Joseph wurde die Aktivität der Logen stark beschränkt und unter staatliche Kontrolle gestellt. Die Loge "Zur Wohltätigkeit" stellte ihre Tätigkeit ein, d.h. sie schloss sich mit anderen Logen zusammen und gründete die Loge "Zur neugekrönten Hoffnung", ab 1788 "Zur gekrönten Hoffnung". Mozart blieb auch in dieser Loge Mitglied. Ignaz von Born und einige andere hatten sich zu dieser Zeit bereits aus der aktiven Mitarbeit zurückgezogen.

Nach dem Tod Kaiser Josephs 1790, unter der Regentschaft seines Bruders Leopold II. und verstärkt nach Mozarts Tod unter dem Regime von Kaiser Franz II. setzte die Reaktion ein. Die demokratischen Bestrebungen der Illuminaten wurden grausam unterdrückt. Nicht wenige von Mozarts Freunden und Logenbrüdern wurden in den Jakobinerprozessen von Wien 1794/95 zum Tode oder zu Kerkerstrafen verurteilt.

Das absolutistische Herrscherhaus in Wien reagierte damit auf die französische Revolution von 1789 und die sozialen Unruhen im eigenen Machtbereich seit 1788 im Gefolge des Türkenkriegs, vor allem in Ungarn und Belgien. Es war klar geworden, dass eine Reform der absolutistischen Monarchie nicht möglich war und ein revolutionärer Umsturz der feudalen Gesellschaftsordnung auf der Tagesordnung stand.

Auch das Lager der Illuminaten und der Freimaurerbewegung wurde durch die Französische Revolution polarisiert - zwischen denjenigen, die jeglichen Umsturz ablehnten, und denen, die offen mit den französischen Revolutionären sympathisierten.

Einige Freimaurer und Illuminaten zogen sich in dieser Zeit zurück, erschrocken über die gewaltsamen Ereignisse in Paris, aber auch aus Furcht vor dem Verlust ihrer Stellungen. Manch einer wurde zum Denunziant oder offenen Renegaten, wie beispielsweise Leopold Aloys Hoffmann, der ehemalige Herausgeber der Wöchentlichen Wahrheiten für und über die Prediger in Wien, einer beißenden Satirezeitschrift gegen den vom Klerus geförderten Aberglauben, und ab 1783 Sekretär der Loge "Zur Wohltätigkeit". 1789 wandelte er sich zum eifrigsten Verfolger der Illuminaten, seine Denunziationen wurden zur Grundlage der Wiener Jakobinerprozesse. Andere Logenbrüder Mozarts wurden offene Unterstützer der Revolution, so Georg Forster, Prandstätter, Franz von Hebenstreit.

Mozart jedoch blieb in dieser Zeit seiner Loge treu und trat mit seinen Kompositionen offen für die Ideen der Aufklärung und seine Logenbrüder ein. Noch am 18. November 1791, wenige Tage vor seinem Tod, dirigierte Mozart höchstpersönlich die Uraufführung seiner Freimaurerkantate "Laut verkünde unsere Freude" (KV 623), die er eigens zur Einweihung des Logentempels "Zur neugekrönten Hoffnung" komponiert hatte.

Helmut Perl schreibt: "Die Polarisierung der Ideen schlug mehr und mehr in einen innenpolitischen Machtkampf um. Mozart hatte also zum zweiten Mal eine ganz und gar unkluge Entscheidung getroffen. Jetzt wäre es wirklich an der Zeit gewesen, sich etwas diplomatischer zu verhalten und sich der allmählich stärker werdenden antiliberalen Strömung anzupassen, der auch der Kaiser mehr und mehr entsprach. Man kann sein Verhalten nicht anders interpretieren als ein bewusstes Verharren an der Seite derjenigen, die liberale und frühdemokratische Ideen vertraten." (ebd. S. 59)

Auch den Tod Mozarts und sein Ende in einem unbekannten Massengrab sieht Perl im Zusammenhang mit seiner bis zuletzt revolutionären Gesinnung. Im letzten Kapitel seines Buchs verweist er die Theorien, er sei arm und verlassen von seiner Familie und seinen Freimaurerfreunden im unbekannten Armengrab verscharrt worden, ebenso wie alle sonstigen Thesen von Giftmord, Quecksilbervergiftung wegen Eigenbehandlung einer Syphilis und Ähnlichem ins Reich der Spekulation. Tatsache ist, dass Mozarts Begräbnis von den beiden zuständigen Priestern des St. Stephandoms organisiert wurde, die Mozart zuvor vermutlich exkommuniziert hatten und die zu den eifrigsten Verfechtern der klerikalen Antiaufklärung gehörten. Mozarts Schwägerin Sophie Weber berichtete drei Jahrzehnte später, dass die Geistlichen sich lange Zeit sogar geweigert hatten, Mozart die letzte Tröstung zukommen zu lassen.

Für Perls These, dass die Reaktion unter Leopold II. wegen seiner hartnäckigen Unterstützung der Illuminaten zum Racheschlag gegen Mozart und seine Familie ausgeholt hat, indem sie ihm ein christliches und würdevolles Begräbnis verweigerte, spricht auch die Tatsache, dass Baron von Swieten, der vermutlich gegen eine derartige Behandlung protestiert hat, nur wenige Stunden nach Mozarts Tod aus dem Staatsdienst entlassen wurde.

Eine Frage, die das Buch von Perl nur beiläufig erwähnt, hat für Mozarts Standfestigkeit an der Seite der Illuminaten sicherlich eine wichtige Rolle gespielt: seine vielen Reisen durch Europa. Er war nicht nur durch die Aufklärer in Wien beeinflusst, sondern hatte auch die fortschrittlichen Geister in Weimar, Paris, London, Prag kennen gelernt. Als er starb, berichteten viele europäische Zeitungen darüber und überall fanden Trauerbekundungen statt.

Auch dies atmet Mozarts Musik - den Geist eines hellwachen und freiheitsliebenden Weltbürgers. In mancher Hinsicht glich Mozart dem fast gleichaltrigen Illuminaten Georg Forster, der mit James Cook und Alexander von Humboldt die Welt bereiste und begeisterter Anhänger der französischen Revolution wurde. Er besuchte die Loge "Zur gekrönten Hoffnung" in Wien und verkehrte im Hause Born, als Mozart gerade an der Zauberflöte arbeitete. Sicher ist er ihm zu dieser Zeit begegnet.

Die Zauberflöte - ein politisches Lehrstück

Wenn Tugend und Gerechtigkeit

der Großen Pfad mit Ruhm bestreut,

dann ist die Erd ein Himmelreich

und Sterbliche den Göttern gleich.

(Finale des ersten Aktes der Zauberflöte)

Helmut Perls Buch ist auch deshalb so lesenswert, weil er Mozarts politische Gesinnung nicht von seinem Werk trennt. Anhand seiner letzten Opern Zauberflöte und La Clemenza di Tito weist er nach, dass Mozart sogar nach Einsetzen der Reaktion in Wien das politische Programm der Aufklärung musikalisch zum Ausdruck brachte.

Schon früher haben Mozartforscher auf die Freimaurersymbolik in der Zauberflöte verwiesen - Symbole wie die drei Hammerschläge, die schon in der Ouvertüre auftauchen und an das Willkommensritual für die Lehrlinge, Gesellen und Meister in der Freimaurerloge anklingen; überhaupt die Zahl Drei (drei Damen, drei Knaben); die Gegenüberstellung von Nacht und Tag, Licht und Dunkel; die Prüfungen von Tamino und Papageno analog des Aufnahmezeremoniells in den Logen usw. - ohne jedoch den politischen Inhalt der Oper zu analysieren.

Viele Inszenierungen, wie Helmut Perl aufzeigt, verwandeln die Zauberflöte in eine reine Märchenoper oder in ein Mysterienspiel oder verdrehen sogar die ursprünglichen Intentionen Mozarts und seines Librettisten Emanuel Schikaneder, beispielsweise wenn Sarastro als Bösewicht oder Dämon gezeigt wird und seine Priester in Soutanen klerikaler Orden auftreten.

Die Zauberflöte ist ein politisches Lehrstück, das das Publikum in Mozarts Tagen sehr gut verstand. Das Märchenhafte war der Notwendigkeit geschuldet, aufgrund der verschärften Zensur nach dem Tod Kaiser Josephs eine "Gratwanderung zwischen notwendiger Camouflage einerseits und Verständlichkeit der Botschaft andererseits" zu vollziehen. Eine antifeudale Aussage musste in ein harmloses Geschehen auf der Bühne verwandelt werden, was Schikaneder mit Einführung von bekannten Wiener Theaterelementen gelang: Dazu gehören die Figur des Papageno und seine Ähnlichkeit mit Kasperlgestalten der Wiener Komödie, oder Handlungsmomente wie die Verwandlung der alten Frau in ein jugendliches Weib, ebenfalls die Verlegung des Geschehens nach Altägypten.

Dass es aber um die Ideen der Aufklärung geht, wird an vielen Motiven der Oper deutlich. So erinnerte in der ursprünglichen Fassung der runde Tempel auf der Bühne, aus dem die drei verschleierten Damen kamen, an die Fassade einer jesuitischen Kirche in Rom. Die drei Damen waren schwarz gekleidet wie Kapuzinerinnen der Wiener Klöster, das heißt sie wurden gleich als Vertreter der Gegenreformation und des Klerus identifiziert. Dazu passte die Szene mit der Flucht des Helden Tamino vor der Schlange, eine Allegorie für die Erbsünde, die eben nur die Kirche, vertreten durch die drei Damen, überwinden kann.

Die Musik Mozarts unterstreicht diese Bedeutung: Die Damen singen im liturgischen Rezitationston die Absolutionsformel: "Die Königin begnadigt dich, erlässt die Strafe Dir durch mich" (mit der barocken musikalischen Figur d-f-e-g). Dies wird musikalisch parodiert durch wiederholte Beteuerung des vom Zölibat verlangten Liebesverzichts: "Würd’ ich mein Herz der Liebe weih’n ... Wir wären gern bei ihm allein, bei ihm allein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, das kann nicht sein!" Das Motiv "Schloss vor den Mund" war ebenso sofort erkennbar als Anspielung auf das Publikationsverbot der Kirche für unliebsame Autoren

Das zu Beginn eingeführte Konzept der Erbsünde wird im Verlauf der Oper dem Konzept der irdischen Glückseligkeit gegenübergestellt. Im zweiten Auftritt wird ein weiteres Thema der Aufklärung angesprochen: Im Dialog von Tamino und Papageno wird letzterer eher negativ gezeichnet und nicht, wie in späteren Inszenierungen, als sympathischer Naturbursche.

Papageno hat keine Ahnung von Politik und Religion und empfindet sein Unwissen nicht als Manko, sondern als notwendige Unterordnung. Tamino hat sogar ein Problem, ihn als Mensch anzuerkennen: "Ich zweifle, ob du Mensch bist!" Die Figur des Papageno soll den unmündigen und manipulierbaren Menschen zeigen - analog zum berühmten Kant’schen Imperativ, Aufklärung sei "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit".

Schließlich widerlegt Helmut Perl die Auffassung, die Königin der Nacht habe sich im Verlauf der Oper vom Guten zum Bösen gewandelt. Nachdem die drei Damen Tamino dazu verleitet haben, gegen den "Bösewicht" Sarastro, in dessen Einflussbereich sich Pamina befindet, den Kampf aufzunehmen, erscheint die Königin der Nacht auf einem Thron, "welcher mit transparenten Sternen geziert ist". Sie "erscheint so, wie das Publikum sie aus den zahllosen Berichten über vorgebliche Marienerscheinungen in aller Welt kannte." (Der Fall Mozart. Aussagen über ein missverstandenes Genie, S. 104)

Das heißt, laut Helmut Perl war mit der Königin der Nacht niemand anderes als Maria gemeint, allerdings weniger in ihrer Eigenschaft als Mutter Christi, denn als Symbolfigur der katholischen Kirche. "Unmissverständlicher konnte das gar nicht formuliert und dargestellt werden. Die Königin greift denn auch im Stile der zeitgenössischen klerikalen Literatur sogleich die Polemik gegen die Aufklärer auf: Die Tochter - also die gläubige Gemeinde - fehle ihr; ‚ein Bösewicht, ein Bösewicht’ - mit emphatischer Empörung durch Herausheben in Stimme und Orchester - ‚entfloh mit ihr’." (ebd. S. 105)

Auch hier unterstreicht Mozart diese Interpretation mit musikalischen Mitteln. Die Arie der Königin der Nacht beginnt zunächst im Stil von Kirchenmusik, um dann plötzlich in virtuose Koloraturen umzuschlagen, ohne dass es einen erkennbaren Bezug zum Text gäbe. Mozart parodiert damit den italienischen Gesangsstil, karikiert die angeblich gutmeinende Königin und zeichnet sie ins Negative.

Eine Marienerscheinung auf die Bühne zu bringen war provokant und hat sicher die klerikalen Antireformer in Kaiser Leopolds Staat erst recht gegen Mozart aufgebracht. Inszenierungen nach Mozarts Tod haben deshalb gezielt diese Szene umgedeutet und die Königin der Nacht zumindest im ersten Teil der Oper als gute Fee dargestellt, deren Mordgedanken lediglich aus Liebe zur Tochter Pamina entstanden seien.

Am Ende des ersten Aktes wird die programmatische Stoßrichtung der Zauberflöte deutlich: Die Bühnenanweisung sieht drei Tempel - Weisheit, Vernunft, Natur - in einem Götterhain vor. Hier residieren Sarastro, in dem vermutlich der Meister der Loge "Zur wahren Eintracht" Ignaz von Born dargestellt wurde, und seine Priester. Der Bezug zur Aufklärung und deren Idealen ist auffallend: Die menschliche Gesellschaft sollte der Vernunft und den Gesetzen der Natur gehorchen, anstatt die religiös begründeten Machtverhältnisse des Absolutismus aufrecht zu erhalten.

Zur Zeit Mozarts waren gerade Kants Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784), Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) und Kritik der reinen praktischen Vernunft (1788) sowie L’Esprit des Lois von Montesquieu (auf Deutsch 1782) publiziert worden und wurden von den Illuminaten diskutiert. Die Zauberflöte griff diese Vorstellungen auf: Eine wahrhaft menschliche Gesellschaftsordnung kann es nur geben, wenn der Herrscher nicht mehr Macht beansprucht, als zum allgemeinen Wohlergehen des Volkes nötig ist: "...dann ist die Erd ein Himmelreich und Sterbliche den Göttern gleich" singt der Chor der Priester.

Im Kern war dies der Contrat social, den Jean-Jacques Rousseau schon 1762 gefordert hatte. Kant formulierte diese Vorstellung in Idee zu einer allgemeinen Geschichte noch deutlicher als die Notwendigkeit der "Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft".

Jeder wusste in Wien, dass Kant die französische Revolution begrüßt hatte und verteidigte. Auch hier wurden die Forderungen nach Demokratie immer lauter. Mit der beginnenden Reaktion unter Leopold II. wurde offensichtlich, dass der absolute Staat nicht reformierbar war.

Mozarts Zauberflöte stellte in dieser Situation klar: Wir Illuminaten teilen die Ideen der Revolution, aber lehnen Gewaltakte ab: "In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht! ... In diesen heil’gen Mauern, wo Mensch den Menschen liebt, kann kein Verräter lauern, weil man dem Feind vergibt. Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht ein Mensch zu sein." (Arie des Sarastro, 2. Aufzug, 12. Auftritt)

Einige Schlussbemerkungen

Ein Artikel reicht nicht aus, um Mozarts Musik zu charakterisieren. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unerschöpflich. Man könnte vieles sagen zur Art und Weise, wie Mozart barocke Kompositionsformen, Sonate, Fuge, Rezitativ usw. übernimmt und diese Formen spielerisch aufbricht. Man könnte seine ständige Suche nach neuen Klangmöglichkeiten, vor allem in seinen letzten Lebensjahren, aufzeigen: seine Einbeziehung neuer Instrumente wie der Klarinette, des Bassetthorns, der Glasharmonika und seine manchmal ungewöhnliche Besetzung von Kammerorchestern.

Es würde sich auch lohnen, seine Streichquartette zu untersuchen, die als neue Gattungsform in seiner Zeit in Mode kamen. Man könnte aufzeigen, wie in Mozarts Quartetten die Instrumente geradezu in den Dialog, in eine gleichberechtigte Diskussion zueinander treten, sich die Tonfiguren wie Bälle zuwerfen, sie auffangen und wieder zurückgeben - also das demokratische Programm der Aufklärung und der Revolution sozusagen in der Sprache der Musik wiedergeben.

Was ist das Neue, Rebellische an Mozarts Musik, was unterscheidet sie von der Musik seiner barocken Vorgänger? Was lässt noch heute den aufmerksamen Zuhörer immer wieder aufhorchen?

Es ist nicht mehr die polyphone Musik des Barock, die noch die feudale Ordnung und die Beziehung der Menschen zu Gott widerspiegelt. Es ist auch noch nicht die romantische Musik, die die Gefühle und die Einsamkeit des Individuums thematisiert. Mozart und die Wiener Klassik repräsentieren vielmehr den kulturellen, geistigen und politischen Aufbruch zur Zeit der bürgerlichen Revolution, die Teilhabe der Musik an der Schaffung einer neuen, vernünftigen und gerechteren Ordnung des menschlichen Zusammenlebens. Man spürt Mozarts Verpflichtung diesem gesellschaftlichen Aufbruch gegenüber, die Diesseitigkeit seiner Musik, den Optimismus und die Hoffnung auf eine neue Zukunft, die noch kaum von Weltschmerz und Todessehnsucht, wie beispielsweise bei Schubert, getrübt ist.

Helmut Perl weist darauf hin, dass zu Mozarts Zeit die Musik "keineswegs nur als Unterhaltung verstanden wurde. Sie trat gleichberechtigt oder gleichwertig neben Philosophie und Naturwissenschaften, die in den Logen betrieben und gelehrt wurden. Musik, traditionell seit Jahrhunderten unter den Humaniora, stand nunmehr direkt im Zusammenhang mit der modernen bürgerlichen Emanzipationsbewegung, der Aufklärung. Musik selbst wurde als Medium der Aufklärung verstanden, Zauberflöte, Sinfonien und Maurermusiken reden in einer Sprache. Die sogenannten Wiener Klassiker waren Mitglieder der Illuminatenlogen, oder sie standen, wie Beethoven, ihren Ideen geistig nahe." (ebd. S. 17)

An späterer Stelle macht Perl einen weiteren wichtigen Punkt: "Europa brannte innen und außen. Und die Epoche war künstlerisch so produktiv, dass sie mit dem Namen Klassik belegt wurde. Der Begriff assoziiert uns heute ein ‚Hochkünstlerisch’, aber auch eine Art ideologischer und politischer Neutralität, die wir jenen klassischen Kunstprodukten und denen, die sie schufen, zuordnen. Das scheint ein Missverständnis zu sein." (ebd. S. 132)

Als Programmmusik, als "Predigt der Aufklärung", bezeichnet Ekkehart Krippendorff Mozarts Musik in seinem Buch "Die Kunst, nicht regiert zu werden. Ethische Politik von Sokrates bis Mozart" (Frankfurt/M. 1999). Das Todesjahr von Händel und Bach, 1750, habe das Ende der christlichen, kulturellen Verbindlichkeiten bedeutet. Die Musik musste sich auf der Grundlage einer "Bürgerreligion der Vernunft und Humanität" neu orientieren, die "Komplexität, aber auch den Reichtum und die Vielgestaltigkeit, die Vieldimensionalität der neu zu entdeckenden und neu zu erfahrenden Humanität zur Sprache" bringen.

Genau das fasziniert an Mozarts Musik: Sie ist unglaublich facettenreich, menschlich, rebellisch, befreiend und für jedermann verständlich. Vielleicht können wir heute die fortschrittliche Botschaft seiner Musik besser verstehen, weil erneut die Veränderung der herrschenden Ordnung, die Schaffung einer gerechteren, menschlicheren Gesellschaft zur dringenden Aufgabe wird.