Leben im heutigen Polen

1. Juni 2005

Den folgenden Brief hat die Redaktion von einer Leserin in Polen erhalten. Er wurde aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt.

Herzliche Grüße!

Das ist wahr. Die Arbeitslosenstatistiken werden in Polen heruntergedrückt. Seltsam, dass die Arbeitslosigkeit sich ständig auf dem Niveau von 17 Prozent hält. Sie ist mit Sicherheit doppelt so hoch. Man hört praktisch täglich von der Liquidierung eines Betriebs, aber die Arbeitslosigkeitsindikatoren stehen beinahe still.

Ich bin Einwohnerin von Walbrzych [Stadt bei Breslau/Wroclaw]. Ich habe 35 Jahre lang im Gesundheitssektor gearbeitet. Auf meine Traumwohnung habe ich 20 Jahre gewartet. Während der sogenannten "Kommune" [umgangssprachlich für Kommunismus] habe ich sie möbliert, sie einigermaßen bequem ausgestattet, aber jetzt...

Mit pochendem Herzen warte ich auf jedes Türklopfen. Jede Post verspricht nichts Gutes. Offene Rechnungen für Miete (350 Zloty), Telefon (zwei offene Rechnungen, jeweils ca. 250 Zloty, weil inklusive Internet), der Strom ist auch nicht bezahlt, zum Zahnarzt gehe ich nicht, weil ich es nicht bezahlen kann. Der Alptraum des Alltags und Unsicherheit, das ist die Teilnahme der Mehrheit der Polen an der heutigen Realität.

Wie ungerecht und schmerzhaft ist es, dass andere so ekelhaft reich sind. Wie kann man zigfach mehr verdienen als das niedrigste Gehalt im Land? Wer erlaubt dies? Es ekelt an, wie man die Würde eines Menschen schmäht, indem man ihm irgendwelche karitative Maßnahmen zuspricht, irgendwelche Ersatzmittel, von denen man weder leben noch sterben kann. Polen ein Land der Bettler.

Dies ist doch erniedrigend, und zusätzlich hat die Kirche ihre Finger im Spiel, indem sie den Helfens-Grundsatz ausdenkt. Wir geben dir Arbeiter eine Angel, und du komm selbst zurecht. Aber die Angel ist ein gewöhnlicher Stock. Eine dauerhafter Arbeitsplatz würde ausreichen.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, eine Fernsehdebatte zum Thema "Was willst du? Schwarzarbeit für 1800 Zloty oder einen legalen Arbeitsplatz für 1000 Zloty" anzuhören. Heraus kam, dass man für Schwarzarbeit 1800 Zloty [430 Euro] erhält (ich frage mich, wo?), ich würde mich gerne sofort einstellen lassen, für eine legale Stelle 1000 Zloty [240 Euro]. Zusätzlich hat die Frau von irgendeinem Personalberatungszentrum gesagt, dass es nicht wahr sei, dass man keine Arbeit finden könne, wer wolle, der finde.

Ich war empört über die Äußerungen dieser Leute, die das Bild vom Arbeitslosen als Schmarotzer malen, weil er von der Sozialhilfe Gebrauch macht (z.B. 34 Zloty für drei Monate), zusätzlich den Status eines Arbeitslosen hat (ohne Bezüge) und noch Schwarzarbeit für 1800 Zloty annimmt. Egal, ob legal oder illegal, Hauptsache man hat irgendwas! Warum gibt es keine Fernsehdebatte, wie skandalös hoch die Gehälter von Firmendirektoren, der Gemeindeverwaltung oder irgendwem aus der Leitung sind? Das ist eine empörende Erscheinung!

Wenn es Mangel auf solch einer Skala gibt, muss man allen die momentane Notwendigkeit bewusst machen und auch, dass man als Regierender vorläufig mit einer geringeren Quote auskommen muss, wogegen es die Nachkommen besser haben werden. Ich würde gerne eine angemessene Rente erarbeiten. Was habe ich getan, um meine Lebensbedingungen zu verbessern?

Ich denke sehr viel. Während der Umstrukturierung des Gesundheitswesens habe ich ein Studium an der Universität Breslau abgeschlossen, mit dem Diplom in Öffentlicher Verwaltung habe ich mich auf ein zweites Fach eingeschrieben, Jura. Im Juni werde ich meine zweite Diplomarbeit verteidigen. Zur Zeit arbeite ich als Volontärin einer Stiftung, erteile Rechtsberatung, helfe Schutzbefohlenen und Bedürftigen Prozessschreiben zu verfassen, weil Leute sogar den Inhalt von einigen Behördenschreiben nicht verstehen.

Aber ich muss von etwas leben, Rechnungen bezahlen, Kredite abbezahlen! Aber hier in der Debatte erzählen die "Nimmersatten" von Schwarzarbeit für 1800 Zloty. Ich weiß, weil ich Kontakt zu Leuten habe, wie viel die schwarz verdienen und wie sie betrogen und ausgenutzt werden. So ein Püppchen aus dem Fernsehen sollte einen Monat durcharbeiten und kein Gehalt erhalten. Sie wäre dann nicht mehr so altklug.

J. C.