Streiks gegen Entlassungen bei General Motors in Europa

Von Helmut Arens
31. Januar 2001

Am Donnerstag, den 25. Januar, haben europaweit Beschäftigte der General Motors (GM) Werke die Arbeit niedergelegt, um gegen die Schließung des zu GM gehörenden Vauxhall-Werkes im britischen Luton zu protestieren. In Luton soll bis Anfang 2002 die Produktion des Vectra eingestellt werden, was den Verlust von 2000 Arbeitsplätzen zur Folge hätte.

Insgesamt nahmen etwa 40.000 der rund 80.000 GM-Beschäftigten in Europa an den Aktionen teil. Im deutschen Stammwerk in Rüsselsheim legten ca. 7.500 Arbeiter für zwei Stunden die Arbeit nieder, in Bochum waren es 5.000, in Kaiserslautern 2.000 und in Eisenach 800. Außerdem fanden im belgischen Antwerpen sowie in den portugiesischen und spanischen Werken Arbeitsniederlegungen statt.

Arbeiter in Rüsselsheim, die sich an den Protesten beteiligten, betonten den internationalen Charakter der Aktion. Gegenüber Pressereportern erklärten sie ihre Solidarität mit den Arbeitern in Luton; es sei "endlich einmal Zeit, den Kampf gemeinsam zu führen", weil man jederzeit damit rechnen müsse, in die gleiche Lage zu kommen, rief ein Streikender ins Mikrophon.

Die Schließung des Vauxhall-Werkes in Luton ist Teil von umfangreichen Abbaumaßnahmen, denen in ganz Europa in den nächsten Monaten 5.000 Arbeitsplätzen zum Opfer fallen sollen. In den deutschen Opelwerken sollen im kommenden Jahr 1.700 Stellen gestrichen werden. In Bochum ist es in den letzten Monaten schon mehrmals zu spontanen kurzfristigen Arbeitsniederlegungen gekommen. In Rüsselsheim wird bereits seit etwa drei Jahren im Zusammenhang mit dem Neubau einer modernen Produktionsanlage der Abbau von rund 4.000 Arbeitsplätzen betrieben.

Das Kürzungsprogramm in Europa ist Teil eines globalen Umstrukturierungsprogramms mit dem General Motors auf den massiven Konjunktur- und Profiteinbruch in den USA und die andauernden Absatzprobleme in Europa reagiert. Weltweit sollen mindestens 16.000 Arbeitsplätze abgebaut werden.

Die Autoindustrie gehört traditionell zu den ersten Industriezweigen, die Konjunktureinbrüche zu spüren bekommen. In den USA wirkt sich das Ende des zehnjährigen Dauerbooms inzwischen schon massiv auf die Autokonzerne aus. Der Absatz von GM ging in den USA allein im Dezember um 17,9 % zurück. Experten erwarten, dass die Verkäufe in den nächsten drei Jahren um weitere 20 Prozent sinken werden. Das bedeutet, dass etwa 3,5 Millionen Autos weniger verkauft werden.

Angesichts des spürbaren Wirtschaftsrückgangs können sich bereits jetzt erheblich weniger Leute ein neues Auto leisten. Im letzten Quartal des vergangenen Jahres musste GM einen Gewinnrückgang auf 609 Millionen Dollar gegenüber 1,3 Mrd. im Jahr davor hinnehmen. GM und Daimler-Chrysler haben aufgrund des Absatzrückgangs schon mehrere Werke vorübergehend geschlossen. Es wird erwartet, dass Ford dem folgen wird.

In Europa bereitet vor allem die Firma Opel dem GM-Konzern Probleme, die bei insgesamt stagnierenden Märkten erheblich an Marktanteil sowohl in Deutschland (von 13,8 auf 12,2 Prozent) wie in Europa verloren hat und für das vergangene Jahr einen Verlust von 835 Millionen DM erlitt. Selbst Managementstudien gehen davon aus, dass Opel vorläufig nicht in die Gewinnzone zurückkehren wird.

Neben dem Konjunkturrückgang in den USA sind die Autokonzerne in Europa mit einer handfesten Überproduktionskrise konfrontiert, die es den Konzernstrategen schwer macht, eine akzeptable Profitrate zu erzielen. Die Kapazität der europäischen Autoindustrie beträgt 21 Millionen Fahrzeuge, verkauft werden aber nur 15 Millionen. Das bedeutet, dass in Europa neun Fabriken mit im Durchschnitt je 8000 Beschäftigten überflüssig sind. Wegen der hohen Investitionskosten müssen die Fabriken nahezu voll ausgelastet sein, um profitabel zu arbeiten. So nimmt die Überproduktion ständig zu und verschärft den Konkurrenzkampf.

Obwohl die Autoindustrie schon zu den am meisten globalisierten Industriezweigen gehört, befindet sie sich weiterhin in einem weltweiten Fusionsrausch. Durch die internationale Verflechtung sollen Synergieeffekte abgebaut, die Kosten gesenkt und Konkurrenten ausgeschaltet werden.

Daimler-Benz hat Chrysler aufgekauft und integrierte dann Mitsubishi in die Gruppe. GM erwarb Saab und einen 20 Prozent Anteil an FIAT. Renault ist eine strategische Allianz mit dem zweitgrößten japanischen Hersteller Nissan eingegangen und hat einen kontrollierenden Anteil an der koreanischen Samsung Motors erworben. Ford hat Volvo und Mazda übernommen, die britischen Luxuswagenhersteller Jaguar und Aston Martin gekauft und im letzten Jahr Land Rover von BMW übernommen. VW war vor allem in Europa auf Einkaufstour, erwarb zuletzt den schwedischen LKW-Hersteller Scania und wird weiterhin des Interesses verdächtigt, BMW übernehmen zu wollen. Außerdem verfügt VW über Produktionsstätten in den USA, in Brasilein, Mexiko und Südafrika. Auch Peugeot-Citroen wird als Übernahmekandidat gehandelt.

Das lautstarke Lamento der Opel-Betriebsräte, die auf den Kundgebungen gegen "schwere Managementfehler" bei Opel bzw. GM wetterten, dient vor allem dazu, das ganze Ausmaß der Krise in der Autoindustrie zu verbergen. Nachdem sie in der Vergangenheit allen Umstruktuierungsmaßnahmen und dem damit verbundenen Arbeitsplatzabbau zugestimmt haben, befürchten die Betriebsräte nun, dass sie in Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Der sozialverträgliche Abbau der Arbeitsplätze diente in der Vergangenheit vor allem dazu jeden prinzipiellen Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze zu verhindern und stärkte damit diejenigen Manager, die das amerikanische System des hire and fire anstreben.

Um ihren Einfluß und nicht zuletzt ihre eigenen Arbeitsplätze zu retten, fordert der europäische Betriebsrat den "Abschluss eines europaweiten Rahmenvertrags". Seine Forderung: "Keine betriebsbedingten Kündigungen!" dient als Deckmantel dafür, den Personalabbau durch "freiwillige" Vereinbarungen und Vorruhestandsregelungen durchzuführen. Gerade vor dem Hintergrund der Globalisierung sei eine "Zunahme der Arbeitnehmer- und Mitbestimmungsrechte" notwendig, betonte der Generalsekretär des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes, Reinhard Kuhlmann.

Was von der vollmundigen Rethorik der Gewerkschaftsfunktionäre über internationale Solidarität zu halten ist, zeigte sich daran, dass weder die Betriebsräte von Opel noch die IG Metall eine Delegation zu der Großkundgebung am 20. Januar nach Luton entsandten, und einer Delegation von Arbeitern aus dem Bochumer Opel-Werk einen Reisekostenzuschuss verweigerte.