Ryanair-Piloten und Flugbegleiter in europaweitem Streik

Von Steve James und Gustav Kemper
28. Juli 2018

Der Streik der Piloten und des Kabinenpersonals von Ryanair für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen hatte in den vergangenen Tagen heftige Auswirkungen. Die irische Billigairline war gezwungen mehr als 500 Flüge zu stornieren und Zehntausende Passagiere umzubuchen.

Die brutalen Ausbeutungsbedingungen bei Ryanair sind bekannt. Auch jetzt reagierte das Unternehmen unter unter Leitung des irischen Multimillionärs, Michael O’Leary mit massiven Drohungen und der Ankündigung, dass angesichts der Situation 100 Piloten und 200 Flugbegleiter am Standort Dublin zur Wintersaison entlassen würden. Von den dreißig in Dublin stationierten Flugzeugen sollen sechs zur Tochtergesellschaft Ryanair Sun nach Polen verlegt werden. Dort könne man sich wieder bewerben – allerdings zu schlechteren Bedingungen.

In der europäischen Luftfahrtbranche tobt ein erbarmungsloser Kampf zwischen den Fluglinien um Marktanteile, der auf Kosten der Belegschaften ausgetragen wird und zu heftigen Klassenauseinandersetzungen führt. Die europaweite und internationale Zusammenarbeit und Koordination der Beschäftigten in der Luftfahrtindustrie und auch in allen anderen Bereichen wird immer dringender. Der Arbeitskampf der Ryanair-Belegschaft in mehreren europäischen Ländern zeigt, ebenso wie die Streiks der Lagerarbeiter bei Amazon in Deutschland, Spanien und Polen in der vergangenen Woche, die Notwendigkeit und auch die Möglichkeit eines koordinierten Vorgehens der Arbeiter im Kampf zur Verteidigung von Arbeitsplätzen und Lebensstandard. 

Seitdem die Ryanair-Beschäftigten vor einem halben Jahr begonnen haben sich mit Arbeitskampfmaßnahmen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu wehren, nimmt der Widerstand deutlich zu. Die Piloten streikten am 21. Dezember 2017, dann in diesem Jahr am 13., 20., und 24. Juli und kündigten einen weiteren 24-Stunden-Streik für den 3. August an. Die Flugbegleiter organisierten Warnstreiks am 30. März, dem 1. und 3. April in Portugal, am Mittwoch dieser Woche in Belgien, Italien, Portugal und Spanien und dehnten den Streik bis auf Italien auf den Donnerstag aus.

 

Seit O’Leary 1993 die Fluglinie Ryanair führt, setzte er auf das Geschäftsmodell der Billigflieger, das auf niedrigster Vergütung der Beschäftigten, keine Extras für Passagiere, Benutzung von kleineren Regionalflughäfen und Beschränkung auf Direktverbindungen beruht. Die Süddeutsche Zeitung zitiert ihn mit der Aussage, dass er sich eher „die Hand abhacken“ würde, als einen Vertrag mit einer Gewerkschaft zu unterschreiben.

Die Verhandlungen, die das Unternehmen seit einem halben Jahr nun doch mit Gewerkschaften in Europa führt, sind eine Reaktion auf den wachsenden Widerstand der Arbeiter. Die Ryanair-Geschäftsleitung kam offensichtlich zu der Schlussfolgerung, dass sie die Gewerkschaften braucht, um eine weitere Radikalisierung der Beschäftigten zu verhindern. Mit Hilfe der Gewerkschaften sollen Arbeitskämpfe verhindert, verschoben, unterlaufen, oder in fruchtlose Protestaktionen verwandelt werden.

Christine Behle, Bundesvorstandsmitglied von Verdi, verkündete am 18. Juli, dass Ryanair nach langen Verhandlungen endlich das Recht der Flugbegleiter respektiere, „sich bei ver.di zu organisieren und für eine bessere Zukunft einzutreten“. Doch zur Streikunterstützung der europäischen Kollegen wenige Tage später rief sie nicht auf. Wer Christine Behles Rolle beim Ausverkauf der Air Berlin-Beschäftigten kennt, kann sich darüber nicht wundern.

Kurz nach der Ankündigung der Streiks vom 25. und 26. Juli anerkannte Ryanair auch die Gewerkschaften FIT CISL in Italien und die Unite in Großbritannien. Damit hofft Ryanair auf die Hilfe der Gewerkschaften, zukünftige Arbeitskämpfe der Belegschaften zu kontrollieren. Auf der Ryanair-Webseite erschien bald darauf die mit diesen Vereinbarungen verbundene Hoffnung des Unternehmens: „Ryanair hofft, dass die Kabinenbesatzungsgewerkschaften in Spanien, Portugal und Belgien diesem Beispiel bald folgen werden, indem sie Verhandlungen mit Ryanair aufnehmen, anstatt die Ryanair-Kunden durch unnötige Streiks zu stören.“

Auch der Personalleiter des Unternehmens lobte die Abkommen als „ein weiteres Zeichen für den Fortschritt, den Ryanair mit den Gewerkschaften seit unserer Entscheidung vom Dezember 2017 zur Anerkennung von Gewerkschaften macht. Über 66% unserer Kabinenbesatzung sind inzwischen durch Anerkennungsabkommen abgedeckt.“

An einem kürzlichen Ryanair-Crew-Gipfel, der von der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft (ITF) und ihrem europäischen Flügel, der Europäischen Transportarbeiterföderation, organisiert wurde, nahmen Flugbegleiter von 80 Prozent und das Bodenpersonal von 100 Prozent der Ryanair Standorte teil. Sie stellten eine Liste von 34 Forderungen auf, darunter eine für Arbeitsverträge, die ausdrücklich das nationale Recht und die Gerichtsbarkeit des Landes anerkennen, in dem der betreffende Arbeitnehmer seinen Sitz hat.

Derzeit sind alle Flugbegleiter von Ryanair nach irischem Recht beschäftigt.

Daher sind spanische Kabinenbesatzungen beispielsweise gezwungen, eine Krankenversicherung der Europäischen Union abzuschliessen, obwohl sie in Spanien leben und dort behandelt werden müssen. Die Vergütungen und Leistungen der europäischen Versicherungen sind niedriger als die des spanischen Versicherungssystems. Die Mitarbeiter berichten auch, dass sie in Spanien keine Hypothek aufnehmen könnten, da ihr Gehalt in Irland gezahlt wird, wo sie ein Konto einrichten müssen.

Die Beschäftigten haben sich darüber hinaus darüber beschwert, dass Disziplinarmaßnahmen verhängt werden, wenn sie mehr als zweimal pro Jahr wegen Krankheit ausfallen. Ryanair drohte Beschäftigten auch mit ihrem Transfer an die litauische Niederlassung von Ryanair, wenn sie die berüchtigten Verkaufsziele des Unternehmens von Snacks, Parfum und Rubbelkarten während des Flugs nicht erfüllten.

Andere Forderungen drehen sich um Jahresurlaub, gesetzlich festgelegte Mindestruhezeiten, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, planbare Arbeitszeiten und Honorierung von Jahren der Betriebszugehörigkeit. Auch eine Direktanstellung beim Unternehmen wird gefordert, denn bis jetzt sind nur die Purser fest angestellt, die Crews unterhalb dieser Stufe nur über Zeitarbeitsfirmen.

Flugbegleiter klagen darüuber, dass mancher von ihnen nur nach Flugstunden bezahlt werden, es gibt kein Grundgehalt. Manche kommen dadurch nur auf ein Monatsgehalt zwischen 480 und 1.300 Euro.

Unter dem Druck der wachsenden militanten Stimmung war die ITF gezwungen, Anfang Juli zu warnen: „Wenn das Unternehmen nicht in gutem Glauben mit den Gewerkschaften verhandelt und den Arbeitnehmern in seinem Netzwerk wirkliche Verbesserungen bringt, droht ein Sommer von Arbeitskampfmaßnahmen.“

Diese lange Vorwarnung vor Arbeitskämpfen gab dem Unternehmen ausreichend Zeit, seine Gegenmaßnahmen zu koordinieren. Ryanair behauptet, dass 100 Prozent der Flüge, die vom Streik der Kabinenbesatzung betroffen waren, rechtzeitig umgebucht oder erstattet worden seien.

Ryanair betreibt eine Flotte aus 440 Boeing-Flugzeugen, alle aus der 737-800 Reihe, um die Wartungskosten niedriger zu halten als die der Konkurrenz. Damit ist das Unternehmen mittlerweile die größte Airline in Europa und eine der größten der Welt. Es fliegt in 33 Länder und hat über 80 Basen.

Täglich sind die Anstrengungen seiner europaweiten Belegschaft ein Beispiel für Koordination und fortschrittliche Organisation, die von enormem Nutzen für die Gesellschaft sein könnten. Statt dessen, unter dem Kapitalismus und der Trennung der Belegschaften auf nationaler Ebene, kommen die Vorteile nur den CEOs und ihren Finanziers zugute.

Ryanair-Chef Michael O'Leary hat kürzlich auf Mallorca in der Altstadt von Palma einen 10 Millionen Euro teuren Barockpalast gekauft. Das Nettovermögen von O'Leary wird auf rund 850 Millionen Euro geschätzt. Im vergangenen Jahr meldete das Unternehmen mit 37,6 Millionen Fluggästen einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro, obwohl Treibstoff- und Lohnkosten in den ersten drei Monaten dieses Jahres einen Einbruch des Gewinns vor Steuern um 20 Prozent auf 319 Millionen Euro erzwangen.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen

 

Commenting is enabled but will only be shown on the live site.