Christine Assange, Mutter des WikiLeaks-Gründers: „Ich konnte seit vier Monaten nicht mit meinem Sohn sprechen“

Von Richard Phillips
26. Juli 2018

Christine Assange, die Mutter des WikiLeaks-Gründers Julian Assange, sprach am Montag ausführlich mit der World Socialist Web Site über die gefährliche Situation, in der sich ihr Sohn befindet. Laut jüngsten Medienberichten ist Julian Assange in Gefahr, aus der Botschaft Ecuadors in London vertrieben zu werden. Christine Assange kommentierte die von den USA angeführten Bemühungen, ihren Sohn unter falscher Anklage wegen Spionage nach Amerika auszuliefern, sowie die perfide Rolle, die die australische Regierung, die „oppositionelle“ Labor Party und die Mainstream-Medien dabei spielen.

Richard Phillips: Wann haben Sie zuletzt mit Julian gesprochen?

Christine Assange: Das letzte Mal sprach ich mit meinem Sohn vor vier Monaten, kurz bevor die ecuadorianische Botschaft am 28. März jegliche Kommunikation blockierte. Auf Ecuador wurde großer politischer und finanzieller Druck ausgeübt, um Julian zu zwingen, die Botschaft zu verlassen.

"Julian Assange spricht vom Balkon der ecuadorianischen Botschaft im Jahr 2012".

Die USA haben sich immer wieder in die ecuadorianischen Wahlen wie auch in die Wahlen von 81 anderen Ländern der Welt eingemischt. Darin besteht die Ironie und der Zynismus der US-Regierung, wenn sie davon spricht, dass sich Leute in ihre Wahlen einmischen. Die Bevölkerung in Ecuador ist mit all dem nicht glücklich. Als ich dort war, kamen Leute auf der Straße auf mich zu und sagten mir, dass sie WikiLeaks lieben und meinen Sohn unterstützen.

An einen Teil der ecuadorianischen Medien ist viel amerikanisches Geld geflossen, um die Kampagne gegen Julian zu intensivieren. Wir wissen, dass die CIA alle Ebenen der Gesellschaft infiltriert - Medien, politische Kreise, Geschäftskreise, Menschenrechtsgruppen, Universitäten, Studentengruppen.

Der ehemalige CIA-Agent Philip Agee schrieb ein Buch mit dem Titel Inside the Company, das die CIA-Operationen und ihre Methoden, Regierungen zu Fall zu bringen, Wahlen zu manipulieren oder die Politik zu Gunsten der USA zu ändern, ans Licht brachte. WikiLeaks' Enthüllung von Dokumenten aus US-Botschaften zeigte, dass dies auch in Australien geschah. Das ist in vielen Ländern auf der ganzen Welt geschehen.

RP: Die von den USA angeführte Kampagne, Julian zu diffamieren und ihn in Verruf zu bringen, ist beispiellos.

CA: Ja, und das liegt daran, dass Washington vor WikiLeaks Angst hat. WikiLeaks unterscheidet sich von anderen Organisationen dadurch, dass sie Inhalte massenhaft veröffentlichen. Sie tun das, um die globale Struktur der Korruption aufzudecken. Es geht nicht nur um einzelne korrupte Politiker, sondern um ein kompliziertes Netz, bestehend aus Rüstungsunternehmen, ihren Verbindungen zu Politikern, zu Hollywood und den Medien usw. Deshalb wird Julian so verfolgt. Er hat die ganze Struktur enthüllt, nicht nur ein oder zwei Leute.

WikiLeaks ist ein Geschenk, das immer mehr weitergibt. Erstens ist es ein Instrument für Menschen, die andere Menschen vor dem warnen wollen, was wirklich in der Welt geschieht. WikiLeaks hat in zwölf Jahren bewiesen, dass seine Enthüllungen den Tatsachen entsprechen.

Die zweite Art der Enthüllung durch WikiLeaks und meinen Sohn hat damit zu tun, diejenigen zu demaskieren, die ihre Privilegien aus Positionen der Macht beziehen - die gut bezahlten Entertainer, die Leitmedien und so weiter - und die Julian verleumden.

Menschen, die genau hinschauen, beginnen also, diese Art von Operationen und die tieferen Ursachen für das Elend der Welt zu erkennen. Diese Wahrheit wird durch WikiLeaks verdeutlicht. Und wie Julian sagt: Man kann nichts reparieren, wenn man nicht weiß, was die Ursache ist. Es ist zum Beispiel wenig hilfreich, einem afrikanischen Dorf Geld für bestimmte Dinge zu schicken, die es braucht, wenn die Gründe für die dort herrschende Armut nicht aufgedeckt werden. Das mag sich für dich gut anfühlen, aber es löst das Problem nicht.

RP: Die Intensivierung der Angriffe auf Ihren Sohn ist mit den Kriegsvorbereitungen der imperialistischen Mächte verbunden. Die herrschenden Eliten können WikiLeaks und unabhängigen Journalisten nicht erlauben, diese gefährlichen Vorbereitungen aufzudecken.

CA: Ja, das ist wahr. Ich folge gerne der Spur des Geldes. Ich habe selbst viel von WikiLeaks gelernt. Ich habe beschlossen, die Hintergründe der einflussreichsten Politiker der Welt zu untersuchen. Es ist unglaublich, wie viele mit Rüstungsunternehmen verbunden sind. Hillary Clinton zum Beispiel hat den Rüstungsunternehmen als US-Außenministerin riesige Summen zugeleitet, die wiederum riesige Summen für ihren Präsidentschaftswahlkampf spendeten. Die Rüstungsunternehmen spenden natürlich an beide Seiten der Regierung.

Wann immer für Krieg getrommelt wird, steigen die Aktien und umgekehrt. Dieselben Unternehmen, die vom Krieg profitieren, verdienen auch Geld beim Wiederaufbau nach dem Krieg – sie sahnen beim Kriegsgeschäft also doppelt ab.

RP: Ihre Antwort auf Hillary Clintons jüngste Australienreise?

CA: Es war widerlich und die Art, wie sie die Fahne des Feminismus geschwungen hat, war ekelhaft. Die Sache der Gleichberechtigung zur Verfolgung eines Journalisten zu missbrauchen, der die Wahrheit sagt, dann Stimmung für Krieg zu verbreiten und sicherzustellen, dass ein Land auf Washingtons Linie bleibt, ist abscheulich.

Clinton und Leute wie [die ehemalige australische Labor-Premierministerin] Julia Gillard spielen die feministische Karte, um Frauen so zu manipulieren, dass sie denken, die Unterstützung korrupter Macht sei eine gute Sache. Wie kann der Einstieg in den Vorstand einer Raubtierfirma einen Schritt vorwärts für Frauen bedeuten?

Meiner Meinung nach hat Clinton für ihre Reise bewusst Australien ausgewählt, um Verwirrung über Julian Assange zu stiften.

Viele Frauen haben sich davon täuschen lassen und das ist eine große Enttäuschung für mich. Es gibt viele Beweise dafür, dass die CIA und der tiefe Staat feministische Gruppen auf der ganzen Welt infiltriert haben und dies wurde gegen meinen Sohn benutzt, um die Unterstützung für WikiLeaks zu brechen und zu spalten.

Auf diese Weise wurden die falschen Vergewaltigungsvorwürfe - und es gab nie tatsächliche Vorwürfe - gegen Julian verwendet. Die Snowden-Dokumente enthüllten, dass die USA das Ziel verfolgten, dass Julian nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Kriegstagebüchern angeklagt wird. Die Dokumente von Stratfor haben zudem gezeigt, dass es eine riesige Desinformationskampagne gab. Sie wurde benutzt, um die Linke und die feministischen Kräfte in diesen Organisationen zu spalten.

Hier in Australien wird Frauen gesagt, dass sie sich, wenn sie eine Karriere in dieser Welt machen wollen, der US-Botschaft hier fügen müssen. Und das ist die Haltung innerhalb der Labor Party und aller anderen großen politischen Parteien. Die WikiLeaks-Dokumente haben gezeigt, dass Gillard von den USA für die Labor-Führung aufgebaut wurde.

RP: Wie beantworten Sie die Behauptungen der USA, Julian sei ein russischer Agent?

CA: Das haben sie schon über Nelson Mandela gesagt. Es gibt zwei Möglichkeiten, jemanden im öffentlichen und politischen Leben zu zerstören. Man kann jemanden des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigen und als kommunistischen Agenten brandmarken, oder, um es in heutiger Sprache auszudrücken, als „eine Marionette Putins“ bezeichnen. Das geht schon seit Jahren so. Es gab eine Menge schwerwiegende Versuche, Julian zu verleumden, doch diese wurden aufgedeckt. Viele schmutzige, sehr schmutzige Taktiken werden gegen meinen Sohn angewandt, weil er der ganzen Welt gezeigt hat, dass die Kaiser keine Kleider haben.

RP: Können Sie noch etwas zur Rolle der Turnbull-Regierung sagen?

CA: Malcolm Turnbull hat WikiLeaks unterstützt als er in der Opposition saß. Er ist inzwischen dazu übergegangen, nichts dergleichen mehr zu tun. Einer von Julians Anwälten stellte eine Liste von Forderungen auf, die an Premierminister Rudd von Labor gerichtet waren. Diese Liste wurde auch Turnbull übergeben, als er in der Opposition war, und ich sprach mit ihm über diese Forderungen. Turnbull sagte mir, Rudd sei ein guter Mann.

Turnbull weiß genau, was los ist. Er weiß, dass Julian verleumdet, missbraucht und verfolgt wurde. Warum tut er nichts dagegen? Weil er seine Position als Premierminister behalten will. Ihm wurde klar gemacht, dass dies eine Voraussetzung sei. Turnbull sollte aufstehen und sagen, dass das lange genug gedauert hat, und sich daran machen, Julian nach Hause zu holen. Er sollte sagen, dass Ecuador Julians Rechte nicht respektiert, dass Australien eingreifen und ihn nach Hause bringen muss und seine Auslieferung an die USA nicht zulassen wird. Wenn Turnbull nicht bereit ist, das zu tun, dann sind wir nichts weiter als ein Vasallenstaat der USA.

RP: Mit welcher juristischen Situation ist Julian konfrontiert und was sind die politischen Konsequenzen, wenn WikiLeaks abgeschaltet wird?

CA: Die wirkliche Gefahr besteht darin, dass Julian, wenn er vertrieben wird, von Großbritannien wegen falscher Anschuldigungen strafrechtlich verfolgt werden wird. Wir glauben nicht, dass Großbritannien eine faire oder gerechte Behandlung meines Sohnes zulassen würde. Der Auslieferungsvertrag zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA ist kein Vertrag, der auf Augenhöhe geschlossen wurde. Wenn das Vereinigte Königreich möchte, dass die USA jemanden an sie ausliefern, müssen sie Beweise vorlegen, den Sachverhalt glaubhaft machen. Die USA müssen dies nicht tun, um jemanden aus Großbritannien herauszuholen. Es ist eine sehr gefährliche Situation.

Julian sieht sich auf Schritt und Tritt mit illegalen und undemokratischen Prozessen konfrontiert. Die USA sind entschlossen, ihn zu kriegen. Sie könnten ihn jahrelang einsperren und ihn dabei nicht einmal vor Gericht stellen. Unter Obama blieb Guantanamo geöffnet, nachdem er zuvor versprochen hatte, es zu schließen. Wenn sie Julian nach dem Spionagegesetz von 1917 verfolgen, droht ihm die Todesstrafe.

Bevor er Präsident wurde, erklärte Trump, Assange solle die Todesstrafe bekommen. Dann flirtete er mit WikiLeaks, als sie wahre Informationen über seine Gegnerin enthüllten. Doch nachdem Trump dann die Wahl gewann, sagte er, er sei mit einer Anklage einverstanden, und ernannte dann Gina Haspel, die unter ihren Kollegen als „Folter-Gina“ bekannt ist, zur CIA-Chefin. Trump hat auch andere befördert, die dazu aufgerufen haben, Julian wegen Hochverrats anzuklagen.

Ohne WikiLeaks wüssten wir nie, wie die Machtstruktur in der Welt tatsächlich funktioniert. Man kann eine leidende Welt nicht ohne genaue und ehrliche Informationen reparieren. Wenn WikiLeaks zerstört wird, würde uns das in Bezug auf die Suche nach Lösungen für die Probleme der Welt ins Mittelalter zurückwerfen.

RP: Können Sie noch etwas zu den neuen australischen Gesetzen über „fremde Einmischung“ sagen und außerdem dazu, dass antichinesische Stimmungen geschürt werden?

CA: Das Treiben um Russiagate in den USA und die Behauptungen, dass es in Australien eine fremde Beeinflussung durch Chinesen geben würden, sind eine Schmutzkampagne. Jede Nation versucht, die Ergebnisse im Sinne ihres eigenen Landes zu beeinflussen, aber die größten Übeltäter sind dabei die USA und die CIA.

Behauptungen über ausländische Einflussnahme werden benutzt, um die demokratischen Rechte der Menschen einzuschränken. Sie werden diese Gesetze nutzen, um die Bevölkerung zu unterdrücken. Die Regierung Gillard änderte auch die Gesetze zum Schutz vor Auslieferung, um den USA die Auslieferung australischer Staatsbürger zu erleichtern. Eine politische Verteidigung dagegen wird nicht möglich sein. Die USA fordern Gesetzesänderungen in jedem Land, das sie dominieren.

Wir arbeiten an der Errichtung eines totalitären Staats. 1984 ist da. Wenn man das jetzt nicht bekämpft, werden Menschen darunter leiden. Julian ist an vorderster Front dabei – er ist im Moment das Ziel Nummer eins und er ist derjenige, für den wir uns einsetzen müssen. Ich sage das nicht nur als Mutter, sondern auch als Bürger und als jemand, der an Demokratie und Freiheit glaubt. Wir müssen kämpfen, denn wenn sie ihn in die Finger bekommen, können sie das mit jedem anderen machen, und sie werden es mit jedem anderen machen. Wir müssen als Masse kämpfen. So können wir die Kräfte der Unterdrückung zurückhalten.

Ich ermutige junge Leute, aufzustehen und zu kämpfen und sich dabei nicht von dieser ganzen Identitätspolitik ablenken zu lassen. Die Hauptthemen sind Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und echte Demokratie. Identitätspolitik ist eine Ablenkung durch den tiefen Staat. Sie wollen nicht, dass wir gemeinsam gegen Unterdrückung kämpfen und es mit den Menschen aufnehmen, die uns wirklich wehtun werden.

RP: Und das ist untrennbar mit dem Kampf gegen den Krieg und das kapitalistische System verbunden.

CA: Das ist richtig. Die Botschaft sollte lauten: „Verbindet die Dinge miteinander“. Die Menschen mit Macht und Privilegien sind alle verbunden. Wir haben keine Hoffnung, wenn wir nicht alle verbunden sind.

Die Menschen müssen zwischen den echten Sozialisten, die sich für die Rechte und den Lebensstandard der einfachen Bevölkerung einsetzen, und den sogenannten liberalen Linken oder Pseudolinken, die nur an ihren individuellen Anliegen und Privilegien interessiert sind, eine Grenze ziehen. Junge Menschen müssen verstehen, dass sie nicht in der Lage sein werden, die Welt zu verändern, indem sie sich den Pseudolinken anschließen.

Ich möchte auch der World Socialist Web Site dafür danken, dass sie eine der wenigen Medien ist, die von Anfang an die Fakten über Julian und seine Verfolgung berichtet haben. Ihre Website war in der Lage zu erkennen, was Wahrheit im Journalismus wirklich ist. Sie hat Julian durch alle Höhen und Tiefen und alle Regierungswechsel standhaft unterstützt. Ich möchte die Menschen eindringlich dazu aufrufen, die World Socialist Web Site und alle anderen unabhängigen Medien zu unterstützen. Das ist extrem wichtig.

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