NSU-Brandexperte gestorben – Todesursache unklar

Von Dietmar Henning
4. Juli 2018

Der international renommierte Brandsachverständige und Kriminaltechniker Frank Dieter Stolt ist am 15. Juni im Alter von 62 Jahren in einem Krankenhaus in Mannheim gestorben. Er war bei seiner Einlieferung ins Koma gefallen, aus dem er nicht wieder erwachte. Stolt war im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Terrormorden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) als Experte und Gutachter herangezogen worden. Weil die Ärzte die Ursache seines Todes nicht benennen konnten und der Tod für seine Familie „sehr überraschend“ kam, hat diese eine Obduktion in Auftrag gegeben.

Stolt hatte sich mehrmals kritisch über das Vorgehen der NSU-Ermittler geäußert. So kritisierte er in der ARD-Dokumentation Die Akte Zschäpe insbesondere den Polizeidirektor Michael Menzel, der die Ermittlungen an sich nahm, als die beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach aufgefunden wurden. Es war der Tag, an dem ans Tageslicht kam, dass eine terroristische Neonazi-Gruppe rund 13 Jahre lang unbehelligt neun Migranten und eine Polizistin ermorden sowie Bombenanschläge und Raubüberfälle verüben konnte – und dies unter den Augen verschiedener Geheimdienst- und Polizeibehörden.

Menzels erste Amtshandlung war die Beschlagnahme der Tatortbilder, die die Feuerwehr gemacht hatte, und deren spätere Löschung. Stolt erklärte, es sei eine Grundregel bei allen Bränden: „Alle Bilder müssen asserviert werden, mit Betonung auf ‚alle‘.“

Menzel ordnete auch an, dass ein Mitarbeiter des thüringischen Landeskriminalamts (LKA) eine Waffe im Wohnmobil birgt, die er persönlich entdeckt haben will. In einer Nachstellung des Vorgangs sagte später Katharina König, die Obfrau der Linken im thüringischen Untersuchungsausschuss, dabei habe der Beamte wegen der Enge des Gangs „über Leichen gehen“ müssen. Stolt kommentierte: „Brandort ist Tatort. Da gibt es Vorgehensweisen, bis hin, dass Trassen gebildet werden.“ Es könne nicht jeder in einem Tatort herumrennen.

Menzel selbst habe sich sogar in das Wohnmobil begeben und mit einer Harke darin herum gesucht, kritisierte Stolte. Im Wohnmobil soll dann eine Polizeiwaffe entdeckt worden sein, die später als die des Polizeibeamten identifiziert wurde, der im April 2007 in Heilbronn Opfer eines angeblichen NSU-Anschlages geworden war, bei dem seine Kollegin Michèle Kiesewetter starb.

Zum Schluss sorgte Menzel dafür, dass das ausgebrannte Wohnmobil samt Leichen und Waffen von einem Abschleppwagen in eine private – unbewachte – Halle in Eisenach transportiert wurde. Nach dem Transport lag in dem Wohnmobil nichts mehr an seinem ursprünglichen Platz.

Bis heute ist unklar, warum Menzel entgegen allen kriminologischen Regeln und Grundsätzen den Tatort verwüsten und die ursprünglichen Bilder aus dem Wohnmobil vernichten ließ. Bekannt ist jedoch, dass ein früherer Mitarbeiter Menzels bei der Kriminalpolizei Mike Wenzel war, der als Staatsschützer mehrfach mit dem Thüringer Heimatschutz (THS) zu tun hatte. Der THS, in dem sich Mundlos, Böhnhardt und die in München vor Gericht stehende Zschäpe radikalisierten, war maßgeblich von Tino Brandt, einem V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes, aufgebaut worden.

Der Kripobeamte Wenzel war außerdem ein Onkel der Polizistin Michèle Kiesewetter, die im April 2007 als mutmaßlich letztes Opfer des NSU ermordet wurde. Obwohl damals öffentlich noch nichts über den NSU bekannt war, hatte Wenzel sofort einen Zusammenhang zwischen dem Tod seiner Nichte und den sogenannten „Döner-Morden“ hergestellt.

Stolt, der auch ausgebildeter Feuerwehrmann und Feuerwehrlehrer war, äußerte auch Kritik am Vorgehen in der Frühlingstraße in Zwickau. Dort explodierte kurz nach der Entdeckung des ausgebrannten Wohnmobils in Eisenach die Wohnung von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. Stolt beanstandete, dass die ausgebrannte Wohnung mit schwerem Gerät (einem Bagger) ausgeräumt wurde: „Alles, was Sie da rausholen, können Sie nicht wieder richtig zuordnen.“

Im Brandschutt wurde dann nicht nur die Pistole der Marke Ceska gefunden, mit der die neun Migranten erschossen worden waren, sondern auch zahlreiche weitere Indizien und Beweisstücke für die dem NSU zur Last gelegten Morde. Und auch hier gab es Auffälligkeiten. So wurde nicht vermerkt, welcher Beamte die Ceska-Mordwaffe im Brandschutt gefunden hatte.

Der Brandsachverständige Stolt zweifelte auch an, dass Zschäpe das Benzin in der Wohnung ausgeschüttet und dann entzündet habe. Er war der Meinung, dann hätte sie sich selber verletzen müssen. Der Journalist Thomas Moser, der intensiv zum NSU-Komplex recherchiert, insbesondere zum Tod der Polizistin Kiesewetter, schreibt in einem Online-Beitrag für Telepolis auf heise.de, das die Brandermittler bis heute nicht sagen können, wie die Wohnung zur Explosion gebracht wurde. „Dass es durch einen Menschen in der Wohnung mit offener Flamme geschah, schließen sie aus.“

Stolt war aber auch selber direkt in Ermittlungen zum NSU-Komplex einbezogen. Er untersuchte im Jahr 2015 das ausgebrannte Auto, in dem der 21-jährige Florian Heilig starb. Der Nazi-Aussteiger Heilig hatte bereits vor dem Auffliegen des NSU behauptet, er wisse, wer Kiesewetter in Heilbronn erschossen habe. Es seien nicht die beiden Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen, die gemeinsam mit Zschäpe allein den NSU ausgemacht haben sollen.

Heilig wurde vom LKA einmal vernommen und sollte am Tag seines Todes ein zweites Mal aussagen. Acht Stunden vor seiner geplanten Vernehmung verbrannte der 21-Jährige am 16. September 2013 qualvoll in seinem Auto. Die Behörden behaupteten schon nach wenigen Stunden, es handle sich um Selbstmord, ein Fremdverschulden sei auszuschließen. Als Motiv nannten sie erst Frust wegen schlechter Noten und dann Liebeskummer.

Der NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags hatte daher Stolt mit Untersuchungen des Todes von Heilig beauftragt. Stolt stützte hier die offizielle Version der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Florian Heilig habe sich selbst umgebracht. Laut Stolt habe er den Brand durch eine „offene Flamme“ selbst ausgelöst. Für eine „mögliche Fernzündung“ hätten „keine hinreichenden Anhaltspunkte festgestellt“ werden können.

Der Journalist Moser schreibt, der „Rechtsmediziner Heinz-Dieter Wehner hatte dagegen festgestellt, dass der Tote zwar noch lebte, als er verbrannte, aber einen tödlichen Medikamentencocktail in sich hatte und handlungsunfähig gewesen sei“. Nach Wehner, der inzwischen ebenfalls verstorben ist, war ein Selbstmord also keinesfalls erwiesen.

Stolt und Heilig sind leider nicht die einzigen im Umfeld des NSU, die auf bislang ungeklärte Weise ums Leben kamen. Inzwischen sind auch Melisa M., Heiligs damalige Freundin und angebliche Ursache für dessen Selbstmord, sowie ihr Freund Sascha W. tot. Vor dem baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss wies Melisa M. die Behauptung zurück, sie sei der Grund für Heiligs Selbstmord. Sie sagte, sie fühle sich bedroht und habe Angst. Die junge Frau starb Ende März 2015 plötzlich an einer Lungenembolie. Ihr damaliger Verlobter, der 31-jährige Sascha W., wurde nicht ganz ein Jahr später, am 8. Februar 2016, tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die Polizei ging von Selbstmord aus.

Neben diesen Todesfällen gibt es mindestens einen weiteren Toten im Zusammenhang mit dem NSU-Verfahren. Am 3. April 2014 wurde der 39-jährige Thomas Richter alias „Corelli“ tot in seiner Wohnung aufgefunden. Als offizielle Todesursache wurde ein Zuckerschock angegeben, ausgelöst durch eine bisher nicht entdeckte Diabetes-Erkrankung.

„Corelli“, der zu Uwe Mundlos direkten Kontakt gehabt haben soll, besaß Hintergrundinformationen über den Tod von Kiesewetter. Er war bis 2012 V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz gewesen und lebte zum Zeitpunkt seines Todes in einem Zeugenschutzprogramm. Er war unter anderem Gründungsmitglied des Ku-Klux-Klans in Baden-Württemberg. Diesem rassistischen Geheimbund hatten auch zwei Polizisten angehört, die zum Zeitpunkt von Kiesewetters Ermordung in deren zehnköpfiger Einheit Dienst taten.

Am Oberlandesgericht in München spricht Richter Manfred Götzl womöglich noch in diesem Monat sein Urteil über Beate Zschäpe sowie die vier Mitangeklagten. Sie alle werden wahrscheinlich im Sinne der Anklage verurteilt. Doch viele mutmaßliche Unterstützer des NSU saßen erst gar nicht auf der Anklagebank – vor allem die unzähligen V-Leute und ihre Führungsbeamten bei den Verfassungsschutzbehörden.

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