Das Erbe, das wir verteidigen – Vorwort zur Neuauflage zum 30. Jahrestag

Von David North
29. Juni 2018

Am 5. August erscheint bei Mehring Books die englischsprachige Jubiläumsausgabe von Das Erbe, das wir verteidigen: Ein Beitrag zur Geschichte der Vierten Internationale, von David North. Das Buch kann bei Mehring Books vorbestellt werden. Die Neuauflage der deutschen Übersetzung ist in Vorbereitung. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Norths Vorwort zur neuen Ausgabe.

Das Erbe, das wir verteidigen entstand vor 30 Jahren, 1988, nach der Desertion der britischen Workers Revolutionary Party (WRP) vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI). Wie das Internationale Komitee damals in zahlreichen Dokumenten nachwies, lag die Ursache für das Renegatentum der WRP darin, dass sie über mehr als zehn Jahre hinweg von den trotzkistischen Prinzipien abgerückt war, zu deren Verteidigung sie einst einen entscheidenden Beitrag geleistet hatte. [1] Die WRP wurde 1973 als Nachfolgeorganisation der britischen trotzkistischen Bewegung gegründet, die 1953 gemeinsam mit der amerikanischen Socialist Workers Party (SWP) und der französischen Parti communiste internationaliste (PCI) das Internationale Komitee gegründet hatte. Gerry Healy (1913-1989), der Führer der WRP, hatte den historischen „Offenen Brief an die trotzkistische Weltbewegung“ unterzeichnet, in dem James P. Cannon (1890-1974) die Revisionen Pablos und Mandels am Programm der Vierten Internationale verurteilt hatte. Im „Offenen Brief“ vom November 1953 wurden die Grundsätze des IKVI formuliert.

1. Der Todeskampf des kapitalistischen Systems droht, die Zivilisation durch immer schlimmere Depressionen, Weltkriege und barbarische Erscheinungen wie den Faschismus zu zerstören. Die Entwicklung von Atomwaffen unterstreicht heute diese Gefahr auf das Ernsteste und Nachdrücklichste.

2. Der Sturz in den Abgrund kann nur verhindert werden, indem der Kapitalismus weltweit durch eine sozialistische Planwirtschaft ersetzt und so die Spirale des Fortschritts, die der Kapitalismus in seiner Frühzeit in Gang gesetzt hat, wieder aufgenommen wird.

3. Dies kann nur unter der Führung der Arbeiterklasse geschehen, da sie die einzige wahrhaft revolutionäre Klasse in der Gesellschaft ist. Doch die Arbeiterklasse selbst ist mit einer Krise der Führung konfrontiert, obwohl die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse auf Weltebene noch nie so günstig wie heute dafür waren, dass die Arbeiter den Weg der Machteroberung beschreiten können.

4. Um sich für die Durchsetzung dieses welthistorischen Zieles zu organisieren, muss die Arbeiterklasse in jedem Land eine revolutionäre Partei nach dem Muster, wie es Lenin entwickelt hat, aufbauen; d.h. eine Kampfpartei, die in der Lage ist, Demokratie und Zentralismus dialektisch zu vereinen, – Demokratie in der Entscheidungsfindung, Zentralismus bei der Durchführung dieser Beschlüsse –, mit einer Führung, die von den einfachen Mitgliedern kontrolliert wird, Mitgliedern, die fähig sind, diszipliniert vorzugehen, auch wenn sie unter Feuer stehen.

5. Das Haupthindernis hierfür ist der Stalinismus, der dadurch, dass er das Ansehen der Oktoberrevolution von 1917 in Russland ausnutzt, Arbeiter anzieht, nur um dann später ihr Vertrauen zu missbrauchen und sie entweder in die Arme der Sozialdemokratie, in Apathie oder zurück zu Illusionen über den Kapitalismus zu treiben. Den Preis für diese Verrätereien hat dann das arbeitende Volk zu zahlen, in Form einer Stärkung faschistischer oder monarchistischer Kräfte und durch neue Kriege, die der Kapitalismus hervorbringt und vorbereitet. Seit ihrer Gründung stellte sich die Vierte Internationale als eine ihrer Hauptaufgaben den Sturz des Stalinismus innerhalb und außerhalb der UdSSR.

6. Viele Sektionen der Vierten Internationale, wie auch Parteien und Gruppen, die mit ihrem Programm sympathisieren, stehen vor der Notwendigkeit einer flexiblen Taktik. Es ist daher umso dringender, dass sie wissen, wie man den Imperialismus und alle seine kleinbürgerlichen Agenturen (wie z. B. nationalistische Organisationen und Gewerkschaftsbürokratien) bekämpft, ohne vor dem Stalinismus zu kapitulieren; dass sie umgekehrt wissen, wie man gegen den Stalinismus kämpft (der letzten Endes eine kleinbürgerliche Agentur des Imperialismus ist), ohne vor dem Imperialismus zu kapitulieren. [2]

Der „offene Brief“ fasste in knapper Form die strategischen Konzeptionen des Trotzkismus zusammen, die Pablo und Mandel zurückgewiesen hatten. Die Charakterisierung des Stalinismus als konterrevolutionär ersetzte der Pablismus durch eine Theorie, die der Kremlbürokratie und ihren Agenturen eine historisch progressive und revolutionäre Rolle zuschrieb. Anstatt auf den Sturz der stalinistischen Regime durch politische Revolutionen hinzuarbeiten, gingen die Pablisten von einer Selbstreform der Bürokratie aus, bei der die Trotzkisten die stalinistischen Führer in beratender Rolle nach links drücken sollten. Den „deformierten Arbeiterstaaten“ Osteuropas, die von lokalen Statthaltern des Kremls regiert wurden, sagten Pablo und Mandel einen Bestand von mehreren Jahrhunderten voraus.

So erstaunlich es angesichts all dessen, was in den letzten dreißig Jahren geschehen ist, auch erscheinen mag, die pablistischen Organisationen behielten diese apologetische Haltung gegenüber dem Stalinismus bis zum Zusammenbruch der bürokratischen Regime Osteuropas und der Auflösung der Sowjetunion 1989-1991 bei. Die Verteidigung des programmatischen Erbes der Vierten Internationale – vor allem das Beharren des Internationalen Komitees auf der konterrevolutionären Rolle des Stalinismus – wurde von seinen pablistischen Gegnern als „Sektierertum“ verhöhnt. Und doch, kaum mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung von Das Erbe, das wir verteidigen, sollten die historische Analyse, die theoretischen Konzeptionen und das in diesem Buch verteidigte Programm durch die politischen Ereignisse in Osteuropa und in der UdSSR selbst bestätigt werden.

Die Kapitulation der Pablisten vor dem Stalinismus war nur ein Aspekt ihres Abrückens von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Die Pablisten lehnten es ab, in der Arbeiterklasse für marxistisches Bewusstsein zu kämpfen und sie unabhängig von allen bürgerlich-nationalen und kleinbürgerlichen Agenturen des Imperialismus zu organisieren.

Obwohl die britischen Trotzkisten bei der Verteidigung der Vierten Internationale in den 1950er und 1960er Jahren eine zentrale Rolle gespielt hatten – vornehmlich durch ihre Opposition gegen den Bruch der amerikanischen SWP mit dem Internationalen Komitee und ihre Wiedervereinigung mit den Pablisten 1963 – trat in den 1970er Jahren, insbesondere nach der Gründung der Workers Revolutionary Party im November 1973, immer deutlicher zutage, dass sie selbst in Richtung Revisionismus abdrifteten. In den frühen 1960er Jahren hatten die britischen Trotzkisten von der Socialist Labour League (Vorläuferin der WRP) die Verherrlichung des radikalen Nationalismus Fidel Castros durch die SWP einer vernichtenden Kritik unterzogen und die Vorstellung widerlegt, dass der kubanische Führer mit seiner kleinbürgerlichen Guerilla einen Weg zum Sozialismus aufgezeigt habe, mit dem sich der Aufbau einer trotzkistischen Partei, die sich auf die Arbeiterklasse stützt und in dieser verwurzelt ist, fortan erübrige.

Doch Mitte der 1970er Jahre begann die WRP, diversen bürgerlich-nationalen Bewegungen im Nahen Osten – beispielsweise der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und dem radikalen nationalistischen Regime unter Muammar Gaddafi in Libyen – einen Anti-Imperialismus zuzuschreiben, den sie in einer Weise übertrieb, die der antitrotzkistischen Politik der Pablisten sehr nahekam. Der Grund für das Zurückfallen der WRP auf den Pablismus lag nicht einfach in den persönlichen Fehlern einzelner Führungsfiguren. Die fortdauernde Vorherrschaft stalinistischer und sozialdemokratischer Parteien und Gewerkschaften über die organisierte Arbeiterbewegung weltweit machte die trotzkistischen Organisationen anfällig für den gesellschaftlichen und ideologischen Druck, der in den 1960er und frühen 1970er Jahren von der Massenradikalisierung breiter Schichten des Kleinbürgertums, insbesondere der Studenten ausging.

Die Integration neuer Mitglieder aus dem Kleinbürgertum in die trotzkistische Bewegung erforderte zum einen eine feste politische und praktische Orientierung auf die Arbeiterklasse, die auf einer unnachgiebigen Opposition gegen die stalinistischen und sozialdemokratischen Bürokratien basierte. Vor allem aber erforderte sie einen konsequenten Kampf gegen die zahlreichen Spielarten des Pseudomarxismus, die von den Pablisten hofiert wurden. Hierzu zählten vor allem die „Frankfurter Schule“ (d. h. Horkheimer, Adorno, Benjamin, Bloch, Reich und Marcuse), der „westliche Marxismus“ (z. B. Gramsci), der antitrotzkistische „Staatskapitalismus“ mit seinen Theorien über eine „neue Klasse“ (Lefort, Castoriadis und Djilas) und natürlich die zahllosen Formen des radikalen Nationalismus (Castro, Guevara, Fanon und Malcolm X), um nur die prominentesten Berühmtheiten des kleinbürgerlichen Denkens und der entsprechenden Politik zu nennen. Weiter ist dieser langen Liste der Maoismus hinzuzufügen, eine rabiat reaktionäre Variante des Stalinismus, die zahllose kleinbürgerliche Intellektuelle anzog und Arbeiter und Jugendliche rund um die Welt in eine blutige Niederlage nach der anderen führte.

Die opportunistische Politik der WRP stieß innerhalb des Internationalen Komitees auf Widerstand. In den Jahren 1982 bis 1984 entwickelte die Workers League, die amerikanische trotzkistische Organisation, eine umfassende Kritik der neopablistischen Politik der WRP. Die wichtigsten Führer der WRP – Gerry Healy (1913-1989), Michael Banda (1930-2014) und Cliff Slaughter (geb. 1928) – unterdrückten die Bemühungen der Workers League, ihre Kritik innerhalb des Internationalen Komitees zur Diskussion zu bringen. [3] Infolge dieses prinzipienlosen Verhaltens kam es im Herbst 1985 in der WRP zu einer politischen Krise. Um einer Diskussion über die theoretischen und politischen Ursachen des Zusammenbruchs der WRP weiterhin auszuweichen, schoben Slaughter und Banda dem Internationalen Komitee die Schuld an dem opportunistischen Kurs zu, den die britische Sektion seit zehn Jahren verfolgt hatte.

Im Februar 1986 veröffentlichte die WRP ein Dokument, in dem sie ihren Bruch mit dem Trotzkismus kundtat. Es trug den Titel „27 Gründe, weshalb das Internationale Komitee sofort begraben und die Vierte Internationale aufgebaut werden muss“, und war von Michael Banda verfasst worden. Die WRP verkündete mit großem Getöse, dass dieses Dokument dereinst als Klassiker des Marxismus gelten werde. In Wirklichkeit war Bandas Dokument ein Amalgam aus Verdrehungen, offenen Lügen und Halbwahrheiten, mit dem nicht nur das Internationale Komitee, sondern die gesamte Geschichte der Vierten Internationale diskreditiert werden sollte. Seine Verlogenheit zeigte sich schon im Titel. Denn hätten die „27 Gründe“ auch nur einen Funken Wahrheit enthalten, hätte sich der Fortbestand der Vierten Internationale erübrigt. Aufgrund der Schlussfolgerungen, die sich unabweislich aus seiner Argumentation ergaben, veröffentlichte Banda innerhalb von weniger als einem Jahr eine gehässige Denunziation Trotzkis und bekannte seine grenzenlose Bewunderung für Stalin. Mit dieser Zurückweisung des Trotzkismus nahm Banda die politische Entwicklung all der Führer und Mitglieder der WRP vorweg, die sein Dokument unterstützt hatten. Eine erhebliche Zahl von ihnen schloss sich der stalinistischen Bewegung an. Andere wechselten ins Lager des Imperialismus und beteiligten sich aktiv am Krieg der Nato gegen Serbien. Die größte Gruppe ließ sich von Cliff Slaughter nicht lange bitten, die von Lenin und Trotzki ererbte Konzeption der revolutionären Partei samt und sonders von sich zu weisen, dem Kampf für den Sozialismus abzuschwören und sich ein fortan ein möglichst schönes Leben zu machen.

Als das Internationale Komitee Bandas Dokument erhielt, war ihm sofort klar, dass es einer ausführlichen Erwiderung bedurfte. Diese Aufgabe wurde mir übertragen. Zwei Monate später begann die Veröffentlichung von Das Erbe, das wir verteidigen als Serie in den Wochenzeitungen, die von den Sektionen des Internationalen Komitees herausgegeben wurden. Ich hatte nicht vorausgesehen, dass die Antwort auf Banda ein Buch mit mehr als 500 Seiten beanspruchen würde. Doch wie mir bei der Lektüre von Bandas Dokument klar wurde, versuchte er den Umstand auszunutzen, dass die Geschichte der Vierten Internationale – insbesondere die entscheidenden Jahre zwischen der Ermordung Trotzkis 1940 und der Spaltung mit den Pablisten 1953 – ungenügend erforscht und dem Kader der trotzkistischen Bewegung weitgehend unbekannt war. Es genügte nicht, Bandas Renegatentum zu verurteilen. Es war notwendig, die Geschichte der Vierten Internationale aufzuarbeiten und den Kader ihres Internationalen Komitees auf dieser Grundlage auszubilden.

Rückblickend bin ich der Ansicht, dass das Buch auch nach drei Jahrzehnten noch Bestand hat. Es ist als Einführung in die Geschichte der Vierten Internationale von bleibendem Wert und behandelt Probleme von Theorie, Programm und Strategie des Marxismus, die für den Aufbau der Weltpartei der sozialistischen Revolution von großer aktueller Relevanz sind.

Das Erbe, das wir verteidigen ist das einzige Werk über die Geschichte der Vierten Internationale, in dem die Entstehung und der Widerstreit politischer Tendenzen auf der Grundlage des historischen Materialismus erklärt werden. Im Gegensatz zu einer subjektiven Herangehensweise (wie sie Banda in seiner Hetzschrift an den Tag legte), die nach den guten oder schlechten Eigenschaften einzelner Führer und nach deren edlen oder unedlen Motiven fragt, geht es im Erbe darum, welche objektiven gesellschaftlichen und politischen Prozesse den Konflikten in der Vierten Internationale zugrunde lagen – Prozesse, die aus den Widersprüchen des Weltkapitalismus und aus der globalen und nationalen Entwicklung des Klassenkampfs im Anschluss an den zweiten imperialistischen Weltkrieg hervorgingen. Nicht die subjektiven Absichten der Hauptakteure – Cannon, Pablo, Mandel und Healy – stehen im Zentrum, sondern die wirklichen objektiven Triebkräfte des Klassenkampfs, die sich, um mit Engels zu sprechen, „in den Köpfen der handelnden Massen und ihrer Führer – der sogenannten großen Männer – als bewusste Beweggründe ... widerspiegeln“. [4]

Im Kontext der komplexen und raschen Veränderungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg analysiert das Erbe die Konflikte innerhalb der Vierten Internationale, in denen die Auseinandersetzung vorweggenommen wurde, die nach dem Dritten Weltkongress 1951 einsetzte und in der Spaltung 1953 gipfelte. Das Buch verweist auf revisionistische Tendenzen, die in den 1940er Jahren entstanden und die politische Rechtsentwicklung großer Teile der radikalen kleinbürgerlichen Intelligenz widerspiegelten.

Die Konflikte, die damals aufkamen, waren im Grunde eine Fortsetzung des Fraktionskampfs innerhalb der Socialist Workers Party von 1939-1940. Der Kampf, den Trotzki in seinem letzten Lebensjahr gegen die „kleinbürgerliche Opposition“ von James Burnham (1905-1987), Max Shachtman (1904-1972) und Martin Abern (1898-1949) führte, war so intensiv, dass er in der Geschichte der Vierten Internationale im Allgemeinen als eine eigenständige Episode behandelt wird. Er begann im September 1939 mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dauerte bis April 1940. Die Minderheit spaltete sich von der SWP ab und gründete die Workers Party. Einen Monat später trat James Burnham, der als Haupttheoretiker der Minderheit fungiert hatte, aus der Workers Party aus und sagte sich vom Marxismus und Sozialismus los.

Trotzkis Beiträge zum Kampf innerhalb der Socialist Workers Party zählen zu seinen besten Schriften. Obwohl er in einer festungsartigen Villa in Coyoacán festsaß und unter der ständigen Bedrohung durch ein Attentat der GPU lebte, war sein politischer Blick ungetrübt. Der „Alte“ sah weiter in die Zukunft als alle seine Zeitgenossen.

Das zentrale politische Thema, um das sich der Fraktionskampf drehte, war die „russische Frage, d. h. der Klassencharakter der Sowjetunion. Shachtman argumentierte, dass die Sowjetunion nach Stalins Nichtangriffspakt mit Hitler Ende August 1939, nach dem die Nationalsozialisten und die Stalinisten in Polen einmarschiert waren, nicht länger als Arbeiterstaat definiert werden könne. Die sowjetische Bürokratie habe sich an der Spitze einer neuen Form von Ausbeutungsgesellschaft zu einer herrschenden Klasse entwickelt.

Trotzki lehnte es ab, wie Shachtman die Sowjetunion auf der Grundlage ihres reaktionären Bündnisses mit Nazi-Deutschland neu zu definieren. Zweifellos war die Unterzeichnung des Nichtangriffspakts ein unsäglicher Akt des Verrats. Aber, so Trotzki, „der soziale Charakter der UdSSR ist nicht abhängig von ihrer Freundschaft zur Demokratie oder zum Faschismus“. [5] Er machte auf die grundlegende Frage der historischen Perspektive aufmerksam, die in der Auseinandersetzung um die richtige Definition der Sowjetunion beinhaltet war:

Die Frage der UdSSR kann nicht als etwas Einzigartiges aus dem gesamten historischen Prozess unserer Zeit herausgelöst werden. Entweder ist der Staat Stalins ein vergängliches Gebilde, die Deformation eines Arbeiterstaates in einem rückständigen und isolierten Land, oder „bürokratischer Kollektivismus“ ist eine neue Gesellschaftsform, die überall auf der Welt an die Stelle des Kapitalismus tritt (Stalinismus, Faschismus, New Deal usw.). Die begrifflichen Experimente (Arbeiterstaat, kein Arbeiterstaat; Klasse, keine Klasse; usw.) bekommen nur unter diesem historischen Gesichtspunkt einen Sinn. Wer sich für die zweite Möglichkeit entscheidet, behauptet damit, offen oder insgeheim, dass das gesamte revolutionäre Potenzial des Weltproletariats erschöpft, dass die sozialistische Bewegung bankrott ist und der alte Kapitalismus sich in einen „bürokratischen Kollektivismus“ mit einer neuen Ausbeuterklasse verwandelt.

Die enorme Bedeutung einer solchen Schlussfolgerung versteht sich von selbst. Sie betrifft das gesamte Schicksal des Weltproletariats und der Menschheit. [6]

Trotzki räumte ein, dass es der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen imperialistischen Ländern noch nicht gelungen war, eine revolutionäre Partei aufzubauen, die den Aufgaben der Epoche einer nie dagewesenen kapitalistischen Krise gewachsen war. Aber das Beispiel des Bolschewismus und der Oktoberrevolution bewies, dass die Schaffung einer solchen Partei möglich war. Die große historische Frage, so Trotzki, stellte sich wie folgt:

Wird die objektive historische Notwendigkeit letzten Endes einen Weg in das Bewusstsein der Vorhut der Arbeiterklasse finden, d. h., wird im Verlauf dieses Krieges und der tiefreichenden Erschütterungen, die er verursachen muss, eine wirklich revolutionäre Führung geschaffen werden, die in der Lage ist, das Proletariat zur Eroberung der Macht zu führen?

Die Vierte Internationale hat diese Frage mit Ja beantwortet, und zwar nicht nur durch den Text ihres Programms, sondern auch durch die bloße Tatsache ihrer Existenz. All die verschiedenen Arten enttäuschter und verängstigter Vertreter der Pseudomarxisten gehen im Gegensatz dazu von der Annahme aus, dass der Bankrott der Führung nur die Unfähigkeit des Proletariats „widerspiegelt“, seinen revolutionären Auftrag zu erfüllen. Nicht alle unsere Gegner drücken diesen Gedanken klar aus, aber alle – Ultralinke, Zentristen, Anarchisten, ganz zu schweigen von den Stalinisten und Sozialdemokraten – wälzen die Verantwortung für die Niederlagen von sich selbst auf die Schultern des Proletariats ab. Keiner von ihnen äußert sich dazu, was genau die Bedingungen sind, unter denen das Proletariat in der Lage sein wird, den sozialistischen Umsturz durchzuführen.

Wenn wir annehmen, es wäre wahr, dass der Grund für die Niederlagen in den sozialen Eigenschaften des Proletariats selbst begründet liegt, dann müsste man die Lage der modernen Gesellschaft als hoffnungslos bezeichnen. [7]

Trotzki erkannte, dass die Haltung Shachtmans und Burnhams in historischem und politischem Pessimismus wurzelte. Er bezeichnete die Shachtman-Burnham-Fraktion mit gutem Grund als „kleinbürgerlich“. Die Minderheit verlieh den Ansichten eines breiten Teils der kleinbürgerlichen Intelligenz Ausdruck, die durch die Niederlagen der 1930er Jahre politisch demoralisiert und moralisch von Skepsis zerfressen war. Ironischerweise hatten Burnham und Shachtman am Vorabend des Fraktionskampfs in der SWP einen Aufsatz verfasst, der in der Januar-Ausgabe 1939 von The New International veröffentlicht wurde und ein vernichtendes Porträt der „Intellektuellen auf dem Rückzug“ lieferte:

Jede Periode der Reaktion, die auf eine revolutionäre Niederlage folgt, bringt eine Vielzahl von oberflächlichen und vergänglichen „neuen“ und „modischen“ Lehren hervor, die den Marxismus als „überholt“ ablehnen. Es wäre lehrreich, die Geschichte der „Fraktionskämpfe“ nach der Niederlage der russischen Revolution von 1905 mit analogen Auseinandersetzungen des letzten Jahrzehnts oder mehr zu vergleichen. Die gegenwärtigen reaktionären Stimmungen von Depression, Entmutigung, Vertrauensverlust in die Selbstheilungskräfte des Proletariats und seiner revolutionären Bewegung werden mit den weit verbreiteten Angriffen auf den revolutionären Marxismus rationalisiert. Die radikalen Intellektuellen sind aufgrund ihrer sozialen Stellung in der Regel die ersten, die diesen Stimmungen nachgeben und vor ihnen kapitulieren, anstatt sich ihnen bewusst zu widersetzen. Sicherlich sind sie, wenn auch in einem völlig anderen Ausmaß, ebenso Opfer unserer ausgedehnten Zeit der Reaktion, wie die Russische Revolution, die der stalinistischen Degeneration anheimfiel, und wie der vorübergehende Aufstieg des Faschismus.

Die größte geistige Krankheit, unter der diese Intellektuellen leiden, kann als Stalinophobie oder vulgärer Antistalinismus bezeichnet werden. Diese Krankheit wurde durch die allgegenwärtige Abscheu gegen Stalins makabres System der Schauprozesse und Säuberungen hervorgerufen. Und das Ergebnis war, dass das meiste, was seitdem zu diesem Thema geschrieben wurde, weniger das Produkt einer nüchternen Analyse der Gesellschaft als eines geistigen Schocks war, und die Analysen, die es gibt, sind eher moralischer als wissenschaftlicher oder politischer Art. [8]

Man darf annehmen, dass Burnham und Shachtman die „geistige Krankheit“, der die Intelligenz erlag, deshalb so genau beschrieben, weil sie selbst bereits ihre Symptome spürten. Noch vor Ende jenes Jahres trat diese Krankheit in ihr Endstadium ein.

Ein auffallendes Merkmal der antitrotzkistischen Variante des Revisionismus, die im Kampf 1939-1940 auftauchte, war die Totalität, mit der die philosophischen Grundlagen, die Klassenbasis, das politische Programm und die historische Perspektive des Marxismus abgelehnt wurden. Es ging dieser Strömung nicht um eine reformistische Modifizierung des revolutionären Kampfes für den Sozialismus, sondern um die Ablehnung des Ziels an sich. Bei ihrer Kritik am „orthodoxen Trotzkismus“ wurde ihr klar, dass es kein einziges Element des Marxismus gab, mit dem sie einverstanden war.

Natürlich gelangten verschiedene Vertreter der Minderheit zu unterschiedlichen Zeiten zu diesem Schluss. Aber der im Wesentlichen rechte Kurs der Burnham-Shachtman-Opposition kam Burnhams Austrittserklärung aus der Workers Party vom 21. Mai 1940 klar zum Ausdruck. Dieses Dokument wird im Allgemeinen als eine bloße Peinlichkeit für Shachtman angesehen, der plötzlich und unversehens von seinem engsten politischen Verbündeten im Stich gelassen wurde. Aber in einem breiteren historischen und politischen Kontext betrachtet, definierte und antizipierte Burnhams Brief nicht nur die politische Entwicklung von Max Shachtman nach seinem Bruch mit der Vierten Internationale, sondern auch diejenige aller anderen oppositionellen Tendenzen, die innerhalb der Vierten Internationale und der Socialist Workers Party in den 1940er Jahren noch auftreten sollten. So erklärte Burnham:

Von den wichtigsten Überzeugungen, die mit der marxistischen Bewegung verbunden sind, sei es in ihren reformistischen, leninistischen, stalinistischen oder trotzkistischen Variante, gibt es praktisch keine, die ich in ihrer traditionellen Form akzeptiere. Ich betrachte diese Überzeugungen entweder als falsch, veraltet oder bedeutungslos; oder bestenfalls als nur in einer so eingeschränkten und modifizierten Form wahr, dass sie nicht mehr als marxistisch bezeichnet werden kann.

Ich halte es nicht nur für sinnlos zu sagen, dass „der Sozialismus unvermeidlich ist“, und für falsch, dass der Sozialismus „die einzige Alternative zum Kapitalismus“ darstellt, sondern glaube darüber hinaus, dass die uns heute zur Verfügung stehenden Beweise eine neue Form der Ausbeutergesellschaft (die ich „Managergesellschaft“ nenne) zum Ausgang der gegenwärtigen Periode als Alternative zum Kapitalismus nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlicher als den Sozialismus erscheinen lassen …

Ich bin, wie Cannon längst erkannt hat, ganz und gar nicht einverstanden, mit der leninistischen Auffassung einer Partei – nicht nur mit Stalins oder Cannons Modifikationen dieser Auffassung, sondern mit Lenins und Trotzkis. …

Angesichts solcher und ähnlicher Überzeugungen muss ich selbstverständlich einen beträchtlichen Teil der programmatischen Dokumente der Vierten Internationale als Bewegung (die von der Workers Party akzeptiert werden) ablehnen. Das „Übergangsprogramms“ scheint mir – wie schon bei seiner ersten Vorlage – mehr oder weniger eindringlicher Unsinn und ein Schlüsselbeispiel für die Unfähigkeit des Marxismus, selbst in den Händen seines brillantesten Vertreters, mit der Zeitgeschichte umzugehen. [9]

Burnham räumte schließlich ein, dass seine politischen Positionen durchaus etwas mit der persönlichen Demoralisierung zu tun hatten, wie er und Shachtman sie in „Intellektuelle auf dem Rückzug“ beschrieben hatten:

Ich wäre der Letzte, der vorgibt, dass sich jeder Mensch anmaßen könnte, die Motive und Quellen seines eigenen Handelns klar zu erkennen. Dieser ganze Brief mag eine übertriebene Art sein, diesen einzigen Satz zu sagen: ‚Ich habe keine Lust mehr auf Politik.‘ Es ist sicher so, dass ich von den Niederlagen und dem Verrat der letzten zwanzig und mehr Jahre beeinflusst werde. Diese sind Teil des Beweises für meine Überzeugung, dass der Marxismus abzulehnen ist: Bei jeder der vielen Prüfungen, die die Geschichte ihnen auferlegte, haben marxistische Bewegungen den Sozialismus entweder betrogen oder verraten. Und sie beeinflussen auch meine Gefühle und Einstellungen, darüber bin ich mir im Klaren. [10]

Der letzte Satz war eine recht ausgefeilte Ausrede für Burnhams eigene Abtrünnigkeit. Anstatt an einem zukünftigen Scheitern oder Verrat am Sozialismus teilzunehmen, beschloss Burnham, die revolutionäre Bewegung vorsorglich zu verlassen. Nach seinem Austritt aus der Workers Party wechselte Burnham schnell ins extrem rechte Lager der bürgerlichen antikommunistischen Politik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zum Strategen des amerikanischen Imperialismus und forderte eine von den USA dominierte „Weltföderation“ im Kampf gegen die Sowjetunion und den Kommunismus. In den 1950er Jahren gründete er gemeinsam mit dem Erzreaktionär William F. Buckley, Jr. die National Review. Burnham wurde 1983 von Präsident Ronald Reagan mit der Medal of Freedom ausgezeichnet und als einflussreicher geistiger Führer der Neokonservativen in den USA anerkannt.

Mit seiner Ablehnung des Marxismus nahm Burnham den Weg vorweg, der nicht nur von den Shachtman-Anhängern, sondern auch von den anderen oppositionellen Tendenzen innerhalb der SWP und der Vierten Internationale in den 1940er Jahren eingeschlagen werden sollte. In Anlehnung an einen bekannten Ausspruch Trotzkis kann man sagen, dass nicht jeder demoralisierte kleinbürgerliche Ex-Trotzkist ein Burnham ist, aber ein Stückchen Burnham steckt in jedem demoralisierten Renegaten vom Trotzkismus. [11]

Die erste und bedeutendste dieser Tendenzen war die Gruppe „Drei Thesen“ (auch „Rückschrittler“ genannt), die aus den Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) hervorging. Sie bestand aus emigrierten Trotzkisten unter der Führung von Joseph Weber (1901-1959). Ihre entscheidende Rolle bei der Entwicklung antitrotzkistischer Konzeptionen innerhalb der Vierten Internationale war vor dem Erscheinen des Erbes mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Man kann die Ursprünge und Positionen der Morrow-Goldman-Opposition, die etwas später auftrat, nicht verstehen, ohne die Dokumente Webers heranzuziehen. Die Politik der IKD wird in Kapitel 8 dieses Bandes untersucht. Aber angesichts der jüngsten Bemühungen (auf die ich weiter unten eingehen werde), Felix Morrow (1906-1988) und Albert Goldman (1897-1960) zu Propheten zu verklären, deren politisches Martyrium unter Cannon den Untergang des Trotzkismus bedeutete, ist es notwendig, die demoralisierte, defätistische und antimarxistische Perspektive der IKD kurz zusammenzufassen.

Im Oktober 1941 veröffentlichten die IKD eine Erklärung, in der sie die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution als politisches Hirngespinst abtaten. Mit den Siegen des Faschismus in Europa sei die Arbeiterklasse auf die Bedingungen aus der Zeit vor 1848 zurückgeworfen worden. Die moderne Welt bewege sich nicht vorwärts zum Sozialismus, sondern rückwärts in die Barbarei. Dieser Rückschritt war keine vorübergehende Folge politischer Niederlagen, die durch einen neuen Aufschwung revolutionärer Kämpfe der Arbeiterklasse unter der Führung einer marxistischen Partei rückgängig gemacht werden konnte. Vielmehr war die Regression als unvermeidlicher Prozess aufzufassen. Der militärische Sieg der Nazis, den die IKD als endgültig werteten, hatte ein neues Stadium der Weltgeschichte eingeleitet.

Die Gefängnisse, die neuen Ghettos, die Zwangsarbeit, die Konzentrationslager und selbst die Kriegsgefangenenlager sind nicht nur politisch-militärische Übergangseinrichtungen, sondern gleichzeitig neue wirtschaftliche Ausbeutungsformen, Begleiterscheinungen der Entwicklung eines modernen Sklavenstaates, die einem beträchtlichen Teil der Menschheit zum dauernden Schicksal werden sollen. [12]

Laut der „Drei-Thesen-Gruppe“ war der Kampf für den Sozialismus aufgrund des historischen Rückschritts durch das „Streben nach nationaler Freiheit“ abgelöst worden. [13] In einem späteren, 1943 entstandenen Dokument, das in The New International (die nach der Spaltung 1940 von der Shachtman-Minderheit übernommen worden war) erschien, distanzierten sich die IKD ausdrücklich von der historischen Analyse der imperialistischen Epoche, die Lenin im Kampf gegen den Verrat der Zweiten Internationale entwickelt und auf die sich die Bolschewistische Partei bei ihrer Strategie 1917 gestützt hatte. Darin hieß es:

Im Rückblick auf den ersten Weltkrieg und die damalige Gesamtkonstellation müssen wir anerkennen, dass der erste Weltkrieg ungeachtet aller kausalen Zusammenhänge, die zu seinem Ausbruch führten, lediglich ein historischer Unglücksfall des Kapitalismus war, ein zufälliges Ereignis, mit dem sich der Zusammenbruch des Kapitalismus im Rahmen der historischen Notwendigkeit früher als historisch notwendig vollzog. [14]

Wenn jedoch der Weltkrieg ein Zufall war, dann galt dies auch für den Zusammenbruch der Zweiten Internationale, den Sieg der Oktoberrevolution und die Gründung der Dritten Internationale. Damit wurde die objektive Grundlage der marxistischen Strategie im 20. Jahrhundert, wie sie Lenin und Trotzki formuliert hatten, als Ganzes geleugnet.

Die IKD zeichneten ihren politischen Pessimismus in pechschwarzen Farben. Die Arbeiterklasse sei als revolutionäre Kraft erledigt. Sie sei „zerstückelt, atomisiert, zersplittert, in einander entgegengesetzte Schichten gespalten, politisch demoralisiert, international isoliert und gesteuert ...“. [15] Sie sei unfähig, den Kapitalismus zu stürzen, so verfault dieser auch sein möge. Den „häufigsten Fehler“ der trotzkistischen Bewegung, der auf „einem völlig falschen Verständnis des Marxismus“ beruhe, sahen die IKD darin, dass „die Negation des Kapitalismus ausschließlich als Aufgabe der proletarischen Revolution aufgefasst wird“. In Anbetracht der Ohnmacht der Arbeiterklasse als revolutionärer Kraft, so die IKD, gebe es keine andere Option als die Rückkehr zum „Jahrhunderte alten“ Kampf um Demokratie. [16] Der Forderung der Vierten Internationale nach Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa hielt die IKD entgegen:

Bevor sich Europa in Form „Sozialistischer Staaten“ zusammenschließen kann, muss es sich erst erneut in unabhängige und eigenständige Nationen aufspalten. Es geht ausschließlich darum, dass die zersplitterten, versklavten, zurückgeworfenen Völker und das Proletariat wieder Nationen bilden ...

Wir können die Aufgabe folgendermaßen formulieren: Wiederaufbau der gesamten zurückgeschraubten Entwicklung, Rückeroberung aller Errungenschaften der Bourgeoisie (einschließlich der Arbeiterbewegung) zwecks Erreichen und Übertreffen der höchsten Errungenschaften. …

Das dringendste politische Problem ist die Jahrhunderte alte Frage aus der Frühzeit des industriellen Kapitalismus und des wissenschaftlichen Sozialismus – Erringung der politischen Freiheit, Errichtung der Demokratie (auch in Russland) als unerlässliche Vorbedingung für nationale Befreiung und Gründung einer Arbeiterbewegung. [17]

Ausdrücklich betonten die IKD, dass ihr Aufruf, den politischen Kalender auf vor 1848 zurückzudrehen und das Ziel des internationalen Sozialismus zugunsten der nationalen Souveränität und bürgerlichen Demokratie aufzugeben, für alle Länder gelte.

Mit entsprechenden Anpassungen gibt es dieses Problem [der Demokratie und nationalen Befreiung] überall in der Welt: in China und Indien, Japan und Afrika, Australien und Kanada, Russland und England. Mit anderen Worten, in ganz Europa sowie Nord- und Südamerika. Nirgendwo gibt es ein Land, in dem die demokratische und nationale Frage nicht stark zugespitzt wäre, nirgendwo gibt es eine politisch organisierte Arbeiterbewegung. [18]

Als zentrale Parole, so die IKD, müsse die „nationale Freiheit“ ausgegeben werden.

Damit wollen wir sagen: Die nationale Frage gehört zu jenen Episoden der Geschichte, die notwendigerweise zum strategischen Ausgangspunkt für die Wiedererrichtung der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Revolution werden. Wer diese historisch notwendige Episode nicht begreift und nicht zu nutzen versteht, versteht und begreift nichts vom Marxismus-Leninismus. [19]

In Wirklichkeit warfen die IKD das Programm von Lenin und Trotzki über Bord. Die Trennung des Kampfs für demokratische Forderungen vom Sturz des Kapitalismus war ein Bruch mit der Theorie und dem Programm der permanenten Revolution. Wie Trotzki erklärte, bedeutet die Theorie der permanenten Revolution in Bezug auf Länder mit einer verspäteten bürgerlichen Entwicklung, „dass die volle und wirkliche Lösung ihrer demokratischen Aufgabe und des Problems ihrer nationalen Befreiung nur denkbar ist mittels der Diktatur des Proletariats als des Führers der unterdrückten Nation und vor allem ihrer Bauernmassen“. [20]

In den weniger entwickelten Ländern trennten die IKD demokratische von sozialistischen Forderungen. Doch ihr Versuch, in den hoch entwickelten Zentren des Weltkapitalismus ein bürgerliches Programm der nationalen Befreiung wiederzubeleben und den Kampf für den Sozialismus als unzeitgemäß abzutun, ließ erkennen, dass ihre politische Demoralisierung pathologische Züge angenommen hatte. Mitarbeiter und Freunde des IKD-Führers Joseph Weber erinnerten sich später daran, dass er Mitte der 1940er Jahre häufig die Vermutung geäußert hatte, die Herrschaft der Nazis über Europa werde 30, 40 oder sogar 50 Jahre Bestand haben. [21]

Die Position der IKD wurde von den Anhängern Shachtmans aufgegriffen und verbreitet. Die Argumente der IKD, dass die Oktoberrevolution zur Unzeit gekommen sei, stand völlig im Einklang mit ihrer Position, dass die Sowjetunion kein Arbeiterstaat mehr sei und nicht gegen den Imperialismus verteidigt werden müsse.

Die demoralisierte Perspektive der IKD, die sich von der Vierten Internationale lossagten, fand schließlich innerhalb der Socialist Workers Party ein Echo in Form der Morrow-Goldman-Tendenz, die sich 1944 als Oppositionsgruppe herauskristallisierte. Vor dem Erscheinen des Erbes wurde diese rechtsgerichtete Tendenz fälschlicherweise als weitsichtige Alternative zu Cannons angeblich dogmatischer, schlecht informierter und unrealistischer Reaktion auf die politische Lage zum Ende des Weltkriegs dargestellt. Ihre beiden wichtigsten Führer hatten in der Vierten Internationale und in der amerikanischen Partei eine bedeutende Rolle gespielt. Albert Goldman hatte Trotzki 1937 als Rechtsanwalt vor der Dewey-Kommission vertreten. 1941 hatte er SWP-Mitglieder verteidigt, die unter dem Smith Act angeklagt worden waren. Dabei zählte er selbst zu den Angeklagten, wurde als eines von 18 Parteimitgliedern schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe verurteilt. Felix Morrow war Mitglied des Politischen Komitees der SWP und ein herausragender sozialistischer Journalist, der vor allem durch sein Buch Revolution und Konterrevolution in Spanien bekannt geworden war. Auch er gehörte zu den Parteimitgliedern, die im Smith-Act-Prozess zu Haftstrafen verurteilt wurden. Ein weiteres wichtiges Mitglied der Morrow-Goldman-Fraktion war Jean van Heijenoort (1912–1986), der in den 1930er Jahren als Sekretär Trotzkis und während des Zweiten Weltkriegs de facto als Sekretär der Vierten Internationale tätig gewesen war.

Das Erbe, das wir verteidigen geht die Positionen der Morrow-Goldman-Tendenz im Einzelnen durch. Doch seit der ersten Auflage des Erbes sind interne Diskussionsbulletins der SWP verfügbar geworden, zu denen ich 1986-1987 keinen Zugang hatte. Auf ihrer Grundlage lässt sich genauer einschätzen, welchen Einfluss die IKD auf die Morrow-Goldman-Tendenz hatte. 1942 hatten sich Morrow, Goldman und van Heijenoort (der unter dem Namen Marc Loris schrieb) gegen die Standpunkte gewandt, die in den „Drei Thesen“ vertreten wurden. Doch Ende 1943 hatten sie ihre Haltung von Grund auf geändert. Im Verlauf der politischen Auseinandersetzung innerhalb der SWP und der Vierten Internationale, die sich in den nächsten drei Jahren entspann, argumentierte Morrow, dass sich die Vierte Internationale durch das Festhalten am Programm der sozialistischen Revolution in Europa unter den Bedingungen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs herrschten, selbst zur Bedeutungslosigkeit verurteilte. Gestützt auf eine zutiefst konservative und defätistische Auslegung der Ereignisse in Europa – insbesondere in Frankreich und Italien – beharrte die Morrow-Goldman-Fraktion darauf, dass eine sozialistische Revolution schlicht ausgeschlossen sei. Der Vierten Internationale bleibe nichts anderes übrig, als sich in eine Bewegung für bürgerlich-demokratische Reformen zu verwandeln, die im Bunde mit der Sozialdemokratie und verschiedenen demokratisch gesonnenen bürgerlichen Bewegungen stehen müsse.

Während Morrow, Goldman und van Heijenoort die Umwandlung der Vierten Internationale in ein Anhängsel der bürgerlichen Demokratie befürworteten, lehnten sie zugleich die Verteidigung der UdSSR durch die SWP ab. Noch im März 1943 hatte Morrow geschrieben: „Auf der ganzen Welt freuen sich die Massen über die Siege der Roten Armee. Zwar ohne abgerundete Theorie, aber mit grundsätzlicher Klassenloyalität verstehen sie, dass die sowjetischen Siege auch ihre Siege sind. Sie unterscheiden durchaus zwischen dem Arbeiterstaat und seinen kapitalistischen ‚Verbündeten‘.“ [22] Mit dem typischen halsbrecherischen Tempo all derjenigen, die dem Trotzkismus abschwören und einen Rechtskurs einschlagen, wechselte Morrow auf den entgegengesetzten Standpunkt. 1946 verurteilte er den Standpunkt der SWP, dass der Sieg der Sowjetarmee über die Nazis zur politischen Radikalisierung der europäischen Massen beitrug, und argumentierte: „Alle Gründe, die wir für die Verteidigung der Sowjetunion angegeben haben, sind verschwunden.“ [23]

Außerdem forderte die Morrow-Goldman-Tendenz die Wiedervereinigung mit den Shachtman-Anhängern, deren Ablehnung der Verteidigung der Sowjetunion rasch in offene Unterstützung für den Kampf des amerikanischen Imperialismus gegen den „kommunistischen Totalitarismus“ umschlug. Die Vierte Internationale und die SWP wiesen die demoralisierte Perspektive von Morrow und Goldman mit Nachdruck und zu Recht zurück.

Der Streit um die „richtige Linie“ gegenüber den Ereignissen in Europa war keine abstrakte theoretische Auseinandersetzung. In der damaligen höchst veränderlichen und instabilen Lage, in der das Ergebnis der politischen Nachkriegskrise noch nicht feststand, versuchten die Trotzkisten das ganze revolutionäre Potenzial der Situation zum Ausdruck zu bringen. Sie gingen bei ihrer Arbeit von dem objektiven Potenzial für den Sturz des Kapitalismus aus und nahmen nicht von vornherein an, dass seine erneute Stabilisierung unvermeidlich sei. In der schweren Zeit vor Hitlers Machtantritt wurde Trotzki einmal gefragt, ob die Lage „hoffnungslos“ sei. Dieser Ausdruck, antwortete er, komme im Wortschatz von Revolutionären nicht vor. „Darüber“, so Trotzki“, „wird im Kampf entschieden.“ Dieselbe Antwort verdienten diejenigen, die mitten in der Unordnung und im Chaos des Nachkriegseuropas behaupteten, die revolutionäre Sache sei hoffnungslos und die Stabilisierung des Kapitalismus unvermeidlich. Hätten sich die Trotzkisten, wie von Morrow und Goldman gefordert, von vornherein geschlagen gegeben, dann wären sie selbst zum Faktor für die Restabilisierung des Kapitalismus geworden.

Auf jeden Fall unterschätzte Morrow in seiner Analyse der objektiven Lage, wie sie sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach in Europa und weltweit darstellte, die Tiefe und das Ausmaß der Krise des Weltkapitalismus erheblich. Die unbestreitbare Tatsache, dass der europäische Kapitalismus nach der Einführung des Marshallplans 1947 schließlich stabilisiert wurde, entkräftet nicht die Perspektive der Vierten Internationale zum Ende des Weltkriegs. Als die Bourgeoisie eines Großteils von West- und Mitteleuropa politisch am Boden lag und durch ihre faschistischen Gräueltaten restlos diskreditiert war, war das Potenzial für die Machteroberung durch die Arbeiterklasse noch weitaus größer als zum Ende des Ersten Weltkriegs. In Frankreich und Italien waren Massen von Arbeitern bewaffnet und brannten auf die endgültige Abrechnung mit der Kapitalistenklasse. Das Problem war nicht das Fehlen einer „objektiv“ revolutionären Situation. Allen klugen bürgerlichen Strategen war klar, dass die Stimmung der Massen extrem radikal war. Dean Acheson, der später US-Außenminister werden sollte, beschrieb die Krise als „in gewisser Weise überwältigender als im ersten Kapitel der Schöpfungsgeschichte“. [24] In einem Memorandum an Präsident Roosevelts Sonderbeauftragten Harry Hopkins vom Dezember 1944 warnte Acheson vor einem Blutbad in ganz Europa. „Die Völker der befreiten Länder“, schrieb er, „sind der entzündbarste Stoff der Welt ... Sie sind gewalttätig und unruhig.“ Wenn keine Mittel zur Stabilisierung Europas gefunden würden, würde eine Eskalation von „Agitation und Unruhe“ zum „Sturz der Regierungen“ führen. [25]

In einem kürzlich erschienenen Buch über die Ursprünge des Marshallplans und des Kalten Krieges schreibt der Historiker Benn Steil:

Außerdem wollten die Menschen einen politischen Wandel. Die kommunistischen Parteien versprachen in ganz Europa eine radikale Alternative zum Kapitalismus. Die Geschichte schien auf ihrer Seite zu sein. Die Sowjetunion hatte den Krieg gewonnen und war das mit Abstand mächtigste Land des Kontinents. Die Kommunisten erhielten 19 Prozent der Stimmen in Italien, 24 Prozent in Finnland (wo der Kommunist Mauno Pekkala Premierminister wurde) und 26 Prozent in Frankreich 1945-1946. Und in Deutschland, wo vor 1949 (im Westen) keine nationalen Wahlen stattfanden, gewannen die Kommunisten bei einigen regionalen Wahlen bis zu 14 Prozent der Stimmen. Zusammen mit den Sozialisten lag die Gesamtzahl der Stimmen für die Linke in Italien bei 39 Prozent und in Frankreich bei 47 Prozent. In Italien dachten viele, die revolutionäre Linke sei dazu bestimmt, die Kontrolle über das Land zu übernehmen. Der Zusammenschluss der linken Parteien in der sowjetischen Zone Deutschlands schien das Muster für ganz Europa zu sein. [26]

Der entscheidende Faktor, um die Arbeiterklasse zurückzuhalten, ihre starken Aufstandsneigungen zu unterdrücken und dem amerikanischen Imperialismus wie auch den verängstigten europäischen Eliten die Zeit zu verschaffen, die sie für die Rettung der kapitalistischen Herrschaft brauchten, war die Führung der stalinistischen Parteien. In Italien spielte der stalinistische Führers Palmiro Togliatti eine wesentliche Rolle. In einer aktuellen Studie über diese Zeit heißt es:

Das Vertrauen der stalinistischen Führung, dass die PCI [Partito Comunista Italiano] einen mäßigenden Einfluss ausüben und spontane Aktionen verhindern würde, war nicht fehl am Platze. Angesichts dieser turbulenten und sogar explosiven Situation schaffte es Togliatti, die revolutionären Stimmungen, die während der Widerstandszeit wiederholt in der Partei aufflammten, weitgehend einzudämmen. Seine Rolle bei der Verhinderung eines Bürgerkriegs unmittelbar nach der Befreiung Norditaliens sollte nicht unterschätzt werden. Tatsache ist, dass der revolutionäre Impuls, der während der Resistenza innerhalb der Partei immer wieder durchbrach, weitgehend durch Togliatti persönlichen Einsatz ausgebremst wurde. [27]

Der Historiker Paul Ginsborg berichtet anschaulich über Togliattis Widerstand gegen die Forderungen der PCI-Basis nach einem revolutionären sozialistischen Sturz des bürgerlichen Staates:

Bei seiner Ankunft in Salerno skizzierte Togliatti seinen verwunderten und widerstrebenden Genossen die Strategie, die er für die Partei in naher Zukunft vorsah. Die Kommunisten, sagte er, sollten ihre oft geäußerte Ablehnung gegenüber der Monarchie ruhen lassen. Stattdessen sollten sie alle antifaschistischen Kräfte überzeugen, sich der königlichen Regierung anzuschließen, die nun ganz Italien südlich von Salerno beherrschte. Der Beitritt zur Regierung, so Togliatti, sei der erste Schritt zur Verwirklichung des übergeordneten zeitgenössischen Ziels: der nationalen Einheit gegenüber den Nazis und den Faschisten. Das Hauptziel der Kommunisten müsse die Befreiung Italiens sein und keine sozialistische Revolution. Togliatti machte dies in seinen Anweisungen für die Partei im Juni 1944 deutlich: ,Denkt immer daran, dass der Aufstand, den wir anstreben, nicht das Ziel hat, soziale und politische Veränderungen im sozialistischen oder kommunistischen Sinne durchzusetzen. Sein Ziel ist vielmehr die nationale Befreiung und die Vernichtung des Faschismus. Alle anderen Probleme werden vom Volk morgen, wenn Italien befreit ist, durch eine freie Volksabstimmung und die Wahl einer konstituierenden Versammlung gelöst werden.‘

Wie dieser letzte Satz beweist, setzte sich Togliattis für die Wiederherstellung der parlamentarischen Demokratie in Italien ein. Anders als Tito hatte er nicht die Absicht, die Diktatur des Proletariats zum kurzfristigen Ziel seiner Partei zu machen. Sein Ziel war auch nicht die bloße Wiederherstellung des vorfaschistischen Parlamentarismus.“ [28]

In Frankreich spielten die Kommunistische Partei und die von der stalinistisch geführten CGT kontrollierten Gewerkschaften eine nicht minder konterrevolutionäre Rolle. In der Erkenntnis, dass die Kommunistische Partei über genügend Macht verfügte, um das kapitalistischen Systems mit dem Sturz zu bedrohen, überwachten amerikanische Diplomaten ihre Aktivitäten genau. Die Stalinisten spielten den Vereinigten Staaten in die Hände:

Die Führer der CGT und einzelne Kommunisten unterhielten von 1945 bis 1947 Beziehungen zu Vertretern des amerikanischen Staates. Dies entsprach der Strategie der Kommunistischen Partei, die um Entspannung auf internationaler Ebene und auf politische Zusammenarbeit im eigenen Land bemüht war. Kommunistische Funktionäre der CGT versorgten die Amerikaner mit reichlich Informationen, die meisten davon beruhigend ... Die CGT strebte nicht den sofortigen Übergang zum Sozialismus an und unterstützte die begrenzten Ziele des Nationalen Widerstandsrates. Die CGT war der Verteidiger der kleinen Gewerbetreibenden. Der Kampf um eine Produktionssteigerung bildete die unverrückbare Grundlage der kommunistischen Politik, und es gab keine Streiks in Werken oder Häfen, die „in den Händen unseres Volkes“ waren. [29]

Vor dem Hintergrund der explosiven Lage in Europa, die durch die wachsende Welle des antiimperialistischen Kampfes, die fast alle alten Kolonien erfasste, noch verschärft wurde, hätte Morrows Forderung, dass die Vierte Internationale ihr Programm und ihre Agitation auf demokratische Forderungen beschränken solle, keinem anderen Zweck gedient, als dem Verrat der Stalinisten an der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse die Unterstützung der Trotzkisten zu gewähren und die Restabilisierung des Kapitalismus zu erleichtern.

In einem 2014 in der Zeitschrift Science and Society veröffentlichten Essay mit dem Titel „Strategy and Tactics in a Revolutionary Period: U.S. Trotskyism and the European Revolution, 1943–1946” setzen sich die Historiker Daniel Gaido und Velia Luparello aus Leibeskräften für die Morrow-Goldman-Tendenz ein. Allein der Titel des Aufsatzes mutet seltsam an, weil die wesentliche Prämisse von Morrows Argumentation – die von Gaido und Luparello unterstützt wird – besagte, dass es keine revolutionäre Situation gab. Mit Genugtuung zitieren sie Morrows Forderung, die SWP und die Vierte Internationale sollten sich „von allen Spuren der Vorstellung einer ,objektiv revolutionären‘ heutigen Situation befreien“. [30] Mit ihrer einseitigen Darstellung der Debatte innerhalb der Vierten Internationale unterstützen sie Morrows antimarxistische und demoralisierte Perspektive:

Tatsächlich, so Morrow, sei die Revolution keine „objektive Funktion des gesellschaftlichen Prozesses“, und die Lage in Europa sei in keiner Weise mit der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkriegs vergleichbar. „1917-1923 wiederholt sich nicht“, mahnte Morrow. Die Situation im Jahre 1945 stelle sich „viel rückständiger“ dar, weil die Entwicklung der revolutionären Parteien in Ermangelung eines Sammelpunktes für die aufständischen Massen, wie es die bolschewistische Revolution und die Dritte Internationale gewesen waren, weitaus langsamer verlief und der gesamte Prozess daher weitaus langwieriger sein werde. [31]

Aber woher waren die bolschewistische Revolution und die Dritte Internationale gekommen? Lenin und Trotzki hatten 1917 einen unerbittlichen Kampf gegen die Menschewiki und jene Elemente innerhalb der Bolschewistischen Partei geführt, die behaupteten, die Situation sei nicht revolutionär und es gebe keine Möglichkeit, über ein bürgerlich-demokratisches Programms hinauszugehen. Die Bolschewiki kämpften darum, das revolutionäre Potenzial, das der objektiven Situation innewohnte, zur Entfaltung zu bringen. Gaido und Luparello nehmen keine Notiz von der lähmenden und in sich widersprüchlichen Sophistik, die Morrows Defätismus zugrunde lag: Der Kampf für die sozialistische Revolution war unmöglich, weil die Situation objektiv nicht revolutionär war. Und die Situation war deshalb nicht revolutionär, weil es keinen „Sammelpunkt“ für revolutionäres Handeln gab.

In theoretischer Hinsicht haben Gaido und Luparello mit ihren Argumenten wenig Neues zu bieten. Sie folgen weitgehend der im Wesentlichen sozialdemokratischen Kritik am Trotzkismus, die schon in zwei vierzig Jahre alten Essays vorgebracht wurde: dem Aufsatz von Geoff Hodgson von 1975 mit dem Titel „Trotzki und fatalistischer Marxismus“ und dem Artikel von Peter Jenkins von 1977 mit dem Titel „Wo der Trotzkismus irrte: Der Zweite Weltkrieg und die Aussicht auf eine Revolution in Europa.“ Hodgson, dessen Wortwahl sehr an Eduard Bernstein erinnert, behauptete, Trotzkis Vorstellung der Epoche als einer Zeit ständiger wirtschaftlicher Umbrüche, der Auflösung des bürgerlichen Nationalstaatensystems, interimperialistischer Kriege und sozialistischer Revolutionen sei grundsätzlich falsch. Trotzki hinterließ der Vierten Internationale eine übertriebene und unrealistische Betonung der Krise. Morrow, schrieb Hodgson, stellte diese falsche Perspektive in Frage: „Infolgedessen wurden Morrow und andere aus der SWP vertrieben.“ [32]

Ebenso wie Hodgson lobte Jenkins Morrow dafür, dass er die „revolutionäre Katastrophitis“ der Vierten Internationale und die „durchgängige Neigung der trotzkistischen Bewegung, die Lebensfähigkeit der bürgerlichen Demokratie in Europa und die Stärke reformistischer Ideen in der Arbeiterklasse zu unterschätzen“, frühzeitig in Frage gestellt habe. [33] Der Trotzkismus, so Jenkins Bilanz, „irrte“, weil er sich nicht in eine sozialdemokratisch-reformistische Bewegung verwandelte.

Gaido und Luparello ziehen im Wesentlichen die gleiche Schlussfolgerung und argumentieren, dass die Niederlage von Morrow und Goldman „jede ernsthafte Analyse darüber verhinderte, welche Folgen die Politik der SWP-Führung und damit auch des Europäischen Sekretariats der Vierten Internationale nach sich zog, obwohl diese Politik schließlich dazu beitrug, den Trotzkismus für den größten Teil des Jahrhunderts zu politischer Ohnmacht zu verdammen“. [34] Was genau meinen Gaido und Luparello mit „politischer Ohnmacht“? Im Rahmen ihrer Argumentation kann es nur bedeuten, dass die trotzkistische Bewegung die politische Natur und das Programm einer sozialdemokratischen reformistischen Organisation hätte übernehmen sollen. Sie hätte „politische Ohnmacht“ vermeiden sollen, indem sie im Rahmen des bürgerlichen Parlamentarismus Einfluss genommen hätte. Trotzkis Weltpartei der sozialistischen Revolution hätte in eine Ansammlung nationaler Parteien des sozialdemokratischen Reformismus verwandelt werden sollen.

Bei der Analyse der Argumente der Minderheit stellte Trotzki 1940 fest: „Shachtman hat eine Kleinigkeit außer Acht gelassen: seinen Klassenstandpunkt.“ [35] Dieselbe „Kleinigkeit“ fehlt im Aufsatz von Gaido und Luparello. Man findet darin keinerlei Überlegungen zum Klassencharakter – also dem objektiven gesellschaftspolitischen Kurs – der Morrow-Goldman-Tendenz. An keiner Stelle befassen sie sich mit der wesentlichen Frage: Für welche Klasseninteressen sprachen Morrow und Goldman? Dies ist ein bedauerliches Versäumnis, besonders im Falle von Professor Gaido, der sich seit vielen Jahren ernsthaft mit der Geschichte der marxistischen Bewegung beschäftigt. Dieser für gewöhnlich gewissenhafte Gelehrte bezieht sich in seinem Aufsatz nur flüchtig auf die „Drei Thesen“ von Joseph Weber und der IKD und unterschlägt deren entscheidenden Einfluss auf Felix Morrow. Noch unhaltbarer ist Gaidos leichtfertige Haltung gegenüber der politischen Entwicklung von Morrow, Goldman und van Heijenoort.

Alle führenden Vertreter der Morrow-Goldman-Tendenz verließen die trotzkistische Bewegung, schieden aus der sozialistischen Politik aus und wandten sich politisch scharf nach rechts. Offensichtlich ergab sich diese Entwicklung logisch aus den Positionen, die sie im Fraktionskampf vertreten hatten. Sie alle folgten mehr oder weniger den Fußstapfen von James Burnham. Van Heijenoort kehrte der Vierten Internationale den Rücken, verurteilte die Sowjetunion als „Sklavenstaat“, schied aus der sozialistischen Politik aus und machte als Mathematiker Karriere. Goldman trat aus der SWP aus, schloss sich vorübergehend der Shachtman-Bewegung an und sagte sich kurz darauf vom Marxismus los. Morrow wurde 1946 aus der SWP ausgeschlossen, wandte sich von der sozialistischen Politik ab, unterstützte den Kalten Krieg des amerikanischen Imperialismus und brachte es schließlich als Herausgeber okkulter Literatur zu Wohlstand.

Im November 1976 traf ich Felix Morrow, als ich im Auftrag des Internationalen Komitees über die Ermordung Leo Trotzkis recherchierte. Er war damals 71 Jahre alt und lebte in einem Vorort von New York. Unter Hinweis auf den Fraktionskampf von 1943-1946 räumte Morrow ein, dass Cannon bei all ihren politischen Differenzen in einem entscheidenden Punkt Recht hatte: Morrow hatte den Glauben an die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution verloren. Morrow erzählte, dass er in der letzten Rede, die er vor seinem Ausschluss vor der SWP-Mitgliedschaft hielt, erklärt habe, nichts könne ihn je von der Partei trennen. Aber kaum hatte er den Versammlungssaal verlassen, war ihm klar, dass ein Abschnitt seines Lebens beendet war und er nie wieder in der sozialistischen Politik aktiv sein würde. Er fühlte sich fast so, als wäre er nie Mitglied der trotzkistischen Bewegung gewesen. Ich fragte Morrow, ob er die Vergangenheit bereue. Er bereue nur eines, antwortete er: „Ich hätte Tantiemen für mein Buch Revolution und Konterrevolution in Spanien aushandeln sollen.“

Was Max Shachtman anbelangt, so wurde er in den 1950er Jahren Berater der virulent antikommunistischen Gewerkschaftsbürokratie AFL-CIO. In den 1960er Jahren unterstützte Shachtman die 1961 von der CIA organisierte Invasion der Schweinebucht in Kuba und später die US-Intervention in Vietnam.

Die politische Entwicklung von Shachtman, Morrow, Goldman und van Heijenoort war Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Prozesses: Der Kalte Krieg, die wirtschaftliche Stabilisierung im Nachkriegseuropa und die Erstickung der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse durch die Bürokratien hatten Auswirkungen auf die politische Haltung der linken kleinbürgerlichen Intelligenz. Der Marxismus wich dem Existenzialismus. Die frühere Beschäftigung mit gesellschaftlichen Prozessen machte der Sorge um persönliche Probleme Platz. Die wissenschaftliche Einschätzung politischer Ereignisse wurde zugunsten einer Auslegung aus psychologischer Sicht fallengelassen. Zukunftsentwürfe, die auf dem Potenzial der Planwirtschaft basierten, wurden durch utopische Tagträume abgelöst. Das Interesse am Thema der ökonomischen Ausbeutung der Arbeiterklasse nahm ab. Ökologische Probleme, losgelöst von Fragen der Klassenherrschaft und des Wirtschaftssystems, rückten in den Vordergrund.

Die Entwicklung der Führer der IKD veranschaulicht diesen gesellschaftlich bedingten geistigen „Rückschritt“. Die IKD lösten ihre Beziehung zur Vierten Internationale, von der Joseph Weber mit blanker Verachtung sprach. In einem Brief vom 11. Oktober 1946 behauptete Weber, die Vierte Internationale sei tot und es habe sie ohnehin nie gegeben. Sie sei auf einem falschen Fundament errichtet worden, und ihre Dokumente würden sich lesen, als seien sie für politische Analphabeten bestimmt. Kurz darauf brach Weber völlig mit der marxistischen Politik, verurteilte die Sowjetunion als staatskapitalistische Gesellschaft und wurde schließlich zum Propheten eines halb-anarchistischen ökologischen Utopismus. Zu seinen wichtigsten Jüngern zählte ein ehemaliges Mitglied der Socialist Workers Party, Murray Bookchin (1921-2006), der ihm sein 1971 erschienenes Buch Post-Scarcity Anarchism widmete. Bookchin, der zu einem erbitterten Gegner des Marxismus geworden war, dankte seinem Mentor dafür, dass er „vor mehr als zwanzig Jahren die Grundzüge des utopischen Projekts formuliert hat, das in diesem Buch dargelegt wird“. [37] Bookchins Schriften fielen Abdullah Öcalan in die Hände, nachdem der Führer der bürgerlich-nationalistischen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) 1999 vom türkischen Staat verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden war. Er fand darin Gedanken, die seinen Vorstellungen eines „demokratischen Konföderalismus“ entsprachen. Die PKK ehrte Bookchin nach dessen Tod als „einen der größten Gesellschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts“. [38]

In der Politik regiert die Logik der Klasseninteressen. Diese elementare Wahrheit wird oft vergessen, insbesondere von Akademikern, die politische Fraktionen gern aufgrund subjektiver Kriterien beurteilen. Darüber hinaus lassen sie sich bei der Beurteilung von Auseinandersetzungen zwischen Opportunisten und Revolutionären von stillschweigenden Vorurteilen leiten. Dem kleinbürgerlichen Akademiker erscheint die Politik der Opportunisten in der Regel „realistischer“ als die der Revolutionäre. Doch eine unschuldige Politik gibt es ebenso wenig wie eine unschuldige Philosophie. Ob vorhergesehen oder nicht, ein politisches Programm hat objektive Folgen. Die Vierte Internationale und die SWP erkannten in den 1940er Jahren ganz richtig, dass das Programm der überhistorischen nationalen Befreiung und universalen Demokratie, wie es die IKD vertraten, ein Ausdruck fremder, dem Sozialismus feindlicher Klasseninteressen war.

Am Ende ihres Aufsatzes schreiben Gaido und Luparello, dass „die Krise der Vierten Internationale nicht, wie oft behauptet, mit der Kontroverse begann, die durch Michel Pablos ,Taktik des tiefen Entrismus‘ 1953 ausgelöst wurde, sondern zehn Jahre zuvor, weil die SWP-Führung nicht in der Lage war, ihre Taktik an die neue Situation anzupassen, die in Europa nach dem Sturz Mussolinis 1943 entstand ...“ [39] Der Kern dieses Arguments ist, dass die trotzkistische Bewegung sich in den 1940er Jahren hätte auflösen sollen. Ihre irrigen Bemühungen, ein unrealistisches revolutionäres Programm aufrechtzuerhalten, verurteilten sie zu „politischen Ohnmacht“ und waren die Quelle ihrer späteren Krisen. Mit ihrem neuen Narrativ verfolgen Gaido und Luparello das Ziel, die Verantwortung für die Krisen der Vierten Internationale von denen, die die trotzkistische Bewegung liquidieren wollten, auf die Schultern derjenigen zu verlagern, die sie verteidigten.

Zu seinem großen politischen Verdienst verteidigte James P. Cannon die revolutionäre internationale Perspektive des Trotzkismus gegen die Morrow-Goldman-Tendenz, die – dem Weg Burnhams und Shachtmans folgend – zur „Demokratie“ unter der Ägide des amerikanischen Imperialismus aufrief. Nach dem Kampf gegen diese Kapitulatoren wurde die Vierte Internationale mit einer anderen, nicht weniger gefährlichen und heimtückischen Form des antitrotzkistischen Revisionismus konfrontiert, die mit dem Programm und der Taktik von Michel Pablo und Ernest Mandel in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren verbunden war.

Ungeachtet ihrer Unterschiede im Hinblick auf Programm und Orientierung teilen die beiden Hauptformen des Revisionismus (Burnham-Shachtman und Pablo-Mandel), die zwischen 1940 und 1953 innerhalb der Vierten Internationale entstanden, bestimmte historische Konzeptionen. Vor dem internationalen gesellschaftlichen und politischen Hintergrund der 1940er und 1950er Jahre teilten die Shachtman-Gruppe (und ihre Nachfolger, die Rückschrittler und die Morrow-Goldman-Tendenz) eine wesentliche politische Auffassung, die sich etwas später auch der pablistische Revisionismus zu eigen machte: die Zurückweisung des revolutionären Potenzials der Arbeiterklasse. Diese Position nahm im Einzelnen unterschiedliche Formen an. Shachtman und Burnham spekulierten, dass die Sowjetunion eine neue „kollektivistische“ Gesellschaftsform darstelle, an deren Spitze eine bürokratische Elite stehe, die sich gerade in eine neue herrschende Klasse verwandle oder bereits verwandelt habe. Eine andere Spielart der Shachtman-Theorie besagte, dass die Sowjetunion eine Form des „Staatskapitalismus“ darstelle. Die „Drei-Thesen-Gruppe“ gelangte ebenso wie kurz darauf die Morrow-Goldman-Tendenz zu dem Schluss, dass die sozialistische Revolution historisch eine verlorene Sache sei.

Bei den Revisionen, die Pablo und Mandel in den späten 1940er Jahren entwickelten, bemäntelten sie ihr Abrücken vom Trotzkismus mit einer oberflächlich linken Rhetorik. Doch die führende Kraft für die Errichtung des Sozialismus war aus ihrer Sicht die stalinistische Bürokratie, nicht die Arbeiterklasse. Die Pablisten hatten die Theorie Shachtmans auf eigenartige Weise umgedreht. Während die Shachtman-Gruppe den stalinistischen Staat als Vorläufer einer neuen Ausbeutungsgesellschaft namens „bürokratischer Kollektivismus“ verdammte, erklärten die Pablisten die bürokratischen stalinistischen Regime, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa eingeführt wurden, zur notwendigen Form des historischen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. In jeweils eigenen Formen begründeten alle diese Tendenzen ihre politische Perspektive auf die nicht revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse. Sie war keine aktive, geschweige denn entscheidende Kraft mehr im historischen Prozess.

Der Pessimismus – man könnte sogar sagen, die Verzweiflung – hinter dem pablistischen Revisionismus gipfelte in der Theorie der „Kriegsrevolution“, die im Vorfeld des Dritten Weltkongresses 1951 entstand. „Die gesellschaftliche Wirklichkeit“, erklärten die Pablisten im entsprechenden Dokument, „besteht für unsere Bewegung im Wesentlichen aus der kapitalistischen Herrschaft und der stalinistischen Welt.“ Der Kampf für den Sozialismus werde die Form eines Kriegs zwischen diesen beiden Lagern annehmen, aus dem das stalinistische System als Sieger hervorgehen werde. Die aus der Asche eines thermo-nuklearen Kriegs auferstehenden Stalinisten würden „deformierte Arbeiterstaaten“ – ähnlich jenen in Osteuropa – schaffen, die Jahrhunderte Bestand haben würden. In diesem skurrilen Szenario blieb der Arbeiterklasse oder der Vierten Internationale keine unabhängige Rolle. Ihre Kader wurden angewiesen, in die stalinistischen Parteien einzutreten und dort als linke Pressure Group zu wirken. Diese liquidatorische Perspektive beschränkte sich nicht auf den Eintritt in die stalinistischen Parteien. Wie in Kapitel 15 vorliegenden Band erklärt wird:

Die Anpassung an den Stalinismus war ein wichtiges Merkmal der neuen, pablistischen Anschauung, aber es wäre falsch, allein darin ihre Wesensart zu sehen. Der Pablismus war (und ist) schrankenloses Liquidatorentum, d. h. die Zurückweisung der Hegemonie des Proletariats in der sozialistischen Revolution und der wirklich unabhängigen Existenz der Vierten Internationale als bewusster Ausdruck der historischen Rolle der Arbeiterklasse. Die Theorie der Kriegsrevolution war der Ausgangspunkt für die zentrale liquidatorische These, dass alle trotzkistischen Parteien in den politischen Tendenzen aufgelöst werden müssten, die gerade die Arbeiter- oder Massenbewegung in den Ländern beherrschten, in denen die Sektionen der Vierten Internationale arbeiteten.

Die Spaltung vom November 1953 gehört zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Auf dem Spiel stand nicht weniger als das Überleben der trotzkistischen Bewegung – d. h. des bewussten und politisch organisierten Ausdrucks des gesamten Vermächtnisses aus dem Kampf für den Sozialismus. In diesem alles entscheidenden Moment in der Geschichte der Vierten Internationale wurden in Cannons „Offenem Brief“ klar und deutlich die Grundsätze des Trotzkismus bekräftigt, die aus den strategischen Lehren der Revolutionen und Konterrevolutionen des 20. Jahrhundert abgeleitet waren. Mit der Auflösung der Vierten Internationale hätte es keine politisch organisierte marxistische Opposition gegen den Imperialismus und seine politischen Agenturen in den stalinistischen, sozialdemokratischen und bürgerlich-nationalistischen Parteien und Organisationen mehr gegeben. Das ist keine spekulative Hypothese. Es ist eine verifizierbare historische Tatsache, bestätigt durch die katastrophalen Folgen des Pablismus in den zahlreichen Ländern, auf fast allen Kontinenten, in denen seine liquidatorische Politik umgesetzt wurde.

Im Hinblick auf das Schicksal der Sowjetunion ist festzustellen, dass die Führer der Pablisten bis zum bitteren Ende der stalinistischen Herrschaft an der Theorie der bürokratischen Selbstreform festhielten. Während das Internationale Komitee bereits 1986 davor warnte, dass der Machtantritt Michail Gorbatschows und die Reformen seiner Perestroika die endgültige Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion vorbereiteten, feierten die Pablisten seine reaktionäre Politik als entscheidenden Fortschritt in Richtung Sozialismus. Ernest Mandel bezeichnete Gorbatschow 1988 als „bemerkenswerten politischen Führer“. Die Warnungen, dass Gorbatschows Politik zur Wiederherstellung des Kapitalismus führten, tat Mandel als „absurd“ ab und erklärte: „Der Stalinismus und Breschnewismus sind definitiv zu Ende. Das Sowjetvolk, das internationale Proletariat, die ganze Menschheit kann einen tiefen Seufzer der Erleichterung tun.“ [40]

Mandels Schüler, der britische Pablist Tariq Ali, legte seiner Begeisterung für die Politik der Gorbatschow-Regierung noch weniger Schranken auf. In seinem 1988 erschienenen Buch Revolution From Above: Where is the Soviet Union Going? verband Ali mehrere typische Merkmale des Pablismus: grenzenlose Unterstützung für die stalinistische Bürokratie, grotesker Opportunismus und völlige Unfähigkeit, die politische Realität zu begreifen. Im Vorwort fasst er die These seines Buchs folgendermaßen zusammen:

In Revolution From Above wird der Standpunkt vertreten, dass Gorbatschow eine progressive, reformistische Strömung innerhalb der sowjetischen Elite vertritt, deren Programm im Erfolgsfall für Sozialisten und Demokraten weltweit von enormem Vorteil wäre. Die Größe von Gorbatschows Vorhaben erinnert an die Bestrebungen eines amerikanischen Präsidenten des 19. Jahrhunderts: Abraham Lincoln. [41]

Offenbar aus der Befürchtung heraus, dass die Erhebung Gorbatschows auf eine Stufe mit Abraham Lincoln seine Ergebenheit für den Stalinismus nicht hinreichend zum Ausdruck brachte, widmete Tariq Ali sein Buch in aller Bescheidenheit „Boris Jelzin, einem führenden Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der durch seinen politischen Mut im ganzen Land zu einem wichtigen Symbol wurde“. [42]

Die unverhüllte Unterstützung der pablistischen Führer für die beiden Politiker, die bei der endgültigen Zerstörung der Sowjetunion die Fäden zogen – Michail Gorbatschow und Boris Jelzin – war ein unwiderlegbarer historischer Beweis für den reaktionären Charakter des Pablismus und die Berechtigung des Kampfs, den das Internationale Komitee über Jahrzehnte hinweg gegen diese bösartige kleinbürgerliche Agentur des Imperialismus geführt hat.

* * *

In den Jahren seit der Veröffentlichung von Das Erbe, das wir verteidigen 1988 wurde die Welt Zeuge tiefgreifender wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen, ganz zu schweigen von explosiven politischen Entwicklungen. Die Auflösung der Sowjetunion mündete nicht in ein neues Zeitalter des Friedens und schon gar nicht in das „Ende der Geschichte“, wie sich die Imperialisten auf dem Höhepunkt des postsowjetischen Triumphalismus einbildeten. Die Beschreibung der heutigen Weltlage als „Krise“ wäre eine Untertreibung. „Chaos“ trifft die Sache besser. Im letzten Vierteljahrhundert wurde ein Krieg nach dem anderen angezettelt. Immer größere Teile der Erde geraten zwischen die Mühlsteine eines imperialistischen geopolitischen Konflikts. Die USA, die es nicht verwinden können, dass sie nach 1991 doch nicht die Weltherrschaft erlangten, sehen sich zu immer skrupelloseren Militäroperationen gezwungen. Die Grundlagen der imperialistischen Weltordnung, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geschaffen wurden, befinden sich in Auflösung. Während sich der Konflikt Washingtons mit Russland und China zuspitzt, verschlechtern sich zugleich rapide die Beziehungen zwischen den USA und ihren wichtigsten imperialistischen „Partnern“, allen voran Deutschland.

Wirtschaftlich stolpert das kapitalistische System von einer Krise in die nächste. Die Folgen der Krise von 2008 sind nicht überwunden. Das Hauptvermächtnis des Crashs ist eine zunehmende soziale Ungleichheit, die ein Ausmaß angenommen hat, das den Rahmen der Demokratie sprengt. Die ungeheuerliche Konzentration des Reichtums in den Händen einer kleinen Elite ist ein globales Phänomen, das die bürgerlichen Regierungen zunehmend destabilisiert. Überall auf der Welt nimmt der Klassenkonflikt zu. Durch die Globalisierung der kapitalistischen Produktion und der finanziellen Transaktionen wird die Arbeiterklasse in zu einem gemeinsamen Kampf getrieben.

Die objektiven Bedingungen bilden die Triebkraft für eine enorme Ausweitung des revolutionären Klassenkampfs. Doch diese objektiven Triebkräfte müssen in bewusstes politisches Handeln übersetzt werden. Und hier stellt sich die alles entscheidende Frage nach der Führung der Arbeiterklasse.

Trotz der tiefen Krise des globalen Kapitalismus und der allgemeinen Zerfallserscheinungen auf den Führungsebenen der Bourgeoisie stehen der Arbeiterklasse auf der Suche nach einem Ausweg Parteien und Organisationen im Wege, die ihren Einfluss dazu benutzen, ihre Bewegung zu knebeln und in die Irre zu leiten. Und doch sind die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre nicht spurlos am Bewusstsein der Arbeiterklasse vorübergegangen. Der Bankrott der offiziellen „sozialistischen“ Parteien wird weithin erkannt. Doch wenn sich die Massen neuen Organisationen zuwenden, die wie Syriza in Griechenland eine radikalere Lösung für gesellschaftliche Probleme in Aussicht stellen, entpuppen sich deren Versprechungen sehr schnell als hohl. Nachdem Syriza auf einer Welle von Protesten gegen die Europäische Union an die Macht gekommen war, brauchte sie nur wenige Monate, um jedes einzelne Versprechen gegenüber ihren Anhängern zu brechen. Eine Regierungsübernahme von Podemos in Spanien, Corbyn in Großbritannien oder Sanders in den USA würde zum gleichen Ergebnis führen.

Die Lösung der Krise der revolutionären Führung ist nach wie vor die zentrale historische Aufgabe, die sich der Arbeiterklasse stellt. Dieser enormen Aufgabe ist nur die internationale Partei gewachsen, die sich die gesamte, nunmehr achtzig Jahre umfassende historische Erfahrung der Vierten Internationale angeeignet hat. Nur das Internationale Komitee der Vierten Internationale ist in der Lage, eine politisch kohärente und konsistente Darstellung seiner gesamten Geschichte zu liefern. Seine Praxis wurzelt in der bewussten Verteidigung des theoretischen und politischen Erbes von Leo Trotzkis Kampf für die sozialistische Weltrevolution. Ich hoffe, dass die Neuauflage von Das Erbe, das wir verteidigen dazu beitragen wird, die neue Generation von Arbeitern und Jugendlichen, die durch die objektive Krise des Kapitalismus radikalisiert wird, zu Revolutionären auszubilden und ihnen das Programm, die Geschichte und die Traditionen der Vierten Internationale zu vermitteln.

David North
Detroit
20. Juni 2018

Anmerkungen:

[1] Eine detaillierte Analyse der opportunistischen Degeneration der britischen Sektion findet sich in Wie die Workers Revolutionary Party den Trotzkismus verraten hat, 1973-1985, in Vierte Internationale, Jg. 13, Nr. 1, Sommer 1986. Alle wichtigen Dokumente der Spaltung mit der WRP können in Vierten Internationale vom Herbst 1986 nachgelesen werden (Jg. 13, Nr. 2).

[2] Siehe Das Erbe, das wir verteidigen, Essen 1988, S. 231 ff.

[3] Die Dokumente der Workers League wurden veröffentlicht in „Das IKVI verteidigt den Trotzkismus“, Vierte Internationale, Jg. 13, Nr. 2, Herbst 1986.

[4] „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, in: Karl Marx, Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin, Band 21, 1975, S. 289

[5] Leo Trotzki, „Ein Brief an James P. Cannon“, 12. September 1939, in: Verteidigung des Marxismus, Essen 2006, S. 1.

[6] Ebd. S. 1-2

[7] „Die UdSSR im Krieg“, Verteidigung des Marxismus, Essen 2006, S. 14

[8] James Burnham und Max Shachtman, „Intellectuals in Retreat“, in: The New International, Vol. 5, No. 1, Januar 1939. Verfügbar unter: www.marxists.org/history/etol/writers/burnham/1939/intellectuals/index.htm

[9] Leon Trotsky, In Defense of Marxism. London: New Park Publications, 1971, S. 257-258.

[10] Ebd. S. 261.

[11] Ich beziehe mich auf den Satz: „Nicht jeder erbitterte Kleinbürger könnte ein Hitler werden, aber ein Stückchen Hitler steckt in jedem von ihnen.“ (Leo Trotzki, „Portrait des Nationalsozialismus“, in: Portrait des Nationalsozialismus – ausgewählte Schriften, Essen 1999)

[12] „The National Question in Europe: Three Theses on the European Situation and the Political Tasks“ („Die nationale Frage in Europa: Drei Thesen zur europäischen Lage und zu den politischen Aufgaben“), datiert vom 19. Oktober 1941, veröffentlicht in der Fourth International vom Dezember 1942, S. 370-372. Verfügbar unter www.marxists.org/history/etol/newspape/fi/vol03/no12/3theses.htm.

[13] Ebd.

[14] „Capitalist Barbarism or Socialism“, in: The New International (Vol. 10, No. 10), Oktober 1944 (Betonung im Original). Verfügbar unter www.marxists.org/history/etol/newspape/ni/vol10/no10/ikd.htm

[15] Ebd.

[16] Ebd. (Hervorhebung im Original).

[17] Ebd. (Hervorhebung im Original).

[18] Ebd. (Hervorhebung im Original).

[19] Ebd. (Hervorhebung im Original).

[20] Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Essen 1993, S. 183, Hervorhebung im Original

[21] Marcel Van Der Linden, „The Prehistory of Post-Society Anarchism: Josef Weber and the Movement for a Democracy of Content (1947–1964)“, in: Anarchist Studies, 9 (2001), S. 131.

[22] Felix Morrow, „The Class Meaning of the Soviet Victories“, in: Fourth International, Vol. 4, No. 3, März 1943, verfügbar unter www.marxists.org/archive/morrow-felix/1943/03/soviet.htm

[23] SWP Internal Bulletin, Vol. 8, No. 8, Juli 1946, S. 28

[24] Zitiert in Benn Steil, The Marshall Plan: Dawn of the Cold War New York: Simon & Schuster, S. 26

[25] Ebd. S. 18-19

[26] Ebd. S. 19-20v

[27] Elena Agarossi und Victor Zaslavsky, Stalin and Togliatti: Italy and the Origins of the Cold War, Washington, D.C.: Woodrow Wilson Center Press, 2011, S. 95

[28] Paul Ginsborg, A History of Contemporary Italy: 1943–80 Penguin Books Ltd. Kindle Edition, S. 43

[29] Irwin M. Wall, The United States and the Making of Postwar France, 1945- 47, Cambridge, Cambridge University Press, 1991, S. 97

[30] Daniel Gaido und Velia Luparello, „Strategy and Tactics in a Revolutionary Period: U.S. Trotskyism and the European Revolution, 1943–1946“, in: Science & Society, Vol. 78, No. 4, Oktober 2014, S. 504.

[31] Ebd. S. 503.

[32] Geoff Hodgson, Trotsky and Fatalistic Marxism, (Nottingham: Spokesman Books, 1975), S. 38

[33] Peter Jenkins, Where Trotskyism got lost: The restoration of European democracy after the Second World War, Nottingham: Spokesman Books, 1977. Verfügbar unter www.marxists.org/history/etol/document/fi/1938-1949/ww/essay01.htm

[34] Gaido und Luparello, S. 508.

[35] Leo Trotzki, Verteidigung des Marxismus, Essen 2006, S. 123

[36] Joseph Weber, Dinge der Zeit, Kritische Beiträge zu Kultur und Politik, Hamburg: Argument, 1995, S. 21.

[37] Murray Bookchin, Post-Scarcity-Anarchism, Montreal: Basic Books, 1986, S. 32.

[38] Joris Leverink, „Murray Bookchin and the Kurdish Resistance“, in: ROAR magazine, 9. August 2015, verfügbar unter https://roarmag.org/essays/bookchin-kurdish-struggle-ocalan-rojava/

[39] Gaido und Luparello, S. 508.

[40] Ernest Mandel, Beyond Perestroika, London: Verso Books, 1989, S. xvi.

[41] Tariq Ali, Revolution From Above: Where is the Soviet Union Going?, Surry Hills, Australia: Hutchinson, 1988, S. xiii.

[42] Ebd.

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