„Verteidigung Leo Trotzkis“ von David North auf Russisch erschienen

Von Wladimir Wolkow
8. Juni 2018

Der Mehring Verlag hat das Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ von David North nun auch in russischer Sprache herausgegeben. Es ist sowohl in E-Book-Format als auch in gedruckter Form erhältlich und kann hier bestellt werden. Die englische Originalausgabe erschien 2010 bei Mehring Books und in deutscher Übersetzung beim Mehring Verlag. 2013 wurde eine zweite, erweiterte Ausgabe publiziert, auf der die russische Übersetzung basiert. Sie kann hier bestellt werden.

Diese Publikation ist von großer Bedeutung für die russische Arbeiterklasse. Das Verständnis der Rolle, die Leo Trotzki im zwanzigsten Jahrhundert gespielt hat, ist grundlegend, um das marxistische Erbe in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wiederzubeleben und dort für den Aufbau des Internationalen Komitees des Vierten Internationale zu kämpfen.

Die World Socialist Web Site veröffentlicht hier das Vorwort von Wladimir Wolkow zur russischen Ausgabe:

Dieses Buch, das nun auch in russischer Sprache vorliegt, ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Das betrifft zu allererst seinen Inhalt: Es widmet sich der Entlarvung und Widerlegung der unzähligen Verleumdungen, Lügen und Fälschungen, die seit Jahrzehnten gegen Leo Trotzki, einen der beiden wichtigsten Führer der Oktoberrevolution von 1917, ins Feld geführt und von der heutigen westlichen und postsowjetischen Geschichtsschreibung erneut begierig aufgegriffen werden.

Aus einem weiteren Grund hebt sich dieser Band von zahllosen anderen Veröffentlichungen ab. Sein Autor ist nicht nur der weltweit führende Experte auf dem Gebiet der Trotzki-Forschung im breitesten Sinne – der politischen Biografie Leo Trotzkis, seiner Ideen, seines Programms und seines persönlichen Schicksals. Er spielt selbst seit über vierzig Jahren eine führende Rolle im Internationalen Komitee der Vierten Internationale, der direkten Nachfolgeorganisation der Linken Opposition der 1920er und 1930er Jahre und der Vierten Internationale, die Trotzki 1938 gegen die konterrevolutionäre stalinistische Degeneration der Komintern und des Sowjetstaats gegründet hatte.

North leitet außerdem die internationale Redaktion der World Socialist Web Site, die einzige Online-Tageszeitung, die konsequent die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution verteidigt, auf die sich die Bolschewistische Partei während der Machteroberung im Oktober 1917 stützte.

Dass der Autor somit nicht dem Wissenschaftsbetrieb angehört, sondern aktiv Politik betreibt, ist kein Nachteil, sondern ein großer Vorteil. Die großen Marxisten – ob die Gründerväter Marx und Engels oder die spätere Generation von Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg – haben nie die unabdingbare wissenschaftliche Arbeit an gesellschaftlichen und politischen Theorien von der aktiven Teilnahme am Kampf für Sozialismus getrennt, sondern immer versucht, den politischen Organisationen der Arbeiterklasse unmittelbar Führung zu geben.

Diese Besonderheit ergibt sich aus dem Wesen des Marxismus selbst. In seinen Feuerbach-Thesen schrieb Marx, die bisherigen Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern. Mit anderen Worten, nur diejenige Gesellschaftstheorie, die gestützt auf die Errungenschaften des menschlichen Denkens von der Notwendigkeit ausgeht, sich auf die fortschrittlichen Klassenkräfte zu orientieren und ihren Interessen Ausdruck zu verleihen, kann Anspruch darauf erheben, wissenschaftlich und fortschrittlich im tatsächlichen Sinne zu sein. In der Epoche des Kapitalismus ist diese soziale Kraft die Arbeiterklasse.

Im Rahmen der akademischen Tätigkeit hat man die Möglichkeit, sich dem systematischen Studium bestimmter historischer und theoretischer Fragen zu widmen. Doch hier liegen zugleich objektive Hindernisse, weil die akademische Welt von den herrschenden sozialen und politischen Verhältnissen und damit von den Interessen der herrschenden kapitalistischen Elite abhängig ist. Letztere kontrolliert den Staat sowie private Finanzierungsquellen der wissenschaftlichen Forschung und verfügt darüber hinaus über viele Wege, um Einfluss auszuüben. Sie ist daran interessiert, dass die Wissenschaft dazu beträgt, ihre Herrschaft zu erhalten, nicht zu untergraben.

Hierin liegt eine der Hauptursachen der tiefen Krise der zeitgenössischen Geisteswissenschaften weltweit. Die Zeiten, in denen sich viele westliche Akademiker noch eine relative Unabhängigkeit bewahren konnten, sind längst vorbei. Die Verschärfung der internationalen Krise des Kapitalismus, besonders seit Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, führte zu einem umfassenden Rechtsruck im akademischen Milieu. Eine ganze Schicht ehemaliger Radikaler und „Linker“, die in den Studentenprotesten der 1960er Jahre aktiv waren, hat sich heute vollständig integriert. Sie sind Teil der wohlhabenden oberen Mittelklasse und haben sich in offene Apologeten des Imperialismus verwandelt.

Diese Schicht unterstützt heute offen die Angriffe auf alle sozialen Errungenschaften und Reformen der letzten Jahrzehnte und rechtfertigt die Abschaffung grundlegender demokratischer Rechte, einschließlich der Internetzensur, sowie den Aufbau autoritärer Polizeistaatsstrukturen in den führenden Ländern Westeuropas und den USA. Auf internationaler Ebene legitimieren sie imperialistische Kriege, die unter dem falschen Vorwand der „Menschenrechte“ und „Demokratisierung“ im Nahen Osten und anderen Regionen geführt werden.

Es wurde zum verbreiteten Phänomen, die historische Arbeit gezielt in den Dienst der aktuellen politischen Agenda der herrschenden Mächte zu stellen. Statt der Suche nach der objektiven Wahrheit widmete man sich nun der Erfindung falscher, aber für die herrschende Elite ideologisch und politisch vorteilhafter Narrative.

Eben dieses Ziel verfolgt die neue Kampagne zur Verleumdung Leo Trotzkis, die in den letzten zwanzig Jahren entfacht wurde. Geoffrey Swain, Ian Thatcher und vor allem Robert Service, drei britische Akademiker, gegen die sich die Polemik in diesem Buch hauptsächlich richtet, sind typische Vertreter dieser reaktionären Tendenz.

Die erneuten Diskreditierungsversuche haben vor allem einen Grund: Trotzki verkörpert die Idee der sozialistischen Weltrevolution – mehr noch als selbst Lenin, der mit ihm zusammen 1917 die Oktoberrevolution anführte. Lenins Schicksal war stärker mit rein „russischen“ Aufgaben der Revolution verknüpft, und er schied relativ früh aus dem Leben, als sich die internationale Tragweite vieler Fragen, die heute von entscheidender Bedeutung sind, gerade erst abzeichnete. Nach Lenins Tod nahm man diese Besonderheiten seiner politischen Biographie zum Ausgangspunkt, um ihn als „staatsmännischen“ und national orientierten Politiker darzustellen und für die Zwecke der stalinistischen Theorie des „Sozialismus in einem Land“ zu missbrauchen.

Anders bei Trotzki. Sein Beitrag zur Vorbereitung und Durchführung der Oktoberrevolution und zum Aufbau des Sowjetstaats wie auch sein Kampf gegen die bürokratische Degeneration der UdSSR und für die Weiterentwicklung des Programms der sozialistischen Weltrevolution in den Zeiten der Reaktion in den 1930er Jahren – all diese Tatsachen sind so eindeutig und unbestreitbar, dass das politische und theoretische Erbe Trotzkis nur auf dem Wege schamlosester Lügen gefälscht werden konnte.

Umso bedeutender ist es, diese Lügenkonstrukte vollständig zu zerschlagen und keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Dazu leistet dieses Buch einen großen und unschätzbaren Beitrag.

Mit dem politischen und theoretischen Erbe Trotzkis verteidigt David North zugleich die Oktoberrevolution von 1917, die sich in diesem Jahr zum einhundertsten Mal jährte.

Die Oktoberrevolution war das bedeutendste Ereignis der Weltgeschichte und markierte einen entscheidenden Wendepunkt. Mit ihr begann eine historische Periode, in der die Arbeiterklasse erstmals bewusst in die gesellschaftliche Entwicklung eingriff. Sie kämpfte für eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage sozialer Gleichheit und echter Demokratie und strebte nach der Befreiung von jeder Form der Ausbeutung und Unterdrückung.

Die Revolution stellte den einzigen fortschrittlichen Weg dar, auf dem die ungelösten Widersprüche der russischen Gesellschaft überwunden werden konnten. In diesem Sinne entwickelte sie sich zwar auf nationalem Boden, doch sie war nicht einfach ein nationales Ereignis. Die Oktoberrevolution war vielmehr eine Antwort auf die Krise des gesamten Weltkapitalismus. Wie Trotzki treffend formulierte, sind nationale Eigenarten eine spezifische Erscheinungsform der internationalen Bedingungen.

Im Grunde war die Oktoberrevolution die strategische Vorlage für die Umgestaltung der ganzen Welt im Interesse der großen Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Darin bestand die einzige progressive Alternative zu imperialistischer Barbarei, Krieg und Zerstörung, wie sich im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts in zwei Weltkriegen, dem Holocaust und zahllosen weiteren Katastrophen in aller Grausamkeit zeigte.

Die Bolschewiki konnten 1917 erfolgreich die Macht erobern, weil sie sich auf eine korrekte Perspektive stützten – die Theorie der permanenten Revolution, die Trotzki am Vorabend der Revolution von 1905 ausgearbeitet hatte und die das Ergebnis einer langen theoretischen Entwicklung in der russischen und internationalen Sozialdemokratie darstellte. Lenin, der diese Theorie zunächst abgelehnt hatte, nutzte die Jahre der Emigration während des Ersten Weltkriegs für ein sorgfältiges Studium des Imperialismus. Gestützt auf diese Arbeit übernahm er in seinen „Aprilthesen“ im Frühjahr 1917 die Perspektive Trotzkis.

Gemäß der Theorie der permanenten Revolution ist das Proletariat die einzige Kraft, die mittels ihrer Partei in der Lage ist, die Revolution gegen die Überbleibsel des Feudalismus – den Großgrundbesitz und die Autokratie – bis zum entscheidenden Sieg zu führen und dafür breite Schichten der Bauernschaft zu mobilisieren. Doch das neue revolutionäre Regime kann sich nicht auf bürgerliche Maßnahmen beschränken. Es wird unausweichlich in die privaten Eigentumsverhältnisse eingreifen und dazu übergehen müssen, das sozialistische Programm zu verwirklichen. Sein Erfolg auf diesem Weg hängt davon ab, ob es sich auf die neuesten technischen Errungenschaften der Weltwirtschaft stützen kann. Dies ist nur möglich, wenn auch in Europa siegreiche proletarische Revolutionen stattfinden.

Der Schlüssel zum Erfolg der russischen Revolution bestand also in ihrer Ausweitung und Unterstützung auf internationaler Ebene. Darin waren sich Lenin und Trotzki einig, als sie die Partei im Oktoberaufstand 1917 anführten.

Der Theorie der permanenten Revolution, die ursprünglich als Antwort auf die Bedingungen in Russland entwickelt worden war, kommt in der heutigen Zeit eine universale internationale Bedeutung zu. Sie erklärt, warum die sozialen Errungenschaften und grundlegenden demokratischen Rechte nicht mehr verteidigt werden können, ohne sich auf die unabhängige revolutionäre Mobilisierung der Arbeiterklasse und eine internationale sozialistische Perspektive zu stützen.

In Russland hat die Theorie der permanenten Revolution noch eine weitere historische Bedeutung. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis der bürokratischen Degeneration der Bolschewistischen Partei und des Sowjetstaa tes. Nach der Revolution sah sich die junge sowjetische Arbeiter- und Bauerndiktatur mit einer langen Phase der Isolation konfrontiert, und das unter Bedingungen ökonomischer und gesellschaftlicher Rückständigkeit, die auch durch die enormen Erfolge der industriellen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wirklich ausgeglichen werden konnten. Vor diesem Hintergrund setzte der Fäulnisprozess der bürokratischen Degeneration ein.

Der Sieg des Stalinismus, einer nationalistischen Reaktion gegen die internationale Oktober-Perspektive, kostete die sowjetische Gesellschaft zahllose sinnlose Opfer und wirtschaftliche und moralische Schäden und Entbehrungen, die zwar nicht unmittelbar mit dem Sozialismus zusammenhingen, aber den Glauben an ihn in der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse grundlegend erschütterten.

Eines seiner größten Verbrechen war der Massenterror während der Moskauer Schauprozesse. Das stalinistische Regime entfesselte in den 1930er Jahren einen blutigen Genozid an einer ganzen Generation von Arbeitern und Intellektuellen, von denen viele zu den besten marxistischen Kadern gehörten, die die lebendige Erfahrung und Kultur der Revolution repräsentierten. Das ungeheure Trauma des Großen Terrors konnte bis zum Ende der sowjetischen Periode nicht überwunden werden und trug dazu bei, dass sich die kapitalistische Restauration, die unter Gorbatschow begann, durchsetzte.

Auf internationaler Ebene fand die stalinistische Theorie des „Sozialismus in einem Land“ ihre Entsprechung in der Konzeption der „friedlichen Koexistenz mit dem Kapitalismus“. Statt den Aufbau revolutionärer kommunistischer Parteien und den Sturz des Kapitalismus in anderen Ländern voranzutreiben, sabotierte und unterdrückte die sowjetische Bürokratie systematisch den internationalen Kampf der Arbeiterklasse. Im Gegenzug wollte sie sich die Garantie der führenden imperialistischen Mächte sichern, dass sie das Regime der UdSSR nicht mit Gewalt stürzen würden.

Während sie die Arbeiterklasse politisch entwaffnete, verteidigte die Bürokratie weiterhin die verstaatlichten Eigentumsverhältnisse, die sie als Quelle ihrer materiellen Privilegien betrachtete. Doch selbst das tat sie mit ihren eigenen Methoden, die die Arbeiterklasse demoralisierten, ihren unabhängigen Geist, ihre Eigenständigkeit und Initiative unterdrückten und in unversöhnlichem Gegensatz zu den Aufgaben des sozialistischen Aufbaus standen.

Die sowjetischen Arbeiter empfanden einen tiefen Hass auf die neue aristokratische Nomenklatura. Die gesamte Geschichte der sowjetischen Gesellschaft vom Ende der 1920er Jahre bis Ende der 1980er Jahre war letztlich von zwei Tendenzen geprägt: einerseits den unablässigen Versuchen der herrschenden Bürokraten, ihre Kontrolle über die Eigentumsverhältnisse zu erweitern und somit der Wiedereinführung des Kapitalismus den Weg zu ebnen, und andererseits den spontanen Versuchen der sowjetischen Arbeiterklasse, einen Weg hin zum Programm einer neuen politischen Revolution zu finden, die sich auf die sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Oktoberrevolution stützt. Dieses Programm wurde von der Vierten Internationale formuliert und vertreten.

Der Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren und die Periode der sogenannten Stagnation unter Breschnew markierten einen bedeutenden Wendepunkt. Bis heute herrscht die Interpretation vor, dass die sowjetische Gesellschaft damals eine Zeit der Krise und des Niedergangs erlebt und das „kommunistische Projekt“ sich vollends erschöpft habe. Doch was diese Periode eigentlich kennzeichnete, war der zunehmende Übergang breiter Teile der Bürokratie hin zu einer Orientierung auf die Wiederherstellung der „Marktwirtschaft“.

An diesem Prozess waren einflussreiche Schichten der sowjetischen Intelligenz beteiligt. Zu den bekanntesten Vertretern gehörten der Schriftsteller Alexander Solschenizyn, der Physiker Andrej Sacharow und der Dichter Josef Brodsky. Von den jeweiligen Eigenheiten ihrer politischen Ansichten einmal abgesehen, zeichneten sie sich alle durch vehementen Antikommunismus und eine blinde Anbetung der bürgerlichen Gesellschaft aus.

Die Bewegung der „liberalen westlichen Dissidenten“, die vor diesem Hintergrund entstand, betrachtete sich lange Zeit als „demokratische“ Alternative zum offiziellen „Kommunismus“. Tatsächlich sprachen diese Kreise nur direkt und offen aus, was hinter vorgehaltener Hand in den Reihen der Bürokratie bereits breit diskutiert wurde und die immer deutlicher werdenden Neigungen der Bürokraten zum Ausdruck brachte.

Die „Dissidenten“ waren das Instrument, mit dem die stalinistische Bürokratie einen „Dialog“ mit dem imperialistischen Westen aufnehmen und gleichzeitig Pessimismus und Enttäuschung über die Perspektive des Sozialismus in der sowjetischen Gesellschaft verbreiten konnte.

Viele Dissidenten, die in den Jahren der Breschnew-„Stagnation“ die Sowjetunion verlassen hatten, mussten während der „Perestroika“-Periode unter Gorbatschow feststellen, dass man in den höchsten Rängen der KPdSU begann, ihre antikommunistischen Ideen zu predigen.

Im Westen teilten fast alle Gruppierungen, die heute zu den Pseudolinken zählen, die hysterische Begeisterung über Gorbatschows „Perestroika“ und „Glasnost“. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale war die einzige Organisation weltweit, die darauf bestand, dass Gorbatschows Politik nicht die „Renaissance des Sozialismus“, sondern eine völlige Abkehr von jedem Anschein des Marxismus und den Beginn der Restauration des Kapitalismus und damit des Zusammenbruchs der UdSSR darstellte.

Diese Analyse, die sich auf das politische und theoretische Erbe Trotzkis stützte, wurde im weiteren Lauf der Ereignisse vollständig bestätigt.

Am 3. Oktober 1991 – nur wenige Wochen nach dem erfolglosen August-Putsch, organisiert von konservativen Elementen der Sowjetbürokratie, und zwei Monate vor der offiziellen Auflösung der Sowjetunion – sprach David North in einem Arbeiterklub in Kiew. Dort erklärte er:

Wer argumentiert, die Sowjetunion bzw. das, was von ihr noch übrig ist, müsse nur in den Weltmarkt eintreten, um ihre jetzigen Probleme zu lösen, der verschließt einfach die Augen vor einer Reihe wichtiger historischer und ökonomischer Fragen. [...]

In diesem Land kann die kapitalistische Restauration nur stattfinden, wenn die bereits bestehenden Produktivkräfte und die davon abhängenden gesellschaftlichen Einrichtungen auf breiter Grundlage zerstört werden. Mit anderen Worten, die Integration der UdSSR in die Struktur der imperialistischen Weltwirtschaft bedeutet nicht die langsame Entwicklung einer rückständigen nationalen Wirtschaft, sondern die schnelle Zerstörung einer Wirtschaft, die zumindest für die Arbeiterklasse Lebensbedingungen geschaffen hat, die denen in den fortgeschrittenen Ländern weit ähnlicher sind als jenen in der Dritten Welt. (David North, „Nach dem Augustputsch: Die Sowjetunion am Scheideweg“, in: Vierte Internationale, Jg. 19, Nr. 1, Herbst 1992, S. 113f.)

Schaut man heute unter dem Eindruck der bitteren Erfahrung der postsowjetischen Geschichte zurück, so wäre es sehr naiv und eine völlige Missachtung der Tatsachen, würde man annehmen, die UdSSR hätte so schnell und mit solch katastrophalen Folgen zusammenbrechen können, wenn es keine kollektive Verschwörung der totalitären Bürokratie zur Zerstörung der Sowjetunion gegeben hätte. Vielmehr wurde diese Verschwörung in jahrelangen Verbrechen und im Verrat des Stalinismus gegen die Arbeiterklasse und die Perspektive des Sozialismus vorbereitet.

Doch nicht alle ließen sich von der Demagogie und der Lüge des „neuen Denkens“ blenden. Wadim Rogowin, ein bekannter sowjetischer Soziologe und Historiker, gehörte zu jenen, die verstanden, welche Beziehung zwischen dem Schicksal der Sowjetunion und der Perspektive des sozialistischen Internationalismus bestand, die heute im Programm des revolutionären Trotzkismus verkörpert ist.

Nachdem Wadim Rogowin enge Verbindungen zum Internationalen Komitee geknüpft hatte, verfasste er in kürzester Zeit – zwischen 1992 und 1998 – eine siebenbändige Studie zu der Frage „Gab es eine Alternative?“, die sich mit dem Kampf auseinandersetzt, den die Linke Opposition in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der internationalen Arbeiterbewegung in den 1920er und 1930er Jahren gegen die stalinistische bürokratische Degeneration geführt hatte. Bis heute ist dieses Werk ein herausragendes Beispiel historischer Forschung, vor allem angesichts des beschämenden Niedergangs in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft Russlands.

Bis heute ist das Verhältnis zu Trotzki der Prüfstein, der jene, die nach der objektiven historischen Wahrheit streben, von den vulgären Geschichtsfälschern unterscheidet, die ihre Fähnchen nach dem Wind drehen. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass Trotzki bis 1991 dafür verurteilt wurde, kein echter Bolschewik und Revolutionär gewesen zu sein, während er nach 1991 verleumdet wurde, weil er ein anerkannter Führer der Oktoberrevolution war.

Die meisten Bücher über Trotzki, die in den letzten Jahren in Russland erschienen sind, haben ein derart niedriges Niveau, dass sie eigentlich nicht der Erwähnung wert sind. Sie gehören zum trüben Sumpf des heutigen Neostalinismus, der den ideologischen Bedürfnissen der kapitalistischen Oligarchie entspricht. In ihrer verzerrten Darstellung erscheinen die Verbrechen Stalins als angeblich unvermeidliche und notwendige Begleiterscheinungen des Aufbaus einer großen nationalen Supermacht. Diese Arbeiten nehmen sich sogar erbärmlich aus, wenn man sie mit den stümperhaften Werken der neuen postsowjetischen Schule der Geschichtsfälschung vergleicht, die in der westlichen Geschichtswissenschaft entstanden ist und in diesem Buch detailliert untersucht und entlarvt wird.

Das Jahr des einhundertsten Jubiläums der Oktoberrevolution wurde zum Anlass einer neuen Runde aggressiver Angriffe auf Leo Trotzki. Ein besonders abstoßendes Beispiel ist die Serie Trotzki, die im November auf dem Ersten Kanal im russischen Staatsfernsehen gezeigt wurde. Trotzki wird dort als zynischer und rücksichtsloser Nietzsche-Typ dargestellt, ein Teufel und „Übermensch“, der über Leichen geht, um seine unersättlichen Machtgelüste zu stillen. Dieses mittelmäßige, obgleich kostspielige, und mit Antisemitismus durchsetzte Machwerk ist Ausdruck der tiefen Verachtung gegenüber der historischen – und auch der ästhetischen – Wahrheit, die in der heutigen russischen Intellektuellen- und Kulturelite vorherrscht.

Dieser Geisteszustand wird auf der Ebene der offiziellen Staatsdoktrin sanktioniert. Wenn es nach dem russischen Kulturminister Wladimir Medinski geht, so ist auch ein Mythos eine Tatsache. „Geschichte ist immer subjektiv und vermittelt“, behauptet er und betont ganz offen, dass das Ziel der Geschichtswissenschaft und -kultur aus seiner Sicht darin besteht, Mythen zu schaffen, die den Herrschenden nützen.

Gleichzeitig zeigen zahlreiche Umfragen, die im Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution durchgeführt wurden, dass die sowjetische Geschichte von großen Teilen der russischen Gesellschaft als etwas wahrgenommen wird, dessen Verlust eine echte Tragödie darstellt und im Bewusstsein der Bevölkerung eine bleibende Wunde hinterlassen hat. Auch wächst die Sympathie und positive Einstellung zum Oktober 1917. All dies sind unmissverständliche Anzeichen für eine spontane Entwicklung der Voraussetzungen eines neuen revolutionären Aufschwungs.

Der Autor dieser Zeilen ist fest davon überzeugt, dass der wirkliche Leo Trotzki und die mit seinem Namen untrennbar verbundene historische Wahrheit über die Oktoberrevolution und das Schicksal der Sowjetunion den Weg zu einer großen russischen Leserschaft finden werden. Das Buch von David North ist ein hervorragender Begleiter auf diesem Weg, den die Arbeiterklasse und breite Schichten der Jugend und Intelligenz in Russland gehen müssen, um endlich den Schleier der alten Lügen abzuwerfen und in der Vergangenheit die Antworten auf die Fragen zu finden, die heute so dringend nach einer Lösung verlangen.

Wladimir Wolkow

Sankt-Petersburg

27. Dezember 2017

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