Philip Roth und das beengte kulturelle Leben im Nachkriegsamerika

Von David Walsh
4. Juni 2018

Am 22. Mai starb der amerikanische belletristische Schriftsteller Philip Roth im Alter von 85 Jahren an Herzinsuffizienz. Der Autor von mehr als 30 Büchern hatte sich 2010 vom Schreiben zurückgezogen.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Goodbye, Columbus“ (1959), „Anderer Leute Sorgen“ (1962), „Portnoys Beschwerden“ (1969), „Zuckermans Befreiung“ (1981), Sabbaths Theater (1995), „Amerikanisches Idyll“ (1997), „Mein Mann, der Kommunist (1998) und „Der menschliche Makel“ (2000).

Roth wurde im März 1933 in Newark, New Jersey, als Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie geboren. Sein Vater war Versicherungsmakler. Der spätere Autor besuchte die Bucknell University in Pennsylvania, danach absolvierte er ein Aufbaustudium an der University of Chicago.

Mit seiner Novelle „Goodbye, Columbus“ stellte Roth sich und einige seiner Themen dem Publikum vor. Ein Junge aus dem jüdischen Kleinbürgertum, der in der Newark Public Library arbeitet, verliebt sich in ein Mädchen, das am Radcliffe College studiert. Sie stammt aus einer betuchteren, angepassten jüdischen Familie. Der Titel bezieht sich auf die Loyalität, die der Bruder des Mädchens für die „durch und durch amerikanische“ Ohio State University (in Columbus) empfindet, an der er studiert. Der Erzähler kommt letztendlich zum Schluss, dass es nicht seine Welt sein kann.

Roth beschäftigte sich immer wieder mit den Zügen des amerikanischen Nachkriegslebens, vor allem insofern es den jüdischen Mittelstand betraf. Seine Satire über diese Welt war schonungslos. In der Tat brachten ihm andere Geschichten aus der Sammlung „Goodbye, Columbus“ wütende Kommentare aus dem jüdischen Establishment ein. Er wurde 1962 bei einem Auftritt an der Yeshiva-Universität in New York so heftig kritisiert, dass er gelobte, nie wieder über jüdische Typen zu schreiben, ein Versprechen, das er offensichtlich nicht einhielt.

„Goodbye, Columbus“ (1959)

Mit „Portnoys Beschwerden“ machte sich Roth einen Namen. Das Buch hat die Form eines Monologs, den Alexander Portnoy, ein jüdischer Junggeselle mit Mutterkomplex, seinem Pychiater hält. Roth wählte den Rahmen der Patienten-Therapeuten-Beziehung, weil dieser ihm erlaubte, „die intimen, beschämenden Details und die grobe, beleidigende Sprache in meine Geschichte einzubauen (...) In einer anderen erzählerischen Umgebung wäre es mir pornographisch, exhibitionistisch und nichts weiter als obszön vorgekommen.“

Der offenherzige Umgang mit sexuellen Themen, einschließlich derjenigen, die als „pervers“ gelten, wurde zu Roths Markenzeichen. In „Die Brust“ (1972), in der er sich an Franz Kafkas „Die Verwandlung“ anlehnt, verwandelt sich der männliche Protagonist David Kepesh in eine 150 Pfund schwere weibliche Brust.

Vor einigen Jahren stellten wir fest: „In den Werken ‚Portnoys Beschwerden‘, ‚Mein Leben als Mann‘, ‚Professor der Begierde‘, ‚Die Anatomiestunde‘, ‚Gegenleben‘, ‚Sabbaths Theater‘ und eigentlich in all seinen Werken hat Roth mehrere Hauptunzulänglichkeiten und Zwangslagen unserer Zeit verarbeitet. Er schrieb über die Beziehungen innerhalb der Familie und zwischen den Geschlechtern, über Amerika, über die Juden, über den Widerspruch zwischen der Unendlichkeit des Begehrens und der Endlichkeit von Beziehungen, über Freiheit und Unterdrückung, über den Konflikt zwischen dem Wunsch, ein ernsthaftes Leben mit edler Gesinnung zu führen, und all dem, was einen zum Grenzenlosen und Sinnlichen treibt.“

Philip Roth, 1973

Roth verfügte über verbale Brillanz und Breite, wie sie in der Nachkriegszeit wahrscheinlich kein anderer amerikanischer Romanschriftsteller erreichte. Er konnte enorm subversiv und komisch sein. Er verspottete viele heilige Kühe und entzauberte viele nationale Mythen. Die Art, wie er seine eigenen Schwächen und die seiner Freunde und Liebhaberinnen behandelte, war oft schonungslos.

In dem bereits erwähnten Artikel haben wir geschrieben: „Auffällig ist auch Roths eigensinnige, vielleicht heroische (und in der heutigen Zeit sicher außergewöhnliche) Weigerung, seine Protagonisten und ihre Schwierigkeiten formelhaft zu zeichnen. Er hat während seiner ganzen Karriere beschrieben, wie Männer und Frauen sich gegenseitig quälen, und die psychologischen und bis zu einem gewissen Grad soziologischen Bedingungen geschildert, die dieser Qual zugrunde liegen, ohne für eine Sekunde den Stachel und ihren Wahnsinn aus der Wunde zu ziehen. Seine ,Erklärungen‘ sind zu keinem Zeitpunkt Entschuldigungen oder beruhigende Versprechen, dass die Dinge besser werden. In seinen besten Schriften begreift man, oder hat die Möglichkeit zu begreifen, warum diese Menschen einander diese Dinge antun (und vielleicht warum wir ebenso handeln), aber nichts von der tatsächlichen Erfahrung, wie sie erlebt und gefühlt wird, ist weggelassen oder aufgelöst. Das ist eine seltene Leistung.“

Aber ein Schriftsteller schreibt nicht unter Bedingungen seiner Wahl, und künstlerische Größe entspringt nicht allein dem Willen. Einige Epochen sind günstiger für Genies als andere. Roth wuchs während des Kalten Kriegs auf, und die Begrenztheit des intellektuellen Lebens in dieser Epoche Amerikas beeinflussten auch ihn, selbst wenn er sie vielleicht verflucht und sogar gegen ihre Grenzen rebelliert hat.

Seine sogenannte Amerikanische Trilogie („Amerikanisches Idyll“, „Mein Mann, der Kommunist“ und „Der menschliche Makel“ – alle erst veröffentlicht, als der Autor schon über 65 Jahre alt war), bestätigen Roths enorme Stärken und auch seine wirklichen Schwächen, oder vor allem die Schwächen seines sozialen Milieus. Die beiden ersten Bücher sind es wert, in der Reihenfolge, in der wir sie auf der World Socialist Web Site besprochen haben, etwas näher zu betrachten.

„Amerikanisches Idyll“ (1997)

Mein Mann, der Kommunist“ erzählt die Geschichte von Ira Ringold, einem Mitglied der Kommunistischen Partei. Sein Leben wird Anfang der 1950er-Jahre in den McCarthy-Tagen aufgrund seiner Beziehung zu der bekannten Schauspielerin, Eve Frame, zerstört. Als Eve erfährt, dass Ira eine Affäre hat, zeigt sie ihn bei den Hexenjägern an und schreibt ein Enthüllungsbuch mit dem Titel „Mein Mann, der Kommunist“. Der Erzähler dieser Geschichte ist Iras Bruder, Murray Ringold.

Das Buch enthält viele bemerkenswerte Elemente. Roth ist ein unversöhnlicher Gegner der Hexenjäger und ihrer Anhänger. Murrays Schilderung des Begräbnisses von Richard Nixon zum Beispiel, an dem die fiktionalen McCarthy-Leute teilnehmen, ist unvergesslich.

„Freilich konnte man das ganze Begräbnis unseres siebenunddreißigsten Präsidenten kaum ertragen“, sagt Murray. Nach dem Absingen aller patriotischen Lieder, „die nur dazu da sind, die Leute am Denken zu hindern und in Trance zu versetzen“, fährt er fort: „Dann übernehmen die Realisten das Kommando, die Experten im Abschließen und Brechen von Verträgen, die Meister der schamlosesten Methoden zur Vernichtung eines Gegners, die Leute, für die moralische Bedenken immer ganz hinten anstehen müssen, und reden all das wohl bekannte, leere, heuchlerische Zeug, das von allem Möglichen handelt, nur nicht von den wahren Leidenschaften des Verstorbenen. [Bill] Clinton preist Nixon für seinen ,bemerkenswerten Weg‘ und spricht, fasziniert von seiner eigenen Aufrichtigkeit, mit leiser Stimme seinen Dank für all die ,klugen Ratschläge‘ aus, die Nixon ihm gegeben habe. Gouverneur Pete Wilson versichert allen Anwesenden, bei Richard Nixon würden die meisten Menschen an seinen ‚turmhohen Intellekt‘ denken. [Robert] Dole und sein Schwall weinerlicher Klischees. ,Doktor‘ [Henry] Kissinger, hochgesinnt, tiefgründig, die Tonart zu geschwollenster Bescheidenheit moduliert – und die ganze kalte Autorität dieser Stimme in Schleim getaucht – zitiert keinen geringeren Nachruf als den Hamlets auf seinen ermordeten Vater, um ,unseren mutigen Freund‘ zu beschreiben. ,Er war ein Mann; nehmt alles nur in allem; ich werde nimmer seinesgleichen sehn‘.“

Aber manches in „Mein Mann, der Kommunist“ ist auch problematisch. In einer Besprechung von 1999 bemerkten wir:

„Roth betrachtet das stalinistische Milieu von einer liberalen oder reformistischen Warte aus. Auf Schwierigkeiten stößt er (…) wenn sein Blickwinkel ihn dazu nötigt, die Attraktion, welche die kommunistische Partei anfangs auf Ira ausübt, irgendwie als illegitim oder schlecht darzustellen. Allerdings ist das einzige wirklich aufgesetzte, nicht überzeugende Element die melodramatische Offenbarung gegen Ende des Buchs, dass Ira als Jugendlicher in Newark einen Mann, einen italienischen Antisemiten, im Straßenkampf ermordet habe. Dem Leser wird ein Zusammenhang dieser Mordtat des Protagonisten mit seinen politischen Bestrebungen nahegelegt, gerade so als ob bei jedem, der sich von der Perspektive der sozialen Revolution angezogen fühlt, eine Schraube locker wäre. (,Sein ganzes Leben hatte er nach einem Weg gesucht, um niemanden zu töten.‘) Hier scheinen mir die politischen Vorurteile des Autors mit seiner Kunst in Konflikt zu geraten, zum Nachteil der Letzteren.“

Dasselbe Problem tritt auch bei dem früheren Buch „Amerikanisches Idyll“ auf. Es erzählt die Geschichte einer Familie aus der oberen Mittelschicht von Newark, den Levovs, deren Existenz zerstört wird, als die jugendliche Merry Levov zur Terroristin vom Typ der Weatherman-Gruppe (1) wird und eine Bombe legt, die einen unschuldigen Passanten tötet. Es gibt viele brillante, aussagekräftige Einzelheiten und Sequenzen in diesem Roman, aber der Autor ist letztlich wegen seiner sozialen Vorurteile nicht in der Lage, eine linke Terroristin realistisch zu erschaffen.

2016, als eine Filmversion des Romans unter der Regie von Ewan McGregor herauskam, erklärten wir Folgendes, was vielleicht meine widersprüchlichen Gefühle über Roth zusammenfasst:

„Im Großen und Ganzen ist ‚Amerikanisches Idyll‘ ein wundervoll geschriebenes, reiches, witziges und zugleich tieftrauriges Werk. Roth befindet sich hier auf der Höhe seines Könnens. Eine Vielzahl von Charakteren tritt auf, und die meisten von ihnen werden menschlich und verständnisvoll behandelt, sogar, wo das möglich ist, mit Zärtlichkeit (...)

Roth schreibt über viele Dinge mitunter amüsant und gleichzeitig schmerzhaft, auch über die Schwierigkeit, andere Menschen jemals zutreffend zu schildern: ,Man kämpft gegen seine Oberflächlichkeit, seine Seichtheit, um ohne irreale Erwartungen, ohne ein Übermaß an Vorurteil, Hoffnung und Überheblichkeit an die Menschen heranzugehen, man versucht so wenig panzerhaft wie möglich zu sein, ohne Kanonen, Maschinengewehre und fünfzehn Zentimeter dicke Stahlpanzerung; man nähert sich ihnen, anstatt den Rasen mit Panzerketten aufzureißen, unbedrohlich auf Zehenspitzen, man lässt sich unvoreingenommen auf sie ein, man behandelt sie als Seinesgleichen, von Mann zu Mann, wie wir früher zu sagen pflegten, und doch wird man sie unfehlbar missverstehen. Ebenso gut könnte man tatsächlich das Gehirn eines Panzers haben ... Und doch, wie sollen wir uns denn in dieser furchtbar wichtigen Angelegenheit verhalten, die man die anderen Leute nennt, und die jeden Sinns, den wir ihr beilegen, beraubt wird und stattdessen einen Sinn annimmt, der einfach lachhaft ist, so schlecht sind wir alle dafür gerüstet, die inneren Vorgänge und geheimen Absichten des jeweils anderen zu erkennen? Sollen sich denn alle zurückziehen und die Tür verschließen und abgeschieden wie die einsamen Schriftsteller in einer schalldichten Zelle sitzen, Menschen aus Worten formen und dann behaupten, dass diese Wortmenschen der Wirklichkeit näher sind als die wirklichen Menschen, die wir Tag für Tag mit unserer Ignoranz verstümmeln? Jedenfalls bleibt die Tatsache, dass es im Leben nicht darum geht, Menschen richtig zu verstehen. Leben heißt, die anderen misszuverstehen, sie immer und immer wieder misszuverstehen und sie dann, nach reiflicher Erwägung, noch einmal misszuverstehen. Daran merken wir, dass wir am Leben sind: Wir irren uns. Vielleicht wäre es das Beste, gar nicht mehr darüber nachzudenken, ob man jemanden falsch oder richtig versteht und sich einfach treiben zu lassen. Aber wer das kann – das ist wahrlich ein glücklicher Mensch.‘

Man könnte die Auffassung vertreten, dass Roths Roman ein tiefgründiges Buch ist über fast alles, außer über sein zentrales Thema, das amerikanische Nachkriegsleben.

Das Buch ist einfach nicht schlüssig. Merry als Charakter ist nicht schlüssig. Es reicht nicht, sie zur ,Monster-Tochter‘ zu machen, zur ,wütenden, rücksichtslosen, auf alles spuckenden Tochter‘. Der Schwede [Merrys Vater] geht selbstgefällig davon aus, dass er aufbrechen und Newark verlassen kann, um in einer halbländlichen Gegend mit seiner Schönheitsköniginnen-Ehefrau zu leben und ein vollkommenes Kind heranzuziehen, und dass alles immer so weitergeht. Stattdessen, so Roth, reißt die Tochter ‚zusammen mit dem Jahrzehnt [die 1960er-Jahre] seine individuelle utopische Gedankenwelt in Fetzen … Die Tochter, die ihn aus dem ersehnten amerikanischen Idyll in etwas hinein stürzt, was dessen Gegensatz und Gegner ist, in die Raserei, die Brutalität und Verzweiflung der Gegenidylle – in den typisch amerikanischen Amoklauf.‘

Der Schwede ist ,unser Kennedy‘, ein Mann, ,dem die Gründe für seine Unzufriedenheit selbst kaum bekannt waren‘, ein Mann ,der sich auf der Höhe seines Lebens jäh dem Schrecken der Selbstbetrachtung ausgeliefert sah. Die ganze Normalität – von einem Mord zerrissen.‘ Es wird jedoch niemals ganz klar, ob der Schwede in gewisser Weise sein Schicksal ,verdient‘ hat, weil er, was das Leben angeht, so verblendet und fehlgeleitet ist, oder ob er einfach das Pech hat, eine Psychopathin erzeugt zu haben.

Was soll das aber sein, ein ,typisch amerikanischer Amoklauf‘? Auch wenn Roth natürlich nicht zugestimmt hätte, sind die Ausbrüche individueller Gewalt, die ihm als völlig verrückt erscheinen, letzten Endes doch bloß ein besonderer Ausdruck der Barbarei, welche die gesamten sozialen Beziehungen in Amerika prägt. Diese ,demokratischste Republik‘ hat schon immer den rücksichtslosesten Klassenkampf hervorgebracht und weist eine herrschende Elite auf, die von Kopf bis Fuß im Wesentlichen kriminell ist. Es ist die offizielle, alltägliche, staatlich geförderte und staatlich organisierte Gewalt, die sich machtvoll überträgt und auf die verletzlichsten Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft übergreift.

Der Roman geht leichtfertig über den blutigen Aufstand von Juli 1967 in Newark hinweg, der sechs Tage dauerte und bei dem die Nationalgarde in den Straßen der Stadt eingesetzt wurde. Der Aufstand wird weitgehend vom Standpunkt des Kleinunternehmers aus betrachtet, der befürchtet, dass ihm die Fenster eingeschlagen werden. Roth hat das Recht, jeden Standpunkt einzunehmen, den er möchte. Aber ist er denn nicht in der Lage, die Verbindung zwischen dem allgemeinen Zustand der amerikanischen Gesellschaft und der Heftigkeit des Aufruhrs zu erkennen, ob er ihn nun billigt oder nicht? (Oder war das einfach wieder der ,amerikanische Amoklauf‘?) War der Aufruhr eine Verirrung, ein ,Rassenaufstand‘ – oder ein Ausdruck der wirklichen Verhältnisse im Land, wie sie sich in einer besonders heruntergekommenen Industriestadt zeigten? Und heute ist die soziale Ungleichheit viel größer, und der wirtschaftliche Niedergang ist viel weiter fortgeschritten als 1967.

Roth empört sich über Merry, ,die Mörderin‘. Seine Einstellung zu ihr ist extrem, fast gewalttätig. Ihre Taten in dem Roman sind sicherlich nicht zu rechtfertigen. Aber die Weathermen und ähnliche Untergrundbewegungen, so desorientiert und politisch bankrott sie auch waren, schafften es über mehrere Jahre hinweg, gerade mal eine Handvoll Menschen (darunter eigene Mitglieder) umzubringen, während die US-Regierung und das Militär gleichzeitig drei bis vier Millionen Vietnamesen ermordeten und weitere Millionen verletzten oder verstümmelten. In Massakern zerstörten sie ganze Dörfer und Gemeinden, wie zum Beispiel My Lai, und sie warfen acht Millionen Tonnen Bomben ab (mehr als doppelt so viel wie im Zweiten Weltkrieg in Europa und Asien). Sie versprühten über 700 Millionen Liter Herbizide wie Agent Orange, und sie schossen aus Flammenwerfern Napalm, das Temperaturen von über tausend Grad Celsius erreichte (...)

Der 1933 geborene Roth war durch den Kalten Krieg, den Antikommunismus, die Illusionen in die amerikanische Demokratie und die wirtschaftliche Macht stärker geprägt, als ihm selbst vielleicht bewusst war. In ‚Amerikanisches Idyll‘ gestattete er sich nicht, sich der Wut und Scham zuzuwenden, wie sie vor allem junge Menschen über die unaussprechlichen Verbrechen empfanden, die in ihren Namen begangen wurden. Tatsächlich sind damals einige darüber fast verrückt geworden.

Leider hat Roth in seinem in vieler Hinsicht bemerkenswerten Roman einen einfachen Ausweg gewählt und Merry in eine eindimensionale Irre verwandelt. Das war Roths ,Anteil am Schwanz des [liberalen] Philisters‘.“

Letztlich erwies sich der liberale Antikommunismus, selbst in Roths scharfsinniger und radikaler Variante, als eine zu enge Grundlage, um die Gesellschaft in den USA hinreichend zu durchdringen. Ein Künstler muss die gesamte soziale Ordnung ablehnen können. Diese Möglichkeit wurde in gefährlicher Weise durch den Teufelspakt ausgeschlossen, den der amerikanische Liberalismus in der Nachkriegszeit im Namen des Widerstands gegen den feindlichen „sowjetischen Totalitarismus“ mit den finstersten Vertretern des Imperialismus schloss.

Dass Roth immer und immer wieder auf Sex zurückgriff und sich weitgehend auf die zwischenmenschliche Kriegsführung konzentrierte, besessen vom „Amoklauf“ im Alltag und von intensiver und absichtlicher Grausamkeit im Umgang mit sekundären und sogar tertiären Problemen, all dies ist in erster Linie das Ergebnis einer Situation, in der objektive soziale und intellektuelle Umstände einen Schriftsteller einengen.

Es zählt nicht zu Roths Verdiensten – auch wenn es keine große Überraschung war –, dass er sich 2009 als „Anhänger Obamas“ bezeichnete und behauptete, der neue Präsident werde „sein Bestes tun“. Besonders unerfreulich war Roths spätere Behauptung, Obamas elende, ichbezogene Autobiografie („Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie“) sei „gut gemacht, sehr überzeugend und denkwürdig“. Obama verlieh Roth im März 2011 bei einer Zeremonie im Weißen Haus die National Humanities Medaille.

In mehreren moralischen und intellektuellen Fragen bewahrte sich Roth jedoch seine Unversöhnlichkeit. So hielt er nichts von den Patentlösungen der Identitätspolitik und geriet in den letzten Jahren aus diesem Lager genauso unter Beschuss wie von prominenten Juden zu Beginn seiner Karriere. Er wurde absurderweise beschuldigt, ein Frauenfeind zu sein, weil er in seine Protagonistinnen genauso viel hineinlegte wie in die männlichen Charaktere. Roth ließ sich nicht von dem Mythos verleiten, dass der weibliche Teil unserer Spezies ohne Sünde zur Welt käme. Seine weiblichen Charaktere sind zu dem größten und üppigsten emotionalen Terrorismus und Verrat fähig.

Als er 2014 zum Vorwurf der Frauenfeindlichkeit befragt wurde, antwortete Roth weitsichtig, dass diese Anschuldigung, obwohl absurd, „nicht gerade eine harmlose Belustigung“ sei. Er fuhr fort: „In manchen Kreisen ist ,Frauenfeindlichkeit‘ jetzt ein Wort, das fast ebenso bedenkenlos verwendet wird, wie es in den 1950er-Jahren das Wort ,kommunistisch‘ bei den McCarthyisten war – und es erfüllt genau den gleichen Zweck.“

Roth fasste seine Sicht auf die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zusammen und verwies auf „sehr wenig Wahrhaftigkeit, allenthalben Antagonismus, zu viel Widerwillen, um die gigantische Heuchelei oder die furchterregenden Leidenschaften in Schach zu halten. Da ist die gemeine Bösartigkeit, die sich schon im Abdrücken entfernter, explosiver Waffen in den Händen von Widerlingen zeigt, oder die düstere Auflistung unsagbar gewaltsamer Ereignisse, die unaufhörliche Zerstörung der Biosphäre für Profit, der Überwachungs-Overkill, der uns heimsuchen wird, die große Konzentration von Reichtum, durch den besonders undemokratische, böswillige Menschen hierzulande finanziert werden, Analphabeten der Wissenschaft, die nach 89 Jahren noch immer gegen den Scopes-Prozess (2) kämpfen, wirtschaftliche Ungerechtigkeiten von der Größe des Ritz, allenthalben Verschuldung, Familien, die nicht wissen, wie schlimm die Dinge noch werden können, aus allem wird Geld herausgepresst – diese Raserei der (keineswegs neuen) Regierung, durch die das Volk in der repräsentativen Demokratie durch die großen finanziellen Interessen, die alte amerikanische Plutokratie, schlimmer als je zuvor herausgedrängt wird.“

Die besten Romane von Roth werden Bestand haben.

(1)Weathermen: Militante Untergrundorganisation in den USA, war Ende der 1960er-/ Anfang der 1970er-Jahre aktiv und beging Bombenanschläge aus Protest gegen den Vietnamkrieg.

(2)Beim  Scopes-Prozess handelt es sich um einen Prozess vor einem Gericht in Dayton im Bundesstaat Tennessee von 1925, bei dem es um ein im selben Jahr verabschiedetes Gesetz ging, welches verbot, Theorien zu lehren, die der biblischen Entstehungsgeschichte der Menschheit widersprechen.

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