68. Internationale Berliner Filmfestspiele

„Waldheims Walzer“: Ein zeitgemäßer Film über den früheren österreichischen Bundespräsidenten

Von Stefan Steinberg
28. März 2018

Ruth Beckermanns Film „Waldheims Walzer“ wurde auf der 68. Berlinale gezeigt, die vom 15. bis zum 25. Februar 2018 stattfand.

„Waldheims Walzer“, ein Film der versierten österreichischen Regisseurin Ruth Beckermann, ist ebenso bedeutsam wie zeitgemäß. Der Dokumentarfilm setzt sich mit dem Wahlkampf des rechten Politikers Kurt Waldheim 1985–1986 auseinander, als dieser für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte.

Während dieses Wahlkampfs und der nachfolgenden Wahl im Juni 1986 wurde offenbar, welche Rolle die österreichische Führungsschicht während des Zweiten Weltkriegs gespielt hatte.

Filmszene mit Kurt Waldheim

Kurz nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 und noch vor dem Krieg war Waldheim dem Nationalsozialistischen Studentenverband (NSDStB) beigetreten, der der NSDAP angeschlossen war. Kurz darauf wurde er Mitglied bei den Braunhemden der SA-Reiterstandarten.

Während des Krieges diente Waldheim im Führungsstab der Heeresgruppe E der deutschen Wehrmacht, die sich von 1942 bis 1945 auf die Bekämpfung von Partisanen in Griechenland und Jugoslawien spezialisiert hatte. In dieser Funktion war er schon von 1943 an Mitglied des deutschen Generalstabs in Thessaloniki. Die Heeresgruppe E war an den Deportationen der jüdischen Bevölkerung der Stadt und ihrer Vernichtung in Konzentrationslagern beteiligt. Bis zu dieser Zeit war etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt jüdisch.

Waldheim verschwieg seine Aktivitäten aus dieser Zeit und war nach dem Krieg in der Lage, eine erfolgreiche Karriere als Politiker zu beginnen. Er war von 1968 bis 1970 österreichischer Außenminister, von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen und schließlich von 1986 bis 1992 österreichischer Bundespräsident. Waldheims Lügen und Verschleierungen bezüglich seiner Vergangenheit waren symptomatisch für die Haltung der gesamten österreichischen Elite.

Wie Beckermann in dem folgenden Interview betont, behaupteten die österreichischen Führungseliten nach dem 2. Weltkrieg, dass Österreich als erstes Land Hitler zum Opfer gefallen sei, und sie betonten immer wieder, wie viele Österreicher im Krieg gefallen waren (darunter auch alle österreichischen Bürger, die an der Seite der Nazis gekämpft hatten). In dieser Version der Geschichte wurde die Rolle des Landes beim Holocaust höchst effektiv ausgeblendet. Das war die große Lüge des österreichischen Establishments.

Filmposter

Welche Rolle Waldheim im Krieg wirklich gespielt hatte, wurde durch Forschungen des in den USA ansässigen Jüdischen Weltkongresses (WJC) aufgedeckt. Als junge Frau war Ruth Beckermann Mitglied einer ursprünglich sehr kleinen Aktivistengruppe, die politisch intervenierte und über Waldheims Wahlkampf berichtete. Im Film werden Beckermanns eigene Videoaufnahmen von Demonstrationen für oder gegen Waldheim aus dieser Zeit mit sorgfältig ausgewählten Dokumenten kombiniert, darunter Zeugenaussagen von Mitgliedern des WJC, Fernsehinterviews mit Waldheim und mit vielen weiteren am Wahlkampf Beteiligten.

In der zunehmend aufgeheizten Atmosphäre des Walkampfs verteidigten die Unterstützer Waldheims ihren Kandidaten mit aller Kraft und wurden immer feindseliger gegen diejenigen, die ihn, wie Beckermann, dazu aufforderten, zu seiner Kollaboration mit den Nazis während des Kriegs Stellung zu nehmen. Zu den aggressiven Reaktionen der Waldheim-Unterstützer gehörten offen antisemitischer Hohn und Drohungen.

1996 schloss Beckermann ihren Film „Jenseits des Krieges“ ab, der sich mit einem verwandten Thema befasste, der Deutschen Wehrmachtsausstellung von 1995. Dabei handelte es sich um das erste derartige Ereignis im Nachkriegsdeutschland, das sich mit den Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. Die Wanderausstellung wurde in 33 deutschen und österreichischen Städten gezeigt und zählte ungefähr 800.000 Besucher.

In ihrem Dokumentarfilm interviewte Beckermann Besucher der Ausstellung, die entweder Nazi-Verbrechen erlebt hatten oder selbst an welchen beteiligt waren. In ihrem Filmjournal notierte sie damals: „Das Filmmaterial soweit durchgesehen. Da sind sie wieder, die Männer, die ich während des Waldheimwahlkampfs vor zehn Jahren gefilmt habe.“

Filmszene mit Kurt Waldheim

Jetzt, mehr als 30 Jahre später, ist der neue Film von Beckermann von höchst aktueller Bedeutung, denn das Land wird heute von einer Koalition aus Österreichischer Volkspartei (ÖVP) und der rechtsextremen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) regiert.

Ich sprach mit Ruth Beckermann:

Stefan Steinberg: Können Sie etwas zur Bedeutung Ihres Films über Kurt Waldheim bezüglich der Nachkriegsgeschichte Österreichs erklären?

Ruth Beckermann: Nach dem Zweiten Weltkrieg behauptete Österreich, es sei Hitler zum Opfer gefallen. Das war die große Lüge des Landes. Teil dieser Lüge war es, die Rolle Österreichs bei der Unterdrückung der Juden zu verschleiern. Ich erinnere mich, dass mir, als ich klein war, ein Nachbarskindeinen traditionellen jüdischen Leuchter, einen Menorah, zeigte. Das Nachbarkind sagte, der sei ihm geschenkt worden, aber ich wusste schon damals, dass er offensichtlich Teil von Eigentum war, das den Juden gestohlenen worden war, und dass Juden damals in die Lager geschickt wurden.

So etwas war in Österreich nach dem Krieg allgemein bekannt, aber niemand sprach darüber. Während der Waldheim-Affäre kam all das zum ersten Mal ans Licht. Das war von enormer Bedeutung.

Es hatte schon vorher, z. B. in den 1960er Jahren, Gerüchte über Waldheims Vergangenheit gegeben. Aber die Publicity während seines Wahlkampfs 1986 ermöglichte es, eine wichtige Debatte über seine Rolle zu führen und über die Rolle Österreichs unter den Nazis überhaupt. Auch das Ausmaß des immer noch herrschenden Antisemitismus wurde dadurch aufgedeckt.

Der Zeitpunkt der Affäre war bedeutsam. 1986 war auch der Beginn des politischen Aufstiegs von Jörg Haider [1950-2008], des Vorsitzenden der faschistischen Freiheitlichen Partei. Wie es scheint, hat der allmähliche Rückzug des einen Rechten, Waldheims, dem anderen Rechten den Aufstieg ermöglicht.

Der Unterschied zwischen beiden ist, dass Haider offen über die Rolle Österreichs im Krieg sprach, während Waldheim versuchte, sie zu verheimlichen. Als er nicht länger in der Lage war, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu leugnen, reagierte er in der allbekannten Manier, das heißt, er tat so, als habe er bloß seine Pflicht erfüllt.

[In einem Interview mit dem Sender ORF im März 1986 behauptete Waldheim: „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt“, – Steinberg].

Was Waldheim angeht, so war dies nicht falsch. Seine Familie war vor dem Krieg eng mit der Österreichischen Volkspartei [genau genommen ihrer Vorgängerin, der Christlichsozialen Partei] verbunden. Wenn Waldheim in dieser Partei politisch Karriere machen wollte, dann musste er sich mit den Nazis arrangieren.

Ruth Beckermann, 2018 (Fotografie: Manfred Werner)

Stefan Steinberg: Im Film werden wir Zeugen der bemerkenswerten Erklärung des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) und Bundeskanzlers Fred Sinowatz.

Ruth Beckermann: Wenn man die politischen Parteien und wichtigsten Institutionen wie die Polizei, die Armee, die Justiz untersucht, dann gab es in der Periode seit dem Krieg eine breite personelle Kontinuität, auch bei der SPÖ. Das erklärt, warum die Sozialdemokraten den Konservativen einen politischen Deckmantel verschafften. Sie behaupteten, Waldheim sei auch durch seinen Dienst bei der SA-Reiterstandarte nicht zum Nazi geworden. Als Sinowatz im Fernsehen auf die Vorwürfe gegen Waldheim angesprochen wurde, meinte er: „Waldheim war kein Nazi, das war nur sein Pferd.“

Stefan Steinberg: Welche Rolle spielten die USA in der Waldheim-Affäre?

Ruth Beckermann: Washington versuchte, die Waldheim-Affäre zu benutzen, um die Vereinten Nationen zu untergraben. Es war eine Zeit der Entkolonialisierung. Mehrere Nationen hatten sich von der Kolonialherrschaft befreit und waren erstmals in der Lage, vor den Vereinten Nationen zu sprechen.

Damals war die PLO [Palästinensische Befreiungsorganisation] aktiv. Unter diesen Bedingungen versuchte die US-Regierung, den Fall Waldheim zu nutzen, um die Uno zu untergraben und zu diskreditieren. 1987 kündigte das Justizministerium der USA an, es wolle Waldheim auf die „watchlist“ setzen, der zufolge er nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen durfte.

Stefan Steinberg: Ihr Film ist wegen der augenblicklichen Lage sehr wichtig, denn Österreich wird gegenwärtig von einer Koalition aus ÖVP und der extrem rechten Freiheitlichen Partei regiert. Führende deutsche Presseorgane unterstützen die neue Koalition mit dem Argument, dass die FPÖ jetzt zum Mainstream gehöre.

Ruth Beckermann: Die Freiheitliche Partei gehört nicht zum Mainstream. Das ist nicht wahr. Am Jahresanfang ging einer der Minister der neuen Regierung, der Innenminister Herbert Kickel, so weit zu erklären, er wolle Flüchtlinge und Asylbewerber „an einem Ort konzentrieren“. Er sagte, sie sollten in besonderen Zentren „konzentriert“ werden [was natürlich als Anspielung auf Konzentrationslager aufgefasst wurde.]

Zur Zeit der ersten österreichischen Regierung, an der die FPÖ im Jahr 2000 beteiligt war, galt es als normal, dass man sich von dieser Partei Haiders distanzierte, zum Beispiel auch in der Europäischen Union. Heute sagt keiner etwas dazu.

[Der rechtsextreme ungarische Premierminister] Victor Orbán war in Wien, um mit der neuen Regierung gemeinsame Pläne zu schmieden. Die Freiheitliche Partei hat Schlüsselministerien übernommen und entwickelt ihre Politik für die Zukunft. Es ist eine gefährliche Situation.

(Das Interview wurde auf Englisch geführt.)

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