Stimmen an der Basis widersprechen rechter Kampagne um Essener Tafel

Von Philipp Frisch
10. März 2018

Nach der Entscheidung des Vorstands der Essener Tafel um Jörg Sartor, nur noch Deutsche für die Essensausgabe der ehrenamtlichen Hilfsorganisation zu registrieren, ergoss sich aus den deutschen Redaktionsstuben und Parteizentralen eine üble, fremdenfeindliche Kampagne.

Sartor hatte sein Vorgehen offen rassistisch begründet. Flüchtlinge würden an seiner Tafel im „Rudel“ auftreten, hätten ein „Nehmer-Gen“ und würden die „deutsche Oma“ verdrängen, so der Tafel-Vorsitzende.

Eine breite Allianz, die von der AfD über die F.A.Z. bis zur Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, reichte, verteidigte die Entscheidung und machte sie zum Ausgangspunkt weiterer flüchtlingsfeindlicher Ergüsse. Die Politiker und Medien, die selbst für die soziale Katastrophe verantwortlich sind, versuchen die Flüchtlinge zum Sündenbock zu machen und so die Schwachen gegen die Schwächsten auszuspielen.

Wer die rassistische Entscheidung der Tafel kritisiert, wird als realitätsfern diffamiert. Tatsächlich sind es die rechten Scharfmacher, die mit Verdrehungen, Auslassungen und offenen Lügen arbeiten, um ihre reaktionäre Kampagne voranzubringen. Das zeigt sich, wenn man mit den Betroffenen und den Helfern vor Ort spricht.

Wartende an der Essener Tafel

Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Jürgen Kaube, lieferte in seinem Blatt den wohl abstoßendsten Kommentar zu den Ereignissen. Kaubes notorische Verteidigung der rechtesten politischen Standpunkte kommt mit einem besonders gehässigen Ton gegenüber Kritikern daher.

Unter der Überschrift „Zur verlogenen Kritik an Jörg Sartor“ beschimpft Kaube Kritiker der Entscheidung des Vorstands der Essener Tafel in der typischen Diktion der Rechten als „politische Tugenddarsteller“. Der Tafel-Vorsitzende werde „belehrt und angefeindet“. Die „Vorwürfe“ gegen Sartor, erklärt Kaube, „spotten jeder Beschreibung“.

Kaubes Ausfälle gipfeln in der Frage: „Welche Leistungen zugunsten von Bedürftigen haben diejenigen vorzuweisen, die Jörg Sartor jetzt darüber belehren, wie er und die Seinen mit den Lebensmitteln umzugehen haben, die sie in privater Initiative verteilen?“

Damit ist offenbar auch Herbert Jenkner (65) gemeint, der eine 17-jährige Mitgliedschaft in der Essener Tafel „vorzuweisen“ hat, diese aufgrund der Entscheidung des Vorstands aber nun beendete. Auf Anfrage der World Socialist Web Site erklärte Jenkner, dass ihm Kaubes Artikel vor allem durch seine Realitätsferne auffiel. „Als ich das gelesen habe, dachte ich nur: Das kann nicht wahr sein.“ Kaube habe sich offenbar nicht die Mühe gemacht, die wirklichen Vorgänge zu verstehen.

Gegenüber der WSWS erklärt der ehemalige Lehrer, er habe damals bei der Tafel angefangen, weil er „im Leben viel Glück gehabt“ habe. „Die Gesellschaft hat mir viel gegeben. Ich wollte etwas davon zurückgeben.“ Auch deshalb sei ihm die Entscheidung, die Tafel zu verlassen, alles andere als leicht gefallen. Es sei ihm überhaupt nicht darum gegangen, den Vorstand zu „belehren“. In mehreren Aussprachen habe er versucht, Sartor zur Rücknahme der Entscheidung zu bewegen. Zu seinem Bedauern habe er keinen Erfolg gehabt.

In seinem Austrittsschreiben, das der WSWS vorliegt, erklärt er, ihm sei es „eine Ehre“ gewesen, „für die Essener Tafel zu arbeiten“. Sich für eine Tafel zu engagieren, „die solcherart gegen ihre eigenen Grundwerte verstößt, ist mir keine Ehre mehr“. Damit meint Jenkner vor allem den vierten der acht Grundsätze der Tafeln: „Die Tafeln helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen.“ Er wolle „nicht für eine Tafel arbeiten, in der die Nationalität darüber [mit-]entscheidet, wer sich hinten anstellen muss“.

Eine Woche vor seinem Austritt hatte Jenkner, der die meiste Zeit mit einem der kleineren Laster Lebensmittel von den Spendern zur Tafel fuhr, bereits eine Erklärung in der Nachbarschaft verteilt, zu der er sich durch „die aktuelle Entwicklung genötigt“ gesehen habe. Jenkner schrieb, er halte den Beschluss für „beschämend, fehlerhaft und falsch“.

Dieser sei „fremdenfeindlich und unsolidarisch“. „Hilfsbedürftigkeit“, so der ehemalige Tafel-Mitarbeiter, „ist nicht von der Nationalität abhängig – und mein Hilfsangebot ebensowenig“. Der Beschluss sei zudem „ohne Diskussion“ und „ohne Befragung und Information“ der Tafel-Mitglieder zustande gekommen und insofern „undemokratisch“. Die Entscheidung des Vorstands sei „falsch“, weil dadurch „die Arbeit der Essener Tafel und ihrer ehrenamtlichen Helfer erschwert und diskreditiert“ werde. Von dem Beschluss gingen Signale aus, die die Arbeit der Tafeln im ganzen Land gefährde.

„Die Verweigerung von Hilfe für meine hilfsbedürftigen Nachbarn ohne deutschen Pass ist für mich in keiner Weise hinnehmbar“, schreibt Jenkner. Aus seiner Haltung habe er auch gegenüber etwa zwei Dutzend Pressevertretern, die sich am Dienstag letzter Woche in den Räumlichkeiten der Tafel im Essener Wasserturm versammelt hatten, keinen Hehl gemacht.

Gegenüber der WSWS schildert Jenkner: „Vertreter von allen möglichen großen Zeitungen und Sendern waren da. Ich habe RTL gesehen, den WDR, auch die Bild. Trotz der Offensichtlichkeit meiner Kritik an der Vorstands-Meinung, gab es keine weiteren Nachfragen. Meine Äußerungen wurden zur Kenntnis genommen, in den Berichten wurde jedoch nicht weiter darauf eingegangen.“

Er habe sich an die Redaktion der WAZ gewandt. Ein geplantes Interview sei jedoch nie zustande gekommen. Stattdessen brachte die WAZ am 24. Februar ein Interview mit Sartor, der sich darin über die mangelnde „Anstellmentalität“ von Ausländern ereifert. Jenkner wird in einem Artikel am darauffolgenden Tag zur Randnotiz. Die WAZ zitiert einen einzigen Satz. Der WSWS erklärt er: „Es ging mir nicht darum, selbst eine Kampagne loszutreten oder in der internen Diskussion ,zu gewinnen‘. Ich wollte Schaden von der Tafel abwenden.“

Wie wenig die Medienkampagne mit der Realität zu tun hat, zeigt sich nicht nur am Beispiel von Herbert Jenkner. Vor der Tafel verteidigen manche der Bedürftigen die Entscheidung, weil sich Ausländer schlecht benommen hätten. Eine Mehrheit begegnet dem Beschluss jedoch entweder skeptisch oder mit offener Kritik. Den Kamerateams fiel es entsprechend schwer, diejenigen herauszusuchen, die sich hinter Sartor stellten. Während Reporter der WSWS mit den Bedürftigen sprachen, holten sich die Fernsehteams vor allem Mitarbeiter der Tafel vor die Kamera, die Sartor unterstützen oder im AfD-Ton davor warnten, dass die Deutschen bald verdrängt sein würden.

„Ich finde die Entscheidung nicht richtig. Hier steht doch niemand zum Spaß an. Viele trauen sich gar nicht zur Tafel zu kommen“, meint hingegen einer der Rentner, die an einem Freitagmittag anstehen. Er verstummt als drei weitere Bedürftige hinzukommen, die den Beschluss verteidigen. Dass Migranten ein „Nehmer-Gen“ hätten, wie Sartor erklärte, ist hier jedoch nicht zu hören.

„Als ich das gehört habe“, sagt eine ältere Frau, die ihre Lebensmittel wie viele andere in einem Einkaufstrolley hinter sich herzieht, „da war ich erstmal geschockt“. Sie selbst sei mit einem Nigerianer verheiratet: „Da bekommt man schon ein ungutes Gefühl bei so einer Maßnahme.“ Zwar habe Sartor seine Entscheidung begründet. In den drei Jahren, die sie nun regelmäßig zur Tafel komme, habe sie Rangeleien jedoch nie erlebt.

Aryen kam als Kind aus Tunesien nach Deutschland. Eigentlich heißt er anders, will aber – wie viele andere – lieber anonym bleiben. Er habe 15 Jahre als Koch gearbeitet, bis seine Frau ihn wegen der Arbeitszeiten kaum noch gesehen habe. Nach einigen Schicksalsschlägen ist er bei der Tafel gelandet, um seine Familie durchzubringen. Er berichtet, dass sich ein paar Leute in der Schlange vorgedrängelt hätten. „Die Entscheidung, jetzt alles Ausländer draußen zu lassen, ist aber einfach nicht richtig. Die allermeisten verhalten sich wie alle anderen auch.“

Ein junger Mann steht am Montagmittag in der Schlange. Er trägt seinen kleinen Sohn auf den Schultern. Auf den Beschluss des Tafel-Vorstands angesprochen, reagiert er wütend: „Es kann nicht sein, dass hier jetzt alle über einen Kamm geschoren werden. Wenn sich hier jemand nicht benehmen kann, dann muss er vor die Tür, egal ob Deutscher oder Ausländer. Aber jetzt alle Ausländer vor die Tür zu setzen... Das geht gar nicht!“

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