Viele Familien in Deutschland ärmer als bislang bekannt

Von Juliet Hermien
13. Februar 2018

Am 7. Februar 2018 veröffentlichte die Bertelsmann Stiftung eine Studie, die aufzeigt, dass die Einkommenssituation vieler Familien in Deutschland wesentlich schlechter ist als bislang angenommen. Vor allem die armen Familien seien „bisher reicher gerechnet“ worden, „als sie tatsächlich sind“, heißt es in einem Artikel zur Studie auf der Webseite der Stiftung.

Zu diesen Ergebnissen führte an erster Stelle die Anwendung einer neuen Methodik. Für Berechnungen von Einkommenssituationen wurde bislang die OECD-Skala verwendet. Allerdings wurde von den an der Studie beteiligten Forschern durch vergleichende Berechnungen festgestellt, dass diese „die Einkommen armer Haushalte systematisch über- und jene reicher Haushalte unterschätzt“. Auch in den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung wurde die OECD-Skala bisher verwendet.

Die Skala arbeitet mit sogenannten Äquivalenzgewichten. Dabei wird davon ausgegangen, dass jedes Kind unter 14 Jahren 0,3 Mal so viel Einkommen benötigt wie ein alleinstehender Erwachsener. Jedes weitere Haushaltsmitglied das über 14 Jahre alt ist, also sowohl ein Jugendlicher als auch ein Ehepartner, erhält den Faktor 0,5. Eine Familie bestehend aus Eltern und zwei kleinen Kindern würde diesen Berechnungen nach also auf einen Faktor von 2,1 kommen und demnach das 2,1-fache Einkommen eines alleinlebenden Erwachsenen benötigen.

Laut den Forschern der Ruhr-Universität in Bochum geht das an der Realität vorbei. Zusätzliche „hohe Fixkosten, etwa für ein Kinderzimmer, Schulsachen oder Kleidung […] fallen bei niedrigen Einkommen stärker ins Gewicht als bei vergleichsweise wohlhabenden Familien“, stellen sie fest. Eine wohlhabende Familie müsste zum Beispiel bei der Geburt eines weiteren Kindes wahrscheinlich nicht in eine geräumigere Wohnung umziehen, da sie höchstwahrscheinlich schon in einer großen Wohnung lebt. Bei einer ärmeren Familie wäre allerdings eher das Gegenteil der Fall. Die OECD-Skala bezieht derartige Unterschiede nicht mit ein und steht dafür nun in der Kritik.

Die an der Studie beteiligten Forscher entwickelten deshalb einkommensabhängige Äquivalenzgewichte, denen Verbraucherdaten des statistischen Bundesamtes zugrunde liegen, und berechneten mithilfe derer Armutsrisikoquoten für verschiedene Familienkonstellationen, welche deutlich über den bisher geltenden liegen.

Für Familien mit alleinerziehenden Eltern erhöhte sich das Armutsrisiko demnach von 46 Prozent auf 68 Prozent. Diese seien besonders betroffen, da sie aufgrund der zeitaufwendigen Kinderbetreuung nicht die Möglichkeit hätten, bei Geldknappheit einfach mehr zu arbeiten. Für Paarfamilien liegt das Armutsrisiko mit einem Kind nun aktuell bei 13 Prozent, mit zwei Kindern bei 16 Prozent und mit drei Kindern bei 18 Prozent. Diese Werte liegen jeweils ungefähr drei Prozent über dem bislang angenommenen Wert und zeigen auf, dass das Armutsrisiko einer Familie mit jedem weiteren Kind steigt. Ein Haushalt gilt dann als armutsgefährdet, wenn er weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens aller Haushalte zur Verfügung hat.

Die Studie analysiert des Weiteren die Einkommensentwicklungen im Zeitraum von 1992 bis 2015 und kommt zu dem Schluss, dass die Ungleichheit zwischen wohlhabenden und armen Familien stärker zugenommen hat, als bisher geglaubt. So seien „die äquivalenzgewichteten Einkommen bei praktisch allen Haushaltstypen am unteren Rand der jeweiligen Verteilungen im Zeitablauf mindestens phasenweise deutlich weniger angestiegen als beim Median oder bei höheren Einkommen“. Die in diesem Zeitraum „erfolgten Änderungen finanzieller Instrumente der Familienpolitik, etwa die Integration von Kindergeld und Kinderfreibeträgen sowie ihre weiteren Anhebungen“ hätten „nur geringe Effekte auf die Wohlstandspositionen von Familien“ gehabt.

Während SPD und CDU/CSU die nächste Große Koalition und eine neue Runde sozialer Angriffe vorbereiten, hatte bereits im Januar eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) darauf hingewiesen, dass Deutschland insgesamt noch viel ungleicher ist als bisher angenommen. Laut der Studie, die im Gegensatz zu anderen Studien die horrenden Vermögen der Superreichen berücksichtigt, besitzen die 45 reichsten Haushalte des Landes mit 214 Milliarden Euro Vermögen genauso viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Deutschland ist damit bereits jetzt eines der sozial ungleichsten Länder in Europa.

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