Verhaftung einer protestierenden Lehrerin in Louisiana: Jeden Tag ein neuer Skandal

13. Januar 2018

Was könnte es „amerikanischeres“ geben als eine Bürgerversammlung der örtlichen Schulbehörde? Es ist eine Szene wie aus einem Gemälde von Norman Rockwell: gelebte Demokratie, in der einfache Bürger ihre Beschwerden äußern und sich Gehör verschaffen können. So stellt man sich die Ausübung von staatsbürgerlicher Pflicht und Verantwortung vor. Doch im heutigen Amerika sähe sich Rockwell angesichts des Schicksals der Lehrerin Deyshia Hargrave aus Louisiana eher gezwungen, den Stil von Francisco Goya oder Hieronymus Bosch zu übernehmen.

Am vergangenen Montag hatte es die couragierte Lehrerin der Rene A. Rost Middle School in der Gemeinde Vermilion Parish bei einer solchen Versammlung der Schulbehörde gewagt, mit ruhiger aber entschlossener Beharrlichkeit zu fragen, warum die örtliche Schulbehörde dem Oberschulrat des Bezirks Jerome Puyau sein Gehalt von bereits 110.000 Dollar nochmals um 38.000 Dollar erhöht hat.

Hargrave ist Lehrerin für englische Sprache und Literatur und wurde im Schuljahr 2015/16 zur Lehrerin des Jahres an ihrer Schule gewählt. Sie erklärte, die Entscheidung sei ein „Schlag ins Gesicht für die Lehrer, die Cafeteria-Beschäftigten und das gesamte Hilfspersonal“, die „keinen Cent mehr bekommen“. Die Klassengröße in dem Schulbezirk ist in den letzten Jahren von 21 auf 29 Schüler angestiegen, die Lehrer haben seit zehn Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen.

Vermilion Parish, unweit von New Orleans, ist genau wie viele andere Schulbezirke in den Ölfördergebieten von Louisiana mit einem Defizit in Millionenhöhe konfrontiert, hat aufgrund von Ausgabenkürzungen und sinkenden Steuereinnahmen kaum noch Mittel. Hargrave fragte, wo das Geld für die Gehaltserhöhung herkommen soll: „Woher wollen Sie das Geld nehmen? Denn Sie nehmen es doch im Grunde den Lehrern aus der Tasche.“

Hargrave wurde angewiesen, den Mund zu halten. Als sie dagegen protestierte, wurde sie von einem Deputy Marshal, der im Auftrag des Präsidenten der Schulbehörde handelte, angewiesen den Raum zu verlassen. Sie leistete dieser Anweisung Folge, wurde aber von dem Marshal zu Boden gezwungen, in Handschellen gelegt und in einen Streifenwagen gebracht. Er warf ihr vor, sie habe den Verweis missachtet und „Widerstand gegen einen Beamten“ geleistet. Die ganze Szene wurde auf Video aufgenommen und seither von Millionen Menschen angesehen.

Solche Skandale ereignen sich jeden Tag in zahllosen Formen. Die Medien berichteten noch über die Ereignisse in Louisiana, als schon ein neues Video in den sozialen Netzwerken die Runde machte. Darin ist zu sehen, wie eine behinderte und offensichtlich verarmte Frau in der bitterkalten Nacht von Sicherheitspersonal des Universitätsklinikums der University of Maryland an einer Bushaltestelle in Baltimore abgesetzt wurde. Offensichtlich wurde sie Opfer der gängigen Praxis, Patienten ohne Krankenversicherung gewaltsam aus Kliniken zu entfernen.

Hargraves Schicksal hat die Bevölkerung berührt. Eine Onlinepetition mit dem Titel „Warum ich auf der Seite von Deyshia Hargrave stehe“ wurde bereits von mehr als 20.000 Personen unterzeichnet, fast 4.000 davon aus Louisiana. Weitere Unterzeichner stammen aus dem ganzen Land und dem Rest der Welt, u.a. aus West- und Osteuropa, Russland, Brasilien, Indien, Australien, Südafrika und Algerien.

Die Äußerungen der Lehrerin – „Wir machen die Arbeit“ und „Sie machen uns unsere Arbeit noch schwerer“ – decken sich mit den alltäglichen Erfahrungen der Arbeiter in den USA und auf der ganzen Welt.

Was gibt Beamten der Schulbehörde das Recht, Mittel abzuschöpfen und Proteste zu unterdrücken? Bei ihren kleineren Diebstählen lassen sie sich von noch viel größerem Diebstahl inspirieren, und ihr autoritäres Verhalten speist sich aus einem größeren sozialen Umfeld.

Während die Aktienkurse auf über 25.000 Punkte gestiegen sind und sich die amerikanische Wirtschaft über eine massive Steuersenkung freut, sinkt der Lebensstandard für Dutzende Millionen von Arbeitern. Die Bevölkerung erleidet eine Katastrophe nach der anderen, und die von der Wirtschaft kontrollierten Regierungen reagieren darauf mit offener Gleichgültigkeit. Die politischen Vertreter der Wirtschafts- und Finanzelite, egal ob sie sich Demokraten oder Republikaner nennen, kürzen die Mittel für wichtige Sozialleistungen wie das Bildungs- und Gesundheitswesen immer weiter, haben aber unbegrenzte Gelder für Bankenrettungen, Steuergeschenke und endlose Kriege.

Die herrschenden Eliten sind so daran gewöhnt, ohne jeden Widerstand tun zu können, was sie wollen, dass sie auf die ersten Anzeichen von Widerstand mit Polizeiknüppeln reagieren. Diese Klassenverachtung für die Sorgen und demokratischen Rechte der arbeitenden Bevölkerung dringt vom Weißen Haus über den Kongress in Washington bis hinunter zu den kleinen Bürokraten, die Haushaltskürzungen und Sparmaßnahmen durchsetzen.

Wenn so die Reaktion einer lokalen Schulbehörde auf den Widerstand einer kleinen Gruppe von Lehrern aussieht, wie würde dann ein Milliardär wie Amazon-Besitzer Jeff Bezos auf eine echte Rebellion der Arbeiterklasse und eine Massenbewegung gegen seinen Reichtum und die diktatorische Herrschaft seiner Klasse reagieren? Bezos würde keine Deputy Marshals und private Sicherheitsleute einsetzen, sondern den Einsatz US Army fordern.

Solche Ungerechtigkeiten und Empörungen über die Verletzung der persönlichen Würde sind die vielseitigen Folgen eines gemeinsamen Problems: der sozialen Ungleichheit. Sie entwickeln jedoch auch das Bewusstsein der Arbeiterklasse auf, und wenn sich diese Stimmung in politischer Form äußert, wird sie sich nicht nur gegen lokale Schulbeamte richten.

Jerry White

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