Teilzeitarbeit in Deutschland massiv gestiegen

Von Elisabeth Zimmermann
3. Januar 2018

Die Zahl der Arbeitsstunden, die in Teilzeit geleistet werden, ist in Deutschland zwischen 2000 und 2016 um fast 70 Prozent gestiegen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervor, über die die Rheinische Post am 16. Dezember berichtete. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Menschen, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, drastisch erhöht.

Der Anteil der Teilzeitarbeit am gesamten Arbeitsangebot stieg seit 2000 von 13,4 auf 21,7 Prozent. Die durchschnittliche Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten erhöhte sich in diesem Zeitraum um 18,3 Prozent, während die Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten um 1,3 Prozent sank.

Vor allem Frauen arbeiten in Teilzeit. Im Jahr 2016 waren es fast 40 Prozent, während der Anteil bei Männern unter 10 Prozent lag. Zu Beginn des Jahrhunderts hatten nur 26 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Männer in Teilzeit gearbeitet.

Viele Betroffene arbeiten nicht freiwillig in Teilzeit, sondern weil sie keine angemessene Vollzeitbeschäftigung finden. Frauen, die wegen der Betreuung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen Teilzeit arbeiten, gelingt es nur sehr selten, anschließend wieder in eine Vollzeitstelle zurückzukehren. Vor allem die Hartz-Gesetze, die die rot-grüne Bundesregierung 2003 einführte, haben zu einem explosionsartigem Wachstum von Teilzeitstellen und des Niedriglohnbereichs geführt.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit hatte bereits im Sommer letzten Jahres ermittelt, dass die Zahl der Teilzeitbeschäftigten innerhalb von 20 Jahren von 8,3 Millionen auf 15,3 Millionen Menschen gestiegen ist.

Mit dem Anstieg von Teilzeit- und Niedriglohnarbeit geht eine deutliche Zunahme von Armut einher. So ist die Anzahl der Haushalte mit mindestens einem sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten, die mit Hartz IV-Leistungen aufstocken müssen, seit 2007 um 156 Prozent auf 377.000 gestiegen. In diesem Bereich wurden 2016 3,3 Milliarden Euro für Hilfe zum Lebensunterhalt ausgegeben.

Auch die Altersarmut wächst als Folge der Teilzeitarbeit, da die Rentenansprüche aufgrund der niedrigeren Löhne sinken. Hinzu kommen zahlreiche weitere Maßnahmen, die das Rentenniveau sinken lassen, wie die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, die stärkere Besteuerung von Renten und der Abzug von Sozialversicherungsbeiträgen. Sie wurden fast alle unter der Federführung von SPD-Arbeitsministern wie Franz Müntefering und Andrea Nahles beschlossen.

Während der Weihnachtstage berichteten mehrere Zeitungen über die wachsende Zahl von Rentnern, die auf Lebensmittelhilfeunterstützung der Tafeln angewiesen sind. Laut Angabe des Bundesverbands der Hilfsorganisation ist bereits jeder vierte Kunde ein Rentner. Die Anzahl der Senioren, die zu einer Tafel gehen, hat sich damit innerhalb von zehn Jahren auf 350.000 verdoppelt.

Die Tafeln, von denen es bundesweit mehr als 900 gibt, sammeln Lebensmittel von Restaurants, Geschäften und Supermärkten und geben die zu einem geringen Preis oder kostenlos an Bedürftige weiter. Dabei handelt es sich überwiegend um Hartz-IV-Empfänger, kinderreiche Familien, Obdach- und Wohnungslose, Flüchtlinge und arme Rentner. Insgesamt versorgen die Tafeln jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmittelspenden.

Jochen Brühl, der Vorsitzende der Tafel Deutschland, sagte der Süddeutschen Zeitung zur wachsenden Zahl von Rentnern, die die Tafeln in Anspruch nehmen: „Wir merken, dass die Mieten vielfach stärker als die Renten zulegen und sich mehr alte Menschen abgehängt fühlen.“ Viele alte Menschen wollten „ihren Kindern nicht zur Last fallen“. Viele fühlten sich auch einsam und suchten soziale Kontakte.

In München, einer der reichsten und teuersten Städte Deutschlands, versorgen die Tafeln 20.000 Menschen in der Woche mit Lebensmitteln. Auch hier sind die von Altersarmut Betroffenen die am schnellsten wachsende Gruppe. Ihr Anteil beträgt inzwischen 40 Prozent.

Die Leiterin der Tafel in München, Frau Kiethe, sagte der Süddeutschen Zeitung: „Als wir vor 24 Jahren angefangen haben, haben wir 400 Menschen versorgt. Inzwischen sind es 50 Mal so viele. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir Vertrauen gewonnen haben und bekannter geworden sind. Aber die Menschen verarmen auch immer mehr. Ich beobachte etwa, dass sich viele kinderreiche Familien schwer tun. Die Mieten in München sind unbezahlbar. Es geht nicht nur ums Essen, sondern auch um gesellschaftliche Teilhabe. Ich höre oft: ,Ich würde so gerne mal mit meiner Freundin ins Kino gehen oder einen Kaffee trinken. Aber es reicht einfach nicht.‘“

Ulrike Mascher, die Vorsitzende des Sozialverbands VdK, sagte, Altersarmut sei vor allem weiblich. Sterbe der Ehemann oder sei eine Frau als Rentnerin alleinstehend, seien die Altersbezüge häufig sehr gering. Sie bezeichnete es als „beschämend, dass die Tafeln notwendig sind“. Sie sprach von einem „Armutszeugnis für Deutschland“.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erhielten 2016 etwa 526.000 Menschen in Deutschland die Grundsicherung im Alter, das Hartz IV für Senioren. Seit Einführung dieser Leistung im Jahr 2003 hat sich die Zahl der Empfänger im Rentenalter mehr als verdoppelt.

Zur Zeit ist der offizielle Anteil der Armen unter den Rentnern noch relativ gering. 2015 waren 3,2 Prozent der Menschen ab 65 Jahren auf Grundsicherung angewiesen. Hier ist aber auch die Dunkelziffer hoch, da viele arme alte Menschen nicht wissen, dass sie Anspruch auf diese Leistung haben, oder sich schämen, sie zu beantragen.

Es gibt bereits viele Studien, die davor warnen, dass sich das Armutsrisiko im Alter stark erhöht. Dies gilt besonders für Langzeitarbeitslose, Geringverdiener und Selbstständige ohne Altersvorsorge.

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