Abschließende Gedanken zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

30. Dezember 2017

Zu Beginn des nun zu Ende gehenden Jahres schrieben wir auf der World Socialist Web Site: „Ein Gespenst geht um in der Welt des Kapitalismus: das Gespenst der russischen Revolution.“ Der Umgang der bürgerlichen Historiker und Journalisten mit dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution hat diese Aussage voll und ganz bestätigt. In den ersten Monaten des Jahres herrschten zynische und abwertende Kommentare vor; typisch war die Flapsigkeit der Historikerin Sheila Fitzpatrick, die im März in der London Review of Books schrieb: „An einem kompletten Scheitern gibt es nichts zu deuteln, und der 100. Jahrestag der Revolution ist für Historiker vom Verschwinden der Sowjetunion überschattet. Selten wird in der Flut der Neuerscheinungen für ihre bleibende Bedeutung plädiert, und die meisten Schriften muten apologetisch an ... Der Sozialismus hat sich als solches Trugbild erwiesen, dass es gnädiger erscheint, über ihn hinwegzugehen.“

Doch als im weiteren Verlauf des Jahres die Kriegsgefahr wuchs, die globale politische Instabilität täglich mit Händen zu greifen war und sich die sozialen Spannungen zuspitzten, nahmen die Kommentare einen düsteren Klang an. Angeblich war das Gespenst der sozialistischen Revolution mit der Auflösung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie 1991 für alle Zeiten gebannt worden. Als jedoch das konkrete Datum des 100. Jahrestags der von Lenin geführten Revolution herannahte, da musste sich die Bourgeoisie frei nach Lady Macbeth fragen: „Aber wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Blut in sich hätte?“

In einem Essay, der am 6. November in der New York Times erschien, schrieb der rechtsgerichtete Historiker Simon Sebag Montefiore: „Die Oktoberrevolution, die Wladimir Lenin vor genau einem Jahrhundert organisierte, ist heute noch in einer Art und Weise relevant, die unvorstellbar schien, als die Sowjetunion zusammenbrach.“ Nervös stellte er fest, dass der Sieg der Bolschewiki immer noch nachhalle, die Menschen in seinen Bann ziehe und sich in einer „epischen, mythischen, betörenden Gestalt“ vor ihnen erhebe. Montefiore beklagte, dass es die bürgerliche Provisorische Regierung in Russland versäumt habe, die russische Revolution durch den Mord an Lenin zu erledigen.

Am selben Tag warnte die antikommunistische Historikerin Anne Applebaum in der Washington Post die Regierenden vor Selbstgefälligkeit: Der Kapitalismus sei nach wie vor anfällig für die sozialistische Revolution. Selbst wenn die Zahl der revolutionären Sozialisten noch gering sei, solle man ihre potenzielle Kraft nicht unterschätzen. „Vergessen wir nicht“, schrieb Applebaum“, dass Anfang 1917 ... die meisten der Männer, die später weltweit als Bolschewiki bekannt wurden, Verschwörer und Fanatiker am Rande der Gesellschaft waren. Doch Ende des Jahres herrschten sie über Russland.“ Die Lehre aus 1917 laute unverkennbar: „Wenn ein System hinreichend geschwächt und die Opposition hinreichend gespalten ist, wenn die herrschende Ordnung hinreichend korrupt ist, dann können Extremisten unvermittelt ins Zentrum treten, dorthin, wo niemand mit ihnen gerechnet hat.“

Im Gegensatz zu den höchst klassenbewussten bürgerlichen Historikern hielten die Vertreter der kleinbürgerlichen Pseudolinken an der Auffassung fest, dass die Oktoberrevolution als theoretischer Leitfaden und politisches Vorbild für Sozialisten in der heutigen Welt ausgedient habe. Sie sind nicht unbedingt dagegen, Lenin und auch Trotzki rein zeremoniell zu ehren. Doch in praktischer Hinsicht halten sie die Theorie, Politik und Erfahrung der Bolschewiki und der Oktoberrevolution für die heutige Welt für belanglos. Einen besonders unverblümten Ausdruck fand diese bankrotte Einschätzung in einer Sonderausgabe der Zeitschrift Jacobin zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Unter der Überschrift „Die neuen Kommunisten“ leiteten Connor Kilpatrick und Adaner Usmani ihren Essay mit den Worten ein: „Wir befinden uns im Jahr 2017. Es ist an der Zeit, sich nicht länger mit den Fragen von 1917 herumzuschlagen.“

Dieser Ratschlag ist nicht ganz so originell, wie Kilpatrick und Usmani vielleicht glauben. Er entspricht der grundlegenden Konzeption, die der Entstehung der „Neuen Linken“ vor einem halben Jahrhundert zugrunde lag. Wie schon 1968 richtet sich die Aufforderung, „sich nicht länger mit den Fragen von 1917 herumzuschlagen“, gegen das Studium von Theorie, Programm, Grundsätzen und theoretischen Lehren der ersten und einzigen Machteroberung der Arbeiterklasse unter der Führung einer revolutionären marxistischen Partei. In ihrer Geschichtsvergessenheit lehnen es die „Neuen Linken“ und ihre pseudolinken Nachfahren ab, zu untersuchen, auf welche Weise der Stalinismus, die Sozialdemokratie, der Zentrismus und andere Formen des politischen Opportunismus dafür gesorgt haben, dass die zahlreichen Gelegenheiten für den revolutionären Sturz des Kapitalismus, die sich der Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert boten, versäumt wurden und in Niederlagen endeten. Vor allem aber soll der von den Pseudolinken propagierte Gedächtnisschwund eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Programm des Trotzkismus und der Vierten Internationale verhindern.

Der Aufsatz von Kilpatrick und Usmani wimmelt von den zynischen und oberflächlichen Argumenten, wie sie für Jacobin insgesamt typisch sind – nicht umsonst wird die Zeitschrift von der New York Times als Vertreterin der zeitgenössischen sozialistischen Theorie beworben und gepriesen. „Ob der Sozialismus des 20. Jahrhunderts zum Scheitern verurteilt war oder nicht, wir leben heute in einem neuen Zeitalter“, schreiben die Autoren. Ohne genau zu erklären, worin dieses „neue Zeitalter“ besteht oder sich grundlegend von jenem der Oktoberrevolution unterscheidet, behaupten Kilpatrick und Usami schlicht: „Heute, 100 Jahre später, hat sich die Welt gedreht. [?] Nirgends ähneln die politischen Aufgaben heute auch nur im entferntesten denjenigen, vor denen die Bolschewiki 1918 standen. [??] Die Bolschewiki erbten eine Welt, die von einem mörderischen Krieg zwischen imperialistischen Mächten erschüttert wurde; wir leben in der friedlichsten Zeit der aufgezeichneten Geschichte.“ [???]

Diese Rip Van Winkles der Politik scheinen das letzte Vierteljahrhundert verschlafen zu haben. Die beiden Invasionen im Irak, die Balkankriege der 90er Jahre, die vom Imperialismus angezettelten Blutbäder in Afrika und das allgemeine Gemetzel, das seit 16 Jahren im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ im Nahen und Mittleren Osten und Zentralasien angerichtet wird, scheint ihnen entgangen zu sein. In dieser „friedlichsten Zeit der aufgezeichneten Geschichte“ wurden Millionen Menschen getötet und verwundet, Dutzende Millionen verloren ihr Obdach und wurden zu Vertriebenen.

„Die arbeitenden Klassen der Welt haben sich weiterentwickelt“, verkünden die Theoretiker von Jacobin. Die Zeit für „blauäugige Träume“ sei vorbei. Stattdessen „sollten wir uns nicht mehr um alte Antworten auf alte Fragen, sondern lieber um die Probleme kümmern, die sich arbeitenden Menschen stellen“. Wir leben also nicht im Zeitalter von Lenin und Trotzki, sondern von … Sanders und Corbyn! Diese beiden erbärmlichen Vertreter eines senilen Reformismus werden als die wahre Stimme von „zig Menschen“ gefeiert, die „wild entschlossen sind die Welt zu verändern“. Allerdings erklären Kilpatrick und Usmani nicht, wie diese revolutionären Bestrebungen unter der Führung von zwei Männern erfüllt werden sollen, die „wild entschlossen“ sind, die Demokratische Partei in den USA und die Labour Party in Großbritannien zu retten, zwei der reaktionärsten kapitalistisch-imperialistischen Parteien der Welt.

* * * * *

In den vergangenen zwölf Monaten hat das Internationale Komitee der Vierten Internationale den Jahrestag der Oktoberrevolution auf eine Weise begangen, die seine tiefe historische und politische Verbundenheit mit den Ereignissen von 1917 und dem revolutionären internationalistischen Programm des Bolschewismus zum Ausdruck brachte. In diesem Rahmen veröffentlichten wir auf der World Socialist Web Site u.a. eine detaillierte wöchentliche Chronologie von 1917, in der wir die wichtigsten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ereignisse nachverfolgten, die das Revolutionsjahr in Russland und international prägten. Dabei konzentrierten wir uns nicht nur auf die großen politischen und theoretischen Auseinandersetzungen von 1917, sondern vermittelten auch einen Eindruck des gesellschaftlichen und kulturellen Umfelds, in dem sich die revolutionäre Bewegung des russischen Proletariats entfaltete. Darüber hinaus untersuchte und erläuterte das Internationale Komitee in neun Online-Vorträgen die wesentlichen Fragen von Theorie, Programm und Perspektive, mit denen die Bolschewistische Partei in der Februar- und der Oktoberrevolution von 1917 konfrontiert war. Im Herbst dieses Jahres schließlich veranstalteten die dem Internationalen Komitee angeschlossenen Parteien in Nordamerika, Europa, Asien und dem asiatisch-pazifischen Raum öffentliche Vorträge über die geschichtliche Bedeutung und die historischen Lehren der Oktoberrevolution, die ein zahlreiches Publikum aus Studierenden und arbeitenden Menschen anzogen.

Jeder Aspekt der Gedenkaktivitäten des Internationalen Komitees der Vierten Internationale wurzelte in einer kompromisslosen Verteidigung einer revolutionären marxistischen Perspektive. Diese umfasst folgende wesentliche Auffassungen:

1) Die Oktoberrevolution markiert den Beginn der Epoche der sozialistischen Weltrevolution, der historischen Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, die bis heute andauert. Die Errichtung der Arbeitermacht 1917 und die anschließende Gründung der Sowjetunion 1922 waren kolossale Errungenschaften der Oktoberrevolution. Und doch war die Errichtung und Verteidigung der Sowjetmacht nur eine Episode in der sozialistischen Weltrevolution. Der grundlegende Verrat des Stalinismus, die Quelle all seiner Verbrechen an der russischen und internationalen Arbeiterklasse, war die Zurückweisung des Programms der Revolution und die Perversion des Bolschewismus in ein Projekt zum Aufbau eines nationalen Staats. Das Programm des „Sozialismus in einem Land“, das Stalin und Bucharin 1924 ausriefen, war eine Wiederbelebung der national-demokratischen Orientierung, die Stalin und Kamenew unmittelbar nach dem Februarrevolution 1917 vertreten hatten und von Lenin nach seiner Rückkehr nach Russland im April unversöhnlich bekämpft worden war.

2) Die Ereignisse von 1917, die in der Eroberung der politischen Macht durch das russische Proletariat gipfelten, bestätigten die Perspektive der permanenten Revolution, die Leo Trotzki im Anschluss an die Revolution von 1905 ausgearbeitet hatte. Wie Trotzki vorhergesehen hatte, konnten die demokratischen Aufgaben der Revolution nur erfüllt werden, indem das Proletariat die Bourgeoisie stürzte und zu sozialistischen Maßnahmen überging. Die Verteidigung der sozialistischen Revolution, in welchem Land auch immer, hängt von ihrer Ausdehnung auf den Rest der Welt ab.

3) Der Sieg der Oktoberrevolution bewies die Notwendigkeit einer marxistischen Avantgardepartei. Ohne Lenins langwierigen Kampf gegen den politischen Opportunismus und gegen den Einfluss idealistischer Revisionen des philosophischen Materialismus hätte es in der Arbeiterklasse nicht den außerordentlich bewussten Kader marxistischer Revolutionäre gegeben, der notwendig war, um die spontane Massenbewegung in Russland 1917 politisch und organisatorisch auszurichten.

4) Die Notwendigkeit der revolutionären marxistischen Partei, die die Bolschewiki durch ihre Führung 1917 positiv bestätigten, wurde durch die Niederlagen der Arbeiterklasse in den darauffolgenden Jahrzehnten negativ bestätigt. Nicht das Fehlen revolutionärer Situationen und Gelegenheiten, sondern der Verrat der Führungen der bürokratisch kontrollierten Parteien und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterklasse ermöglichte es dem Kapitalismus, das 20. Jahrhundert zu überleben.

5) Die Lösung der Krise der Führung der Arbeiterklasse, die Trotzki im Gründungsprogramm der Vierten Internationale betonte, ist bis heute die große historische Aufgabe der revolutionären sozialistischen Bewegung.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale kann zurecht mit Stolz auf die bemerkenswerte theoretische und politische Arbeit zurückblicken, die es im Jahr 2017 geleistet hat. Zusätzlich zur täglichen Veröffentlichung der World Socialist Web Site waren wir in der Lage, dieses anspruchsvolle politische und theoretische Bildungsprojekt durchzuführen – ein Beleg dafür, dass das Internationale Komitee der Vierten Internationale als einzige revolutionäre marxistische Partei der Welt erheblich an Stärke gewonnen hat.

Aber Stolz auf die Errungenschaften der Vergangenheit hat nichts mit passiver Selbstzufriedenheit zu tun. Das Internationale Komitee betrachtet seine gesamte Bildungsarbeit des vergangenen Jahres als wesentliche Vorbereitung auf das Wiederaufleben des internationalen Klassenkampfes, das zum wichtigsten politischen Merkmal des Jahres 2018 werden wird.

David North

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